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University of Basel

Gesunde Zähne, sicherer Gang

Christina Brand-Luzi

Die Angst davor, zu stürzen und sich dabei schwer zu verletzen, ist bei betagten Menschen allgegenwärtig. Eine Basler Studie vermag aufzuzeigen, dass gesunde Zähne bei Seniorinnen und Senioren zu einer guten Gangsicherheit beitragen können.

Sturzrisiko und Sturzangst sind in der stark wachsenden Bevölkerungsgruppe der älteren Menschen sehr häufig. Ein Drittel der über 65-Jährigen stürzen jedes Jahr, die Hälfte von ihnen gar mehrfach. Schwere Stürze mit gravierenden Verletzungen wie beispielsweise einer Schenkelhalsfraktur sind die Folgen. Das Risiko, an einer Schenkelhalsfraktur zu sterben, liegt im ersten Jahr nach dem Unfall bei über 30%! Hüftgelenkfrakturen verursachen zudem hohe Versicherungskosten und bedeuten für die Betroffenen oft einen grossen Verlust an Lebensqualität. Deshalb ist es in der medizinischen Forschung von grossem Interesse, Stürze möglichst zu verhindern. Mehrere Studien zeigen, dass Defizite im Gleichgewicht und in der Gangstabilität Risikofaktoren für Stürze darstellen. Die Frage stellt sich, inwieweit gesunde Zähne zu einer Verbesserung der Gangsicherheit und des Gleichgewichts bei betagten Patientinnen und Patienten beitragen können. Gleichgewicht und Gangstabilität werden von verschiedenen Sinnesorganen und ihren Meldungen an das Gehirn gesteuert. Intakte Steuermechanismen der Nervenzellen und kräftige Muskeln sind Voraussetzungen dafür, dass der Mensch beispielsweise auf ein Hindernis am Boden reagieren kann. Das Gleichgewicht ist entscheidend, dass sich unser Körper im Raum orientieren kann. Demgegenüber ist eine gute Gangstabilität notwendig, um Stürze erfolgreich verhindern zu können. Es ist bereits mehrfach nachgewiesen worden, dass gesunde Zähne in Ober- und Unterkiefer, die einwandfrei aufeinanderpassen, das Gleichgewicht positiv beeinflussen können. Zusätzlich konnte wissenschaftlich dokumentiert werden, dass Menschen, die ihr Gleichgewicht im Kopf nicht mehr einwandfrei steuern können – zum Beispiel Demenzkranke –, weniger stürzen, wenn die Zähne beim Zusammenbeissen adäquat aufeinanderpassen. Es ist allerdings noch immer sehr wenig bekannt über den Einfluss der Zähne auf die Gangstabilität gesunder, selbstständig lebender Seniorinnen und Senioren. Daher führten die Kliniken für Rekonstruktive Zahnmedizin und Myoarthropathien und das Basel Mobility Center der Akutgeriatrischen Universitätsklinik Basel eine Studie zu diesem Thema durch.

