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Universität Basel

Mediävistik auf dem Holodeck

Lucas Burkart, Jan Rüdiger

Sie sind überall, die Könige des Mittelalters – bis heute. Unlängst wurde wieder einmal einer – fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit – inthronisiert. Das hat mehr mit der Geschichte des Mittelalters zu tun, als man auf den ersten Blick denken mag. Zugleich wird dadurch deutlich, weshalb die Geschichte des Mittelalters ihren eigenen Figuren nicht ganz trauen kann.

Wenn es um Könige geht, sind erst einmal Mittelalterhistoriker zuständig! Wer sonst? Heinrich, Karl, Rudolf, Arthur und wie sie alle heissen, jene gelockten Männer im roten Mantel hoch zu Ross, die durch unsere Kinderbücher und Spielfilme reiten, sind ja in der Tat mittelalterlich. Natürlich gibt es sie auch heute noch, gab es sie vorher schon, in Europa und in anderen Weltregionen. Aber es ist schon so, dass die «richtigen» Könige ins Mittelalter gehören und da auch in irgendeiner Weise «richtiger» sind als anderswo.

Ein Zeitalter für Könige

So zählen Könige auch seit Langem zum Kerngeschäft der Mediävistik. Und so verstehen wir die europäischen Monarchien in ihrer Entwicklung bis zur Gegenwart imaginär-selbstverständlich als «natürliche» Fortsetzung christlich-mittelalterlicher Königsherrschaft. Gekrönte Häupter wie die von England oder Dänemark, deren Reihe 1000 Jahre oder länger zurückgeht, passen da wunderbar; sie sind mittelalterlich – bis heute.

Natürlich stimmt das nicht, und wir wissen es. Auch die sieben heutigen europäischen Königtümer sind von ähnlich tiefen Einschnitten geprägt wie der Rest des Kontinents: Revolution, Putsch und Bürgerkrieg machen die Kontinuitätsbehauptungen, die Dänen und Engländer (und nicht nur sie) so gern pflegen, zu etwas, das man nicht einmal gross dekonstruieren muss. Selbst die Pracht goldener Kutschen und meterlanger Hermelinmäntel bei Parlamentseröffnungen, Hochzeiten oder Krönungen konsumieren die Zuschauer stets mit dem Hinweis, die und die Zeremonie gebe es bestenfalls seit 150 Jahren: Selten ist ein Historiker mit einem Werk so schnell zum Allgemeinwissen geworden wie Eric Hobsbawm mit Invention of Tradition.

Weiter ist doch die Regierungsform ziemlich unabhängig davon, welchen Titel in einem Staat jener trägt, der die Gesetze unterschreibt. Schon 1867 unterschied Walter Bagehot die dignified parts der britischen Verfassung, allen voran die Königin, von ihren efficient parts. Und wenn überhaupt, scheinen die jetzigen Königreiche insgesamt «demokratischer » zu sein als der europäische Durchschnitt, aber auch das dürfte kaum mit den Königen selber zu tun haben. Monarchien sind also nicht weniger modern als mittelalterlich.

Geschichte als Sehnsuchtsraum

Dennoch hat «König» ein Surplus, das politologischem Raisonnement gegenüber immun bleibt und auch die sonst so wirkmächtigen nationalen Befindlichkeitsgehege transzendiert: Felipe und Letizia, Kate und William berühren auch Leute, die sich für Politik nicht interessieren. Etwas Vormodernes haftet ihnen an. Doch das Weber’sche «Charisma» kann es kaum sein; darin versuchen sich heute eher die Politiker von Staaten, die es vor 30 Jahren noch gar nicht gab. Womöglich ist es einfach die Vokabel «König». Und der short cut ins Mittelalter, den sie verheisst. Weiter zurück springt die Zeitmaschine nicht (mehr) – Mittelalter geht immer.

Und so sind sie überall, die Könige des Mittelalters. Zwischen 500 und 1500 lässt sich der historische Stoff anscheinend am besten anhand dieser paar 100 Menschen ordnen. Aber sie sind ja nicht nur einfach Menschen! In seiner Untersuchung Die zwei Körper des Königs hat Ernst Kantorowicz dargelegt, wie die Königsherrschaft des christlichen Mittelalters als eine juristische Fiktion nicht nur symbolischen Überschuss produzierte, sondern auch, wie sich damit kontinuierliche Herrschaftslegitimation verband. Der König verfügt nicht nur über einen sterblichen Körper, sondern er repräsentiert zugleich auch einen Amtskörper, der niemals stirbt: Le roi est mort, vive le roi! Herrschaft verband sich eben stets irgendwie mit Gott, mit dessen Apologeten im Diesseits, den Theologen und klugen Rechtsgelehrten, die sich bei den Überresten römischen Rechts für ihre Zwecke bedienten.

Ausgehend von der Denkfigur eines Juristen aus der Tudor- Zeit, deutete Kantorowicz mittelalterliche Königsherrschaft als politische Theologie. Damit hielt er dem negativen Urteil der «klassischen» politischen Ideengeschichte, zwischen Cicero und Wilhelm von Ockham habe es eigentlich gar keine politische Theorie gegeben, zu Recht entgegen: Die Theologie sei eben auch politische Theorie. Und: Das explizite Raisonnieren über Polis und Staat seit Aristoteles sei eben nur eine (nämlich unsere) Art, übers grosse Ganze nachzudenken. Fürs Verständnis von «the West vs. the rest», mit dem sich seit den 1960er-Jahren die Politische Anthropologie befasst, war damit viel gewonnen.

So wurde das Mittelalter implizit dem «Rest» zugeschlagen. Als wahlweise finsteres oder traumhaftes Anderland unser eigenen Kultur – mit dem zusätzlichen Reiz, dass seine Schauplätze alle «hier» sind, ein prickelndes Wechselspiel, von dem heute blühende touristische Wirtschaftszweige leben – ist es wieder, was es seit seiner Erfindung als Epoche im 14. Jahrhundert meistens gewesen ist: defizitär, im neuromantischen Sinn schön und anders als vieles an der Geschichte: beruhigend vorbei.

Eine Welt aus Sprache

Seit das Mittelalter unter diesen Vorzeichen wieder populär geworden ist, finden sich Wissenschaftler immer öfter interdisziplinär in «Mittelalterzentren» oder als «Medieval Studies» zusammen. Dabei tritt an die Stelle eines intellektuell- methodischen Zugriffs des «Fachs» der Gegenstand als primäres Gliederungskriterium: jene 1000 Jahre. Den Königen verhilft das zu einem Extra-Boost, denn wie in einem Hologramm sieht man sie überall: Wo die Historiker ihre Chroniken und Annalen nach Herrschaftszeiten gegliedert und ihre Urkunden nach Regierungsjahren datiert finden, beugen sich die Kunsthistoriker über illuminierte liturgische Manuskripte voll politischer Ikonografie, untersuchen Medien- und Ritualforscher Krönungsordines, lesen Germanisten und Romanisten höfische Artusromane und Skandinavisten die Königssagas. Kurz, Könige sind so offensichtlich überall, dass es absurd wäre, ihre herausragende Bedeutung für «das Mittelalter» infrage zu stellen. Oder?

Probieren wir es doch einmal und fragen: Waren Könige im Mittelalter lebensweltlich relevant? Wann, wo, für wen? Gleich der erste Schritt bringt uns ins Stolpern: nämlich die Frage, wer das eigentlich sind, Könige. Das Wort ist frühmittