x
Loading
+ -

University of Basel

Die mobile Entsorgung der TV-Ästhetik

Klaus Neumann-Braun

Klaus Neumann-Braun
Klaus Neumann-Braun

Längst hat die Individualkommunikation die klassische Massenkommunikation abgelöst. Ein überbordendes Medienangebot und die Macht von Fernbedienung, PC und Laptop haben ihre volle Wirkung entfaltet: Die Menschen stellen sich ihr Medienmenü selbst zusammen und schauen ihr individuelles TV- und Internet-Programm. Um der damit verbundenen Vereinzelung zu begegnen und die tägliche Überfülle der audiovisuellen Flut zu ordnen, ist eine eigene mediale kollektive Erinnerungskultur entstanden. Sie verbindet sich mit dem Videoportal YouTube, das als das Videoarchiv der Gegenwart anzusehen ist. Hier laden Menschen ihre Best-of-Musikclips hoch, Werbespots, Lieblingsszenen aus TV-Programmen, aber auch gefilmte eigene Alltagserlebnisse witziger oder trauriger Art. Was nur in der eigenen Erinnerung lebendig war, erhält seine Sichtbarkeit zurück; was zukünftig erinnert werden soll, wird auf YouTube gestellt. So werden weltweit pro Minute rund 60 Stunden neues Videomaterial hochgeladen. Kuratorisch wird dieses Archiv der privaten und öffentlichen audiovisuellen Gegenwartskultur sowohl von den Medienkonsumenten als auch den Medienmachern versorgt, die sich damit in Teilen auch ihrer Archivierungspflicht entledigen. Je jünger die «Digital Natives», desto kompetenter ihr Multi(media)tasking. Mehr als vier Milliarden YouTube- Clips werden täglich angeschaut. Zu Hause ergänzen die jungen Menschen ihr TV-/PC-Gerät meist durch einen «Second Screen»: Über Tablet oder Handy wird beim Fernsehen parallel gesurft, mit Freunden kommuniziert und über das Programm «geredet». Mit mobilen Endgeräten wie Smartphones lässt sich jeder Inhalt zu jeder Zeit an jedem Ort anschauen. Die Medienangebote sind permanent zugänglich, werden jedoch nur klein (Handy-Display) und kurz (Clip-Format) gezeigt. Und diese ohnehin kurzen Clips werden vom Nutzer in Eigenregie noch weiter verkürzt: Nicht selten werden sie nach gerade einmal 20 Sekunden weggeklickt. Audiovisuelle Kurzformate sorgen für inhaltliche wie auch ästhetische Reduktionen: Klassische Film- und Fernsehformate und ihre gestalterischen Besonderheiten (wie schnelle Kamerafahrten, Zooms und komplexe Erzählstrukturen) werden obsolet. Auf YouTube dominieren Zitat und Clip-Format. Diese Archivmaterialien sind Grundlage für bildbasierte Kommunikationen im Netz. Bilder und Sounds liefern den Rohstoff für selbstbestimmte Überarbeitungen und Neuproduktionen von Videoclips. So entsteht ein kommunikativer Austausch in neuer Form, nämlich mithilfe von (Bewegt-)Bildern: Clips werden mit Clips beantwortet, man lässt sie gleichsam für sich selbst sprechen. So ist YouTube also nicht nur Fluchtpunkt für die gegenwärtige populäre Erinnerungskultur, sondern auch Ort für kollektive neue ästhetische Erprobungen. Ohne viel Aufhebens wird von den traditionellen Kategorien wie Autor und Werk, aber auch Genrekonvention und Kunst Abschied genommen. Die auf YouTube entsorgten Medienschnipsel geben im Spannungsfeld von amateurhafter Gestaltung und Konzeptkunst den Stoff für doppelnde, karikierende oder ironisierende Neuarrangements von Bild, Text und Ton. Ihre Ästhetik ordnet sich in erster Linie der kommunikativen Funktion unter: Die ästhetische Qualität der aus Medienresten, -zitaten und -schrott entstandenen Schrottkunstwerke misst sich vor allem daran, welches kommunikative Vergnügen diese den Beteiligten zu bereiten vermögen.

Prof. Klaus Neumann-Braun (*1952) ist Ordinarius für Medienwissenschaft an der Universität Basel. Er studierte Soziologie, Sozialpädagogik, Psychologie, Erziehungswissenschaften und Ethnologie in Tübingen und Freiburg/Br., wo er 1982 promovierte. An der Universität Oldenburg habilitierte er sich 1993 zu einem medienwissenschaftlichen Thema und war darauf an verschiedenen deutschsprachigen Universitäten tätig.

To top