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University of Basel

«Am Anfang ist das Wissen über sich»

Christoph Dieffenbacher

Selbstbewusstsein, verstanden als das Bewusstsein des Menschen von sich selbst, soll wieder stärker zu einem Gegenstand des Nachdenkens werden, meint der Philosoph Sebastian Rödl. Dieses Bewusstsein unterscheide sich grundsätzlich von demjenigen, das man von der Welt hat.

Sebastian Rödl
Sebastian Rödl

Was bedeutet für Sie der Begriff Selbstbewusstsein?
Er ist der Anfang und der Kern der Philosophie überhaupt. Sich selbst zu verstehen und zu erkennen, und zwar unbedingt zu verstehen und zu erkennen, ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Es entspringt im menschlichen Leben. Das Verlangen, sich selbst zu begreifen, liegt, denke ich, jeder Erkenntnis zugrunde, und damit auch jeder menschlichen Gemeinschaft. In der Philosophie hat das Nachdenken über das Bewusstsein von sich selbst an Beachtung verloren.

Ist es ein anderes Wissen als das Wissen von der Welt?
Die Welt lernen wir durch die Sinne und die Beobachtung kennen. Anders uns selbst: Wir lernen uns nicht kennen, indem wir uns von aussen betrachten; die grundlegende Quelle unseres Wissens von uns selbst liegt in uns, und zwar in unserer Tätigkeit. Wenn Sie etwas bewusst tun, wissen Sie in der Regel, was und warum Sie es tun. Sie wissen das, indem Sie tätig sind. Allgemein liegt die Existenz eines Lebewesens in seinem Tun. Anders als beim Tier ist beim Menschen das Verständnis seines Tuns in diesem Tun selbst enthalten – wir handeln durch ein Verständnis und eine allgemeine Idee dessen, was wir sind.

Woher kommt diese Idee und wie entwickelt sie sich?
In einem gewissen Sinn kommt das Selbstbewusstsein des Menschen von nirgendwoher. Das Wissen von mir selbst ist da, indem ich da bin, und es entwickelt sich, indem ich mich entwickle. In dem Mass, in dem ein Kleinkind in die menschlichen Tätigkeiten – und damit in die menschliche Gemeinschaft – hineinwächst, wächst es in die Erkenntnis von sich selbst hinein. Wichtig ist mir dabei, Selbstbewusstsein als etwas zu verstehen, das Menschen miteinander teilen, und nicht als etwas, was sie voneinander trennt. Denn wir handeln und leben ja zusammen.

Sie verwenden die Begriffe «erst-» und «zweitpersonales Denken» – was verstehen Sie darunter?
Ich meine damit das Denken, das sich sprachlich in den beiden Pronomen Ich und Du äussert: in der individuellen und in der gemeinsamen Tätigkeit. Was sich erstpersonal ausdrückt, ist unser eigenes Denken und Handeln; zweitpersonales Denken betrifft unser Zusammenleben. Für mich ist das Du, der andere Mensch, ganz etwas anderes als irgendein Objekt, das ich erkenne. Das Wissen über das Du hat seine Quelle im gemeinsamen Tätigsein. Man fällt leicht in die objektivierende Auffassung des Menschen, wie sie uns die Naturwissenschaften, etwa anhand von Gehirnscans, nahelegen ...

… die aber ebenfalls Anspruch auf Erkenntnisse über den Menschen erheben.
Es ist eine Illusion, auf empirischem Weg Fundamentales über uns als seiner selbst bewusste Wesen finden zu wollen. Die Naturwissenschaften und die Psychologie können begrenzte Aussagen zur menschlichen Existenz machen, aber die grundlegenden Fragen – das sind die Fragen nach dem Grund – werden dabei nicht berührt; das ist Aufgabe der Philosophie. Als Mensch leben heisst, sich selber zu verstehen suchen. Dabei bleibt der Mensch sich selbst ein Rätsel – Sokrates weiss, dass er nicht weiss; und wir wissen nicht mehr. Wir sollten uns in unserer Rätselhaftigkeit ernst nehmen.

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