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Universität Basel

Recycling: Musikhandschriften als Bucheinbände

Matteo Nanni

Im Staatsarchiv Basel-Stadt befinden sich einige hundert Rechnungsbücher, die mit mittelalterlichen Musikhandschriften eingebunden sind. Diese mit musikalischer Notation versehenen Pergamenteinbände stammen aus liturgischen Gesangbüchern, die nach der Reformation als Makulatur verwendet wurden, um die Bände vor Abnutzung zu schützen.

Was uns diese Archivmaterialien vor Augen führen, ist schlicht die Wiederverwendung von vorgefundenem Material – nichts anderes als das uns allen bekannte Prinzip des Recycling. Schriftstücke, deren Inhalte nicht mehr benötigt wurden, wurden wegen ihres materiellen Wertes wiederbenutzt, um einen der ursprünglichen Bestimmung sehr fern liegenden Zweck zu erfüllen. Von welchem Verhältnis zur Geschichte zeugen diese mit Musikpergamenten umhüllten Bücher? Was wird bewahrt, was zerstört, was wird ignoriert und was gewürdigt? Was erfahren wir durch diese Objekte über die Musik- und Kulturgeschichte Basels im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit? Schon allein wegen ihrer materiellen Beschaffenheit laden diese Gegenstände dazu ein, das beziehungsreiche Geflecht von Musikgeschichte, Religion und Kultur neu in den Blick zu nehmen.

Abgaberegister der früheren Klöster

Bei den mit den Choralfragmenten eingebundenen Bänden handelt es sich um Bücher aus dem Finanzwesen des 16. und 17. Jahrhunderts, in denen Abrechnungen von Grundherrschaften eingetragen sind und die Beschreibungen von Zuständen ökonomischer Art darlegen: sogenannte Urbare. So werden Abgabenregister bezeichnet, die von den städtischen Schaffnern (Vermögensverwaltern) geführt wurden, die die ehemaligen Klostergüter beaufsichtigten. Die Urbare gelten als pragmatische Schriftstücke, die in Form von Verzeichnissen die chronologisch geordneten ökonomischen und administrativen Wertzustände der früheren Klöster überliefern.

Wir haben es hier mit Gegenständen zu tun, die aus mannigfaltigen, vom Menschen bearbeiteten Naturstoffen bestehen: auf der Aussenseite Pergament und Leder, innen Karton, Papier, Fäden. Als Material ist das Pergament besonders resistent und elastisch, es bietet einen langzeitigen Schutz und verhindert, dass die Buchrücken und -ränder beschädigt werden. Es besteht aus bearbeiteter Tierhaut und hat daneben auch – besonders auf der porösen Haarseite – eine weiche taktile Qualität, die für die Urbare, die einem intensiven Gebrauch ausgesetzt waren, als vorteilhaft angesehen wurde. Die Urbare aus Basel wurden teilweise nach den Regeln der höchst professionellen Buchbindereikunst hergestellt; in andern Fällen hingegen wurden die Abgabenregister lediglich geheftet und mit einer Pergamentmakulatur versehen.

Die Objekte tragen eine stark aufgeladene Eigengeschichte in sich: liturgische Handschriftenblätter des Mittelalters, die zunächst in Gesangbüchern eingebunden waren, dann herausgeschnitten und zu Buchumschlägen von Zinsbüchern transformiert wurden. Diese wiederum wurden später in Archivregalen aufbewahrt und stehen uns nun als Zeugnisse von Geschichte gegenüber – gerade in dem Moment, in dem sie aus dem Archiv hervortreten.

Umwertungen, Wertverschiebungen

Aus musikwissenschaftlicher Sicht stellen diese Archivalien einerseits ein breites Feld für philologische Untersuchungen und systematische Studien dar. Die Forschung hat sich in den letzten Jahrzehnten – massgeblich durch den Beitrag des aus Basel stammenden Musikwissenschaftlers Martin Staehelin – mit der Frage nach der fragmentarischen und versprengten Überlieferung mittelalterlicher Musikhandschriften befasst. Ausgehend von der Pionierarbeit, die der ehemalige Leiter des Staatsarchivs Albert Bruckner zur Handschriftenüberlieferung in Basel geleistet hatte, schloss der Musikologe Frank Labhardt 1995 eine bisher leider unveröffentlicht gebliebene Grundlagenarbeit zu den Choralfragmenten aus dem Staatsarchiv ab. Neben der philologischen Identifizierung sämtlicher mit musikalischer Notation versehener Fragmente – es sind insgesamt 813 aus dem 11. bis 15. Jahrhundert – und ihrer Katalogisierung bietet Labhardt eine sehr wichtige erste Rekonstruktion von zusammenhängenden Gesangbüchern an.

Anderseits laden die Objekte ein, über Wertschätzung und Wertverschiebungen im Lauf der Geschichte nachzudenken. Wurden die mittelalterlichen Handschriften, die einst Träger von sakrosankten Gesängen waren, dank der robusten Konstitution ihres Materials als Buchschutz wiederverwendet, so führen sie uns eine Geschichte von Umwertungen und Wertverschiebungen vor Augen. Der liturgische Wert, als eine immaterielle Qualität, die im gesungenen Gebet zum Ausdruck kommt, wurde im Zug der Reformation durch den materiellen Wert des Pergaments als Naturstoff ersetzt. Der so angereicherte Materialwert realisiert sich in der Funktionalität des Schutzes für andere, im Urbar aufbewahrte ökonomische Werte.

In einem folgenden Schritt verschwand dann der ökonomische Wert hinter dem historischen Wert dieser Objekte als Archivalien. Und in einer allerletzten Stufe erhalten sie heute einen «Ausstellungswert», der sie zu sprechenden Zeugen von Geschichte macht – einer Geschichte, die aus einer nicht aufzulösenden Dialektik von Aufbewahrung und Vernichtung, immateriellem und materiellem Wert besteht. Inmitten dieser Dialektik geben diese Archivbestände ein einzigartiges Bild der Kulturgeschichte Basels und Europas zwischen Mittelalter und Renaissance wieder.

Prof. Matteo Nanni ist Assistenzprofessor am Fachbereich Musikwissenschaft an der Universität Basel.

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