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Universität Basel

Von der Notiz zum Text

Florian Wöller, Ueli Zahnd

Von akademischen Debatten des Mittelalters existiert heute meist nur noch das Endprodukt, sei es als Buch oder in der stilisierten Diskussionsform einer sogenannten Disputation. An einem Beispiel aus der Universitätsbibliothek Basel lassen sich nun aber der Ablauf und die Vorarbeiten einer solchen Disputation bis ins Detail verfolgen. Dabei zeigt sich, dass die Produktion von Texten damals gar nicht so anders war als heute.

Entwürfe und Notizen zu den ersten Thesen von Heynlins magna ordinaria (Bild: Universitätsbibliothek Basel, Sign. A VII 13, fol. 183v–184r).
Entwürfe und Notizen zu den ersten Thesen von Heynlins magna ordinaria (Universitätsbibliothek Basel, Sign. A VII 13, fol. 183v–184r). © Universitätsbibliothek Basel

Wenn wir an einer Universität des 21. Jahrhunderts die Geschichte des Denkens im Spätmittelalter erforschen, dann erforschen wir uns gewissermassen selbst. Denn auch in der Zeit vom 13. bis 16. Jahrhundert wurde grösstenteils an Bildungseinrichtungen gedacht, gelehrt und geschrieben, und so leben an unseren heutigen Institutionen und in unseren Arbeitsprozessen einige Erfindungen und Praktiken des Mittelalters fort. Ein ganz offensichtliches Fortleben dieser Art besteht natürlich in der Universität selbst: Sie ist eine mittelalterliche Erfindung – im Fall von Basel sogar eine mittelalterliche Gründung. Damals wie heute wurde an Universitäten gelehrt und diskutiert, und damals wie heute wurden aus diesem Lehrbetrieb heraus Bücher geschrieben.

Entstehungsprozesse oft unbekannt

Im heutigen akademischen Betrieb erleben wir täglich, wie Aufsätze und Bücher entstehen. Wir diskutieren erste Ideen, sehen Projekte wachsen und nehmen am Ende zur Kenntnis, dass aus ihnen ein Buch entstanden ist. Häufig schauen wir nur rasch im Vorwort nach, ob unsere Kollegen uns dankend erwähnt haben. Den Inhalt kennen wir, denn immerhin waren wir Zeugen seines Entstehens. Bei Texten, die im Spätmittelalter geschrieben wurden, verhält es sich genau umgekehrt. Wir lesen gespannt und aufmerksam das fertige Produkt, doch vom Prozess, der dorthin führte, sind wir abgeschnitten. Nur das Werk, nicht aber den Prozess, aus dem es entstanden ist, können wir zunächst erfassen.

Dasselbe gilt auch für eine bestimmte Diskussionsform des Mittelalters, nämlich für die Disputation. Disputationen wurden regelmässig abgehalten, etwa zu hohen kirchlichen Feiertagen, und sie gehörten zum Prüfungswesen. Der Kandidat stellte eine Thesenreihe zur Diskussion, worauf ein etwa gleichaltriger Kollege Gegenthesen formulierte. Beide argumentierten dann gegeneinander und versuchten, den andern zu widerlegen. Im späten Mittelalter stellten sich die Kandidaten dabei oft in die Nachfolge eines früheren grossen Denkers, den sie gegen die Einwände ihres Kollegen zu verteidigen suchten. Am Ende wurde der Disput durch einen Magister entschieden, der auch beurteilte, ob sich der Kandidat genügend gut geschlagen hatte, um die Prüfung zu bestehen.

Diese Disputationen waren oft selbst das Produkt längerer Vorarbeiten, und aus heutiger Sicht wäre es in vielen Fällen wünschenswert, diese zu kennen, um mehr über den universitären Alltag und über die Genese akademischer Werke zu erfahren. Glücklicherweise hat sich in der Universitätsbibliothek Basel (UB) ein kurioser Fall erhalten, aus dem wir nicht nur den genauen Ablauf einer Disputation, sondern auch die Vorarbeiten dazu rekonstruieren können. Die Dokumente können uns daher einen lebhaften Eindruck vom damaligen Universitätsbetrieb geben und gestatten uns einen Blick über die Schultern eines spätmittelalterlichen Akademikers.

Thomas von Aquin als Vorbild

Es handelt sich um Dokumente aus dem Nachlass von Johannes Heynlin, geboren um 1430 in Stein bei Pforzheim, gestorben 1496 in Basel. Seine Biografie fasziniert durch ihre Vielfalt. Er war einerseits fest verwurzelt in der scholastisch-akademischen Praxis des Mittelalters, wo er sich besonders dem Denken des Thomas von Aquin verschrieb, und er betrieb ab 1470 anderseits die erste humanistische Druckerwerkstatt Frankreichs in Paris. Er war sowohl prominenter Wissenschaftsorganisator an mehreren Universitäten als auch Mönch der Kleinbasler Kartause, in deren Abgeschiedenheit er sich gegen Ende seines Lebens zurückzog.

