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Universität Basel

Rechtsgeschichtliche Einblicke

Felix Hafner, Patricia Kaiser

Das Mittelalter spielte für die Entwicklung des europäischen Rechts eine wichtige Rolle. Zentral ist dabei, dass damals zwei unterschiedliche Rechtssysteme nebeneinander bestanden: das kirchliche, also das kanonische Recht einerseits und das weltliche, das heisst vor allem das römische Recht anderseits.

Das Siegel der Juristischen Fakultät der 1460 gegründeten Universität Basel, auf dem Papst und Kaiser abgebildet sind, symbolisiert diese beiden Rechtssysteme: das kirchliche und das weltliche. Nach dem Studium beider Rechte erwarb man den Titel eines licentiatus utriusque iuris, mit der Dissertation den doctor utriusque iuris. Dieser Dualismus wirkt bis in die Gegenwart nach: So ist noch heute die Rede davon, dass man Jura, Rechte oder Rechtswissenschaften (jeweils im Plural) studiert.

Die Wurzeln dieser beiden Rechtssysteme finden sich freilich nicht im Mittelalter, sondern in der Antike. Das römische Recht ist – wie der Name sagt – eine Errungenschaft der Römer, während das kanonische Recht seinen Ausgang bei der frühkirchlichen Organisation des antiken Christentums nimmt. Beide Rechtssysteme erlebten jedoch ihren Höhepunkt im Mittelalter.

Römisches Recht im Wandel

Für die Entwicklung des römischen Rechts bedeutete das Jahr 533 einen massgeblichen Einschnitt. Der oströmische Kaiser Justinian erliess ein – erst im 16. Jahrhundert als Corpus iuris civilis bezeichnetes – vier Bücher umfassendes Rechts- und Gesetzeswerk, das in erster Linie das römische Privatrecht kodifizierte. In dessen wichtigstem Buch – den sogenannten Digesten (von lateinisch Digesta, «Geordnetes») oder Pandekten (von altgriechisch Pandektai, «Allumfassendes») – wurden unzählige, von römischen Juristen kommentierte Rechtsfälle kompiliert und systematisiert.

In den germanischen Gebieten mutierte das römische Recht nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reichs zu einem Vulgarrecht, das sich nicht mehr am differenzierten Rechtsdenken der römischen Juristen (wie etwa an der Unterscheidung von Besitz und Eigentum) orientierte. Es wurde – wie beispielsweise in der fränkischen Lex Ribuaria aus dem 7. Jahrhundert – stark mit germanisch-rechtlichen Elementen durchsetzt. Nur noch innerhalb der Kirche konnte sich das römische Recht erhalten, was sich vor allem auch im Hinblick auf die spätere Entwicklung des kanonischen Rechts als wichtig erwies. In der Lex Ribuaria hiess es denn auch, dass die Kirche nach dem römischen Recht lebe (ecclesia vivit lege Romana). Ansonsten geriet es lange Zeit in Vergessenheit. Vorherrschend war stattdessen von Gewohnheitsrecht gekennzeichnetes germanisches Volksrecht.

Eine Wende in der mittelalterlichen Rechtsentwicklung zeichnete sich im 11. Jahrhundert ab, als italienische Juristen die Digesten wiederentdeckten. Damit wurde ein längerer Prozess eingeleitet, der als Rezeption des römischen Rechts bezeichnet wird und für die Rechtsgeschichte von grösster Bedeutung ist: In oberitalienischen Städten entstanden Rechtsschulen, an denen das römische Recht gelehrt wurde. Eine wichtige Rolle spielte dabei Bologna, wo Rechtsgelehrte – sogenannte Glossatoren – die römisch-rechtlichen Texte mit Bemerkungen versahen.

Diese Rechtsschule bildete auch das Zentrum der im 12. Jahrhundert gegründeten Universität Bologna, die zu den ältesten überhaupt zählt. Die Entstehung der Universitäten ist somit von Anfang an eng mit der Errichtung von Rechtsschulen und juristischen Fakultäten verknüpft. Die an den Universitäten ausgebildeten Juristen trugen in der Folge in ihrer praktischen Arbeit dazu bei, dass sich in Kontinentaleuropa neben dem herkömmlichen lokalen Gewohnheitsrecht ein vom römischen Recht geprägtes ius commune herausbilden konnte.

Ansätze eines modernen Rechtssystems

Ebenfalls in Bologna entwickelte sich im 12. Jahrhundert parallel dazu das kirchliche Recht weiter. Im Mittelpunkt stand das Wirken des Mönchs Gratian, der an der Rechtsschule in Bologna kanonisches Recht lehrte. Von ihm stammt das sogenannte Decretum Gratiani, eine Sammlung sich teilweise widersprechender päpstlicher Erlasse, Konzils- und Synodenakte, die er zu einem harmonischen Ausgleich brachte. Gratian selbst nannte daher sein Werk Concordia discordantium canonum (Ausgleich sich widersprechender Regeln). Im 16. Jahrhundert wurde es mit weiteren Bestandteilen in ein sechs Bücher umfassendes Werk zusammengefügt und unter dem Namen Corpus iuris canonici veröffentlicht.

