x
Loading
+ -

University of Basel

Fussball und Arthroseforschung

Christoph Dieffenbacher

In seine Sprechstunde kommen Spitzensportler aus dem In- und Ausland, die sich von ihm beraten und operieren lassen. Daneben verfolgt er neue Ansätze bei der Erforschung und Behandlung der Arthrose, einer der verbreitetsten Zivilisationskrankheiten. Der 41-jährige Victor Valderrabano, seit vier Jahren Chefarzt und Professor für Orthopädie an der Universität Basel, gilt auf seinem Gebiet als Kapazität.

Victor Valderrabano
Chirurgie als ideale Mischung von Handwerk und medizinischem Fachwissen: Prof. Victor Valderrabano

Da die Sitzung etwas länger dauert, setzt sich der Besucher auf einen Sessel in der Wartezone der Orthopädie im Klinikum 1 des Universitätsspitals, wo er ein paar Minuten zusammen mit Patienten mit Gelenkproblemen verbringt. Dann, beim Eintritt in das kleine Parterrebüro, fallen als Erstes kleine Pokale, Wimpel und Plaketten ins Auge: Geschenke von Patienten aus der internationalen Sportwelt. Auf dem Besprechungstisch liegt ein Fussballmagazin. Später zeigt der Chefarzt dem Besucher in einem Wandschrank eine Sammlung signierter Trikots von Fussballern aus aller Welt, weitere Dankesgaben an den erfolgreichen Sportmediziner. Namen gibt es da natürlich keine zu erfahren – Patientengeheimnis. «Der Fussball hat mich schon als Kind fasziniert, und ihm bin ich heute noch total verfallen», meint Victor Valderrabano im weissen Arztkittel – ein Mann mit schlanker Statur und feinen Gesichtszügen, seine Sätze vorsichtig formulierend. In Zürich geboren und aufgewachsen, spielte er im Verein als Junior so gut, wie er erzählt, dass er sich in einem bestimmten Moment zwischen dem Fussball und dem Gymnasium habe entscheiden müssen. Die Schule ging vor. Dass er dann nach der Matur Medizin studierte, war nicht von vornherein klar, denn in Frage sei für ihn auch eine handwerkliche Ausbildung gekommen – zum Beispiel Bauingenieur. Den Arztberuf habe er darum gewählt, weil er Menschen helfen wollte und weil dafür neben dem Fachwissen auch das Handwerk wichtig sei. Die Medizin sei für ihn «eine ideale Mischung von unterschiedlichen Tätigkeiten». Schon während des Studiums habe ihn die Orthopädie interessiert, jenes Gebiet, das sich mit den mechanischen Eigenschaften des menschlichen Körpers befasst: vor allem mit unserem Stütz- und Bewegungsapparat, also mit Knochen, Gelenken, Muskeln, Bänder und Sehnen. Positiv an der Orthopädie sei auch, dass die Ergebnisse seiner Arbeit relativ schnell sichtbar werden. Nach dem ersten Doktorat an der Universität Zürich und seiner orthopädischen Ausbildung in Basel und Davos wechselte er an die University of Calgary in Kanada, «einem faszinierenden Land mit einer wunderbaren Natur», wie er sagt. Die Stadt in der Nähe der Rocky Mountains war für ihn aber auch ein Ort mit zukunftsweisender Forschung, die die berufliche Richtung des jungen Forschers bestimmen sollte. Er studierte dort nämlich Biomechanik und schloss dieses Studium ebenfalls mit dem Doktorat ab: eine eher seltene Fächerkombination, die medizinische Kenntnisse mit einer Art «Ingenieurwissen» zusammenführt. Dies komme heute bei seinen Operationen direkt seinen Patienten zugute, sagt er.

«Sport aggressiver geworden»
Valderrabanos Forschungsspezialität ist die Arthrose, der vorzeitige Gelenkverschleiss, in der Orthopädie die häufigste Erkrankung, die allein in Europa Milliardenkosten verursacht. Rund zehn Prozent der Weltbevölkerung seien davon betroffen, und zwar mit steigender Tendenz. Ursachen dafür seien nicht nur das zunehmende Lebensalter der Bevölkerung, sondern auch, dass viele Menschen in der Freizeit häufig Sportverletzungen erleiden, die als Spätfolge noch Jahre oder Jahrzehnte später zur Arthrose werden. Auch ist heute normal, dass die Bevölkerung im Seniorenalter sportlich aktiv bleiben will. Der Professor erzählt die Beispiele eines 73-Jährigen, der sich fürs Surfen fit halten will, oder der über 60-Jährigen, die es normal finden, regelmässig Marathons laufen zu können. Zu krankhaften Gelenkabnützungen führen aber auch Übergewicht und Bewegungsmangel, und das auch bei Jüngeren, sagt der Mediziner: Zivilisationserscheinungen. Auch Schulkinder seien heute stärker gefährdet, stellt Valderrabano fest; sie würden oft zu früh und unvorbereitet zum Sport ermuntert, und ihre sportlichen Aktivitäten seien heute «aggressiver, schneller und kräftiger» als noch eine Generation zuvor: »So zum Beispiel beim Skifahren: Auf Carbon-Skis ist das ganz etwas anderes als auf diesen kleinen Lättli, die wir früher hatten.»