In die Stadtgeschichte Basels ging Heynlin durch seine führende Rolle in den ersten Jahren der Universität (1464– 1466) ein, als er auf die Einführung eines Studiengangs pochte, der seinem grossen Vorbild Thomas von Aquin verpflichtet war. Prägend war er für Basel auch durch seine Predigerstelle im Münster, doch allem voran war er ein Sammler und Liebhaber von Büchern, der sich nicht nur eine Privatbibliothek mit zahlreichen Handschriften und Drucken zulegte (deren Bestände über die Basler Kartause in die Universitätsbibliothek eingehen sollten), sondern auch seine eigenen Texte und Notizen akribisch sammelte.

Die Aufzeichnungen aus seiner universitären Wirkungszeit hat Heynlin vor allem in zwei Bänden zusammengestellt, die in der UB aufbewahrt sind: ein kleinformatiger (A VII 13) mit ganz unterschiedlichen Dokumenten und ein etwas grösserer (A VI 12), der vor allem Disputationen enthält. Geordnet sind die Blätter nach ihrem Format und nicht nach inhaltlichen oder chronologischen Kriterien, und so kommt es, dass sich in beiden Bänden Unterlagen zu ein und demselben Ereignis finden.

Über die Beichte von Sünden

So sind in beiden Bänden Textstücke enthalten, die um die eine Frage kreisen, ob die Beichte von Sünden heilsnotwendig sei, wo doch durch die vorausgehende Reue die Sünde schon getilgt werde. Diese Frage nach Notwendigkeiten, ja nach dem Zwang zu einem religiösen Ritual mag heute befremden. In der spätmittelalterlichen Frömmigkeit traf sie aber einen Nerv der Zeit, denn die Problematik, wie das persönliche Heil genau zu erreichen sei, brannte den Gläubigen unter den Nägeln – nur wenige Jahrzehnte später sollte Martin Luther an der Frage, wie man einen gnädigen Gott denken könne, die Reformation ins Rollen bringen. Und je nachdem, wie die Frage der Bedeutung der Beichte entschieden wurde, ergaben sich ganz konkrete Auswirkungen auf den religiösen Alltag: Musste man überhaupt beichten, wenn doch die Reue genügte? Aber die Frage war auch akademisch umstritten. Denn anders als Thomas von Aquin, der der Reue durchaus zugestand, die Sündenschuld aufheben zu können, bestritt etwa Duns Scotus, ein anderer grosser Scholastiker, dass dies durch Reue allein möglich sein solle.

Heynlins verstreute Notizen dazu finden sich an zwei unterschiedlichen Stellen im kleinformatigen Band und auf 13 zusammengebundenen Blättern im grossformatigen. Dem heutigen Leser bietet sich allerdings ein verworrenes Bild: Denn an den Blättern im grossformatigen Band haben neben Heynlin noch mindestens zwei weitere Theologen geschrieben, und es lassen sich insgesamt acht Unterabschnitte ausmachen, die gar nicht alle um die Notwendigkeit der Beichte kreisen, sondern zum Teil um die umgekehrte Frage nach der Notwendigkeit der Reue. Im kleinformatigen Band sind zwar nicht nur die beiden verstreuten Notizen zur Beichte-Frage, sondern auch das dazwischenliegende Material von Heynlins Hand geschrieben, doch weist das Material in formaler Hinsicht grosse Unterschiede auf: Neben Blättern mit ungeordneten Notizen finden wir dort zwei grössere Einheiten, die in Unterkapitel gegliedert sind und um die Buss-Thematik kreisen.

Heutigen Akademikern ist ein solcher Wirrwarr nicht unvertraut: Wer einen Aufsatz fertig geschrieben hat und das Material bündelt, das zu seiner Erstellung zusammengekommen ist, wird auch eine uneinheitliche Sammlung von Notizen, Entwürfen und Kopien in den Händen halten. Vermutlich haben wir es bei Heynlin mit einer ähnlichen Sammlung zu tun, und tatsächlich finden sich in den Materialien drei prominente Hinweise, die diese Vermutung stärken. Einer der Abschnitte im grösseren Band trägt eine Überschrift, die den Text als magna ordinaria bezeichnet. Ein weiterer Abschnitt der Blätter aus dem grösseren Band – einer jener Abschnitte, die nicht von Heynlin geschrieben worden sind – ist mit dem Namen Petrus de Belloponte überschrieben. Und in einer der beiden klar gegliederten Einheiten aus dem kleinformatigen Band ist zweimal ex Thomae vermerkt.