Über den Teppich gehen
24 zahnlose Patienten und 25 Patienten mit vollbezahntem Ober- und Unterkiefer erklärten sich bereit, an der Studie teilzunehmen. Alle Probanden waren zuvor zahnmedizinisch untersucht worden und wiesen eine gesunde Situation im Mund auf. Alle Testpersonen waren über 65-jährig, allgemeinmedizinisch gesund und fühlten sich auch so. Das Durchschnittsalter der zahnlosen Probanden betrug 75 Jahre, jenes der vollbezahnten 71 Jahre. Die zahnlosen Probanden, welche die Testgruppe bildeten, waren mit Totalprothesen im Oberkiefer sowie Prothesen, die auf zwei Implantaten im Unterkiefer verankert waren, versorgt. Die vollbezahnten Probanden, die Kontrollgruppe, verfügten entweder über ihre natürlichen Zähne oder trugen Kronen oder Brücken. Alle Probanden lebten selbstständig in ihrer Wohnung und konnten mindestens zehn Meter ohne Gehhilfe zurücklegen. Um Verfälschungen der Testergebnisse zu vermeiden, wurden die Patienten auf Krankheiten getestet, die eine Gangstörung verursachen können. Die Ganganalyse wurde auf einem speziellen Teppich durchgeführt, der mit über 30’000 Drucksensoren gespickt ist. Zunächst wurden die Testpersonen aufgefordert, in einer selbstgewählten, für sie angenehmen Geschwindigkeit über den Teppich zu gehen. Dabei wurden sämtliche Analyseparameter automatisch aufgezeichnet und abgespeichert. In einem zweiten Durchlauf mussten die Patienten zusätzlich zum Gehen ein Tablett mit einem Glas Wasser in den Händen tragen. Diese Art des Testlaufs, genannt «Dual-Task»- Aufgabe, hatte zum Ziel, den Probanden die Sache künstlich zu erschweren und so allfällige Gangunsicherheiten zu provozieren. Diese Versuchsanordnung imitiert Alltagssituationen, bei denen es durch Teilung der Konzentration zu Unfällen mit Stürzen kommt.

Schritttempo und -regelmässigkeit
Die Geschwindigkeit, die eine Testperson selbst wählte, um über den Teppich zu laufen, gab Auskunft darüber, wie sicher sie sich beim Gehen fühlte. Denn je unsicherer sich jemand fühlt, desto langsamer läuft er, um den Bewegungsablauf möglichst sorgfältig kontrollieren zu können. Es ist in der Literatur hinreichend erwiesen, dass eine Verringerung der Ganggeschwindigkeit mit einem höheren Sturzrisiko einhergeht. Die Dauer der Abfolge von einem Schritt zum nächsten, in Sekunden gemessen, gibt Aufschluss über die Regelmässigkeit des Gehens. Je unregelmässiger jemand läuft, desto geringer ist die Gangsicherheit. Eine grosse Unregelmässigkeit – insbesondere unter «Dual-Task»-Konditionen – ist ebenfalls als Risikofaktor für Stürze bekannt. Wurde die Gangstabilität innerhalb der Testgruppe verglichen, ob sie nun mit oder ohne Prothesen liefen, so war in der Studie kein Unterschied festzustellen – weder in der Geschwindigkeit noch in der Regelmässigkeit des Gangbilds. Dies galt auch für den Vergleich zwischen dem normalen Gehen und Gehen unter «Dual-Task»-Konditionen. Dieses Ergebnis bestätigt andere Gleichgewichtsstudien, die bei zahnlosen Patienten keinen Unterschied in der Körperbalance finden konnten, ob die Patienten nun die Prothesen trugen oder nicht. Verglich man jedoch die Geschwindigkeit der Testpersonen, die Totalprothesen trugen, mit jenen von vollbezahnten oder festsitzend rekonstruierten Probanden, so liess sich sehr wohl ein Unterschied feststellen: Sowohl unter normalen als auch unter «Dual-Task»-Bedingungen wiesen die bezahnten Testpersonen bessere Testwerte auf. Laut aktuellen Recherchen wurde die Gangsicherheit zwischen bezahnten und unbezahnten Personen bisher nicht untersucht. Es gibt bedeutende japanische Studien, die ähnliche Resultate hinsichtlich des Körpergleichgewichts beschreiben. Dabei zeigen zahnlose Testpersonen ein schlechteres Körpergleichgewicht im Vergleich zu bezahnten. Als mögliche Erklärung für diesen Umstand führt die Forschungsgruppe den Verlust von Sinneszellen an, welche im Zahnhalteapparat, dem Parodont, enthalten sind. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Zahnverlust mit einer langsameren, frei gewählten Gehgeschwindigkeit einhergeht und somit die Gangsicherheit negativ zu beeinflussen scheint. Es sind allerdings weiterführende Studien nötig, um die effektive Bedeutung des Zahnverlusts auf die Gangsicherheit gesunder, betagter Probanden im Alltag zu klären.

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