Das kanonische Recht beschränkte sich nicht auf die Regelung der Kirchenordnung. Es enthielt in weiten Teilen auch Rechtsmaterien, die heute – wie etwa das Eherecht und das Vertragsrecht – vom staatlichen Recht geregelt werden. Ferner war es nicht nur auf das Privatrecht begrenzt, sondern umfasste in seinen organisatorischen Bestimmungen verwaltungsrechtliche und in seinem Prozessrecht auch strafrechtliche Normen. Berühmt und bis heute nachhaltig wirkend war vor allem die Regelung des Inquisitionsprozesses im 11. und 12. Jahrhundert. Dieser stellte im Unterschied zum gewohnheitsrechtlich überlieferten Akkusationsverfahren nicht auf Privatklage und Gottesurteile ab, sondern sah ein amtlich eingeleitetes Verfahren mit Erhebung von Beweismitteln vor. Die Kirche hat so im Hochmittelalter eine eigenständige Rechtsordnung geschaffen, worin sogar Ansätze eines ersten modernen westlichen Rechtssystems gesehen werden können.

Man darf die Durchdringung der kirchlichen Hierarchie und ihrer Verwaltung durch das Recht aber nicht dahingehend missverstehen, dass damit bereits ein moderner Verfassungs- und Rechtsstaat mit Freiheitsgarantien zugunsten einzelner Individuen errichtet worden wäre. Davon war das mittelalterliche Kirchenrecht weit entfernt. Trotzdem war der dadurch in die Welt gesetzte Gedanke der Bindung politischer Macht an das Recht auch für die staatliche Sphäre folgenreich, wenn man sich etwa die englische Magna charta libertatum von 1215 vergegenwärtigt. Darin wurde der englische König verpflichtet, die Steuererhebung von der Zustimmung eines Ausschusses seiner Kronvasallen abhängig zu machen, und er musste die Gefangennahme freier und adliger Männer auf eine gerichtliche oder gesetzliche Erlaubnis stützen.

Auch wenn die Nutzniesser der so garantierten Rechte auf Feudalherren beschränkt blieben, wird die Magna charta heute dennoch als wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Grund- und Menschenrechte betrachtet. Dabei ist zu beachten, dass England das römische Recht nicht rezipiert, sondern sich in seinem Rechtssystem stark am kanonischen Recht orientiert hatte.

Sicherung des «Landfriedens»

Wirft man einen Blick auf das Gebiet der heutigen Schweiz, so zeigt sich, dass der Entstehungsprozess der Eidgenossenschaft ins Spätmittelalter fällt. Die damals in der heutigen Innerschweiz, aber auch anderswo in Europa entstandenen Eidgenossenschaften gründeten auf Verträgen oder vertragsähnlichen Urkunden, die später, soweit sie die Gebiete der heutigen Schweiz betrafen, Bundesbriefe genannt wurden. Das Bundesgeflecht, das in einer unsicheren Zeit entstanden war – das im Heiligen Römischen Reich vorherrschende Lehenssystem zeigte Zerfallserscheinungen –, zielte allerdings primär auf die Sicherung des «Landfriedens», nicht aber auf die Bindung politischer Macht an das Recht oder gar auf die Garantie von Freiheitsrechten einzelner Individuen.

Nach anfänglicher Offenheit gegenüber der Rezeption des römischen Rechts im Mittelalter stand man ihm in der Eidgenossenschaft später eher skeptisch gegenüber, wie diese Anekdote belegt: Im 16. oder 17. Jahrhundert argumentierte ein Doctor iuris aus Konstanz in einem Prozess vor dem Landgericht Frauenfeld mit dem römischen Recht. Dies wurde jedoch vom Gericht nicht goutiert: «Wir Eidgenossen fragen nicht nach dem Bartele oder Baldele und anderen Doctoren; wir haben sonderbare [eigenständige] Landgebräuche und Rechte. N[R]aus mit Euch Doctor!» Mit Bartele und Baldele waren Bartolus de Saxoferrato und Baldus de Ubaldis gemeint, die im 13. Jahrhundert als Rechtsprofessoren an italienischen Universitäten wirkten. Sie wurden nebst «Postglossatoren » auch «Kommentatoren» genannt, weil sie die römisch- rechtlichen Texte nicht nur glossierten, sondern auch Kommentarwerke dazu verfassten.

An der Universität Basel war namentlich Bartolus stets präsent, hiess es hier doch, dass niemand Jurist sein könne, wenn er nicht «Bartolist» sei (nemo iurista nisi Bartolista). Der 1501 erfolgte Beitritt der Universitätsstadt Basel zur Eidgenossenschaft bedeutete somit eine gleichzeitige Stärkung des im Mittelalter wiederentdeckten und wissenschaftlich weiterbearbeiteten römischen Rechts auch im Gebiet der heutigen Schweiz.

Prof. Dr. iur. Felix Hafner ist Ordinarius für Öffentliches Recht an der Juristischen Fakultät der Universität Basel, Patricia Kaiser, MLaw, war an der Juristischen Fakultät als Studentin in Assistenzfunktion bis Mai 2014 tätig.

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