Paris, Herbstsemester 1469/70

Der erste Hinweis auf die magna ordinaria führt uns ins Herbstsemester 1469/70 an der Pariser theologischen Fakultät. Heynlin war damals fortgeschrittener Doktorand, ein Baccalaureus formatus, der bereits in der üblichen Form eines «Sentenzenkommentars» eine Gesamtschau der Theologie erarbeitet hatte. Zu Heynlins Zeit standen solche Kommentare von allen grossen Scholastikern zur Verfügung, und es erstaunt daher nicht, dass er sich in seiner Gesamtschau meist wörtlich am Kommentar seines grossen Vorbilds Thomas von Aquin orientiert hatte. Um sein Doktorat abzuschliessen, musste sich Heynlin jetzt noch in einigen Disputationen bewähren; und tatsächlich hiess eine dieser Pflichtdisputationen die magna ordinaria, weil sie zu den ordentlichen Semesterzeiten im grossen, das heisst im längeren Herbstsemester stattfand.

Vor diesem Hintergrund lassen sich unschwer die ersten vier Abschnitte aus dem grossformatigen Band als einzelne Teile dieser magna ordinaria ausmachen, als Endprodukt also, auf das hin sich Heynlin offensichtlich vorbereitet hat. Der erste Teil stellt das Thema der Disputation vor; im zweiten präsentiert Heynlin seine eigenen Thesen; im dritten gibt er die Argumente seines Gegners wieder; und im vierten widerlegt er diese Gegenargumente. Damit liegen die typischen Elemente einer klassischen Disputation in ausgearbeiteter Form vor.

Was aber enthalten die restlichen vier Teile aus dem grossformatigen Band, die dieser Disputation beigebunden sind? Hier hilft der zweite Hinweis weiter, denn Petrus de Belloponte war ein Kommilitone von Heynlin, der sich als Verteidiger von Duns Scotus – dem Antagonisten des Thomas von Aquin – hervortat. Der Scotus-Anhänger Belloponte hatte damals seine eigene magna ordinaria bereits gehalten und war daher ein geeigneter Gegner für Heynlins Disputation. Nun sind Teile 6 bis 8 aus dem grossformatigen Band tatsächlich nichts anderes als Bellopontes magna ordinaria – sie weisen unter dessen Namen dieselbe Struktur auf wie Heynlins Disputation. Weil die Gegenargumente aus Teil 7 von einer weiteren Person stammen – nämlich dem Gegner von Petrus’ früherer Disputation –, erklärt sich auch die dritte Hand, in der dieser Teil geschrieben ist; und umgekehrt wird deutlich, worum es sich bei Teil 5 handelt: um das in Unordnung geratene Original von Bellopontes Gegenargumenten zu Heynlins Disputation, das Heynlin als Teil 3 in seine Reinschrift der Disputation abgeschrieben hat.

Unterlagen des Gegners

Offensichtlich hat sich Heynlin also zur Vorbereitung auf seine Disputation die Unterlagen der magna ordinaria seines Gegners beschafft, um einen Eindruck zu erhalten, wie dieser argumentieren würde. Und als solch vorbereitende Materialien lassen sich nun auch die Texte einordnen, die sich zwischen den beiden Notizblättern zur Beichte-Frage im kleinformatigen Band finden. Der Hinweis ex Thomae deutet an, dass sich dort Exzerpte aus Texten von Thomas von Aquin finden – tatsächlich handelt es sich beim einen Ausschnitt um Auszüge aus dessen theologischem Hauptwerk, der Summa theologiae, ergänzt durch Abschnitte aus andern Werken. Interessanter ist aber der zweite durchstrukturierte Ausschnitt im kleinformatigen Band, der ebenso einschlägige Stellen aus einer Textvorlage bietet – jedoch nicht mehr aus Thomas von Aquin: Vielmehr hat Heynlin, der grosse Thomas- Verehrer, hier Originaltexte von dessen Antagonisten Duns Scotus exzerpiert; Texte also, mit deren Inhalt Heynlin rechnen musste, wenn er sich mit seinem Gegner Petrus de Belloponte messen sollte.

Aus dem verstreuten Material lässt sich rekonstruieren, wie sich Heynlin auf seine grosse Disputation vorbereitete und was daraus entstanden ist: Im Wissen darum, wer sein Gegner sein würde, beschaffte sich Heynlin nicht nur dessen magna ordinaria, sondern setzte sich auch mit dessen denkerischem Vorbild auseinander. Was daraus entstand, schien Heynlin dann so geglückt, dass er sich sogar die Mühe machte, die ganze Disputation noch einmal ins Reine zu schreiben. Dem modernen Leser begegnet viel Vertrautes in dieser Vorgehensweise. Von der strategischen Vorbereitung über die Freude am verfassten Werk bis zur ungeordneten Ablage des gesammelten Materials scheint sich der akademische Umgang mit der Produktion von Texten nicht grundsätzlich gewandelt zu haben.

Dr. Florian Wöller ist Oberassistent für Kirchen- und Theologiegeschichte, Prof. Dr. Ueli Zahnd Assistenzprofessor für Geschichte der Philosophie des Mittelalters an der Universität Basel.

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