Künstliche Gelenke vermeiden
Arthrose würde von den Betroffenen oft lange Zeit gar nicht bemerkt, erzählt der Chefarzt. Dann können plötzlich leichte Beschwerden mit Schmerzen auftreten, die sich später steigern, was zu Muskelschwund führt. Später seien viele Patienten zu körperlicher Passivität verurteilt, worunter wiederum auch berufliche und soziale Beziehungen leiden können. Prävention sei daher besonders wichtig, und das bedeute: Bewegung, Bewegung und nochmals Bewegung: «Die Natur hat uns dafür geschaffen, uns zu bewegen.» Ein grosses Problem sei, dass die Gelenksknorpel, die ständig massiert werden müssen, um mobil zu bleiben, in unserem Alltag viel zu wenig aktiv sind. Dafür würden sie in der Freizeit und beim Sport überstrapaziert – mit den bekannten Folgen. Mit seiner Forschung am «Osteoarthritis Research Center Basel» versucht er, die Ursachen und den Verlauf der Arthrose besser zu verstehen. Auf künstliche Metallgelenke wollen er und sein Team so lange wie möglich verzichten. «Unser Ziel ist es, das natürliche Gelenk zu erhalten, zum Beispiel auf mechanischem Weg», sagt Valderrabano. Anders als noch vor ein paar Jahrzehnten würde bei der Arthrose heute nicht mehr gleich zum fremden Kunstmaterial gegriffen, sondern die Erkrankung werde auf natürliche Weise behandelt. Weil sie bei jedem Patienten sehr unterschiedlich verlaufe, sich also jeweils sehr heterogen entwickle, zieht sein Konzept verschiedene Disziplinen bei: Da werden zum Beispiel neue Biomarker getestet sowie biomechanische und molekularbiologische Methoden eingesetzt, etwa mit körpereigenen Zellen. «Sowohl für Spitzensportler aus Fussball, Leichtathletik, Ski und Tennis wie auch für ‹normale› Arthrosepatienten sind wir für unsere innovativen Therapien bekannt», meint der Professor nicht ohne Stolz. Bei Profisportlern, die von der Leistung ihrer Muskeln und Gelenke leben und aus ihrem Körper das Beste herausholen wollen, werde versucht, den drohenden, oft vorprogrammierten Weg in die Arthrose möglichst hinauszuzögern. Durch die neuartigen Ansätze sollen die Patienten besser und nachhaltiger behandelt und auch die Rehabilitation optimiert werden. Seine junge, stark international und interdisziplinär zusammengesetzte Forschungsgruppe könne auf internationale Beachtung zählen. Das drücke sich nicht zuletzt in zahlreichen Publikationen und Patenten aus.

Das Glück weitergeben
Nicht nur die Behandlungserfolge bei den Prominenten sind dem Mediziner wichtig, wie er zum Schluss des Gesprächs sagt. Zur Behandlung der Arthrose im internationale Rahmen hat der Forscher auch die Stiftung «Mobility without Borders» gegründet, mit deren Hilfe Patienten mit komplizierten Gelenkskrankheiten aus weniger reichen Ländern nach Basel kommen und sich hier behandeln lassen können – so ein junger Mann aus der Ukraine, in dessen schwer beschädigte rechte Hüfte eine Prothese eingesetzt wurde. «Mit der Stiftung möchte ich das Glück, das ich bisher in meinem Leben erfahren habe, an Menschen weitergeben, die es nötig haben.» Das sei zwar nur ein Tropfen auf den heissen Stein, doch habe dieses Engagement nicht zuletzt auch mit seiner ursprünglichen Motivation zu tun, Mediziner zu werden. Valderrabanos Arbeitstage sind voll durchorganisiert: Sie beginnen morgens um 6 Uhr und dauern abends oft bis nach 20 Uhr, wie er sagt; zwei Wochentage sind mit Operationen belegt. Bleibt dem Vielbeschäftigten da auch genug Zeit für sportliche Aktivitäten, um seine eigenen Gelenke in Bewegung zu halten? Neben einer gesunden Ernährung versuche er, so oft es geht, Sport zu treiben. «Zwei- bis dreimal in der Woche joggen liegt drin, die übrigen Aktivitäten wie Segeln, Tennis und Skifahren muss ich auf die Ferien verlegen.» Und auch zum Fussballspielen komme er ab und zu. Mit seiner Frau und den beiden Kleinkindern – der bald dreijährigen Tochter und dem neunmonatigen Sohn – lebt Valderrabano im solothurnischen Hofstetten. So halten ihn die Kleinen, nach den langen, anstrengenden Arbeitstagen, nach Feierabend und an den Wochenenden im Grünen auch so auf Trab. Und in einigen Jahren wird er dann wohl mit seinen Kindern irgendwo beim Fussballspielen anzutreffen sein…

Prof. Victor Valderrabano ist Professor für Orthopädie an der Universität und Chefarzt der Orthopädischen Universitätsklinik am Universitätsspital Basel. 1972 in Zürich geboren, studierte er dort Medizin und bildete sich nach dem ersten Doktorat in Basel zum Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie und für Sportmedizin weiter. Es folgte ein Zweitstudium der Biomechanik im kanadischen Calgary, das er mit einem weiteren Doktorat abschloss. Sein Spezialgebiet ist die Arthrose, daneben die Biomechanik und die Sportorthopädie. Er hat bereits mehrere renommierte Forschungspreise erhalten. Valderrabano ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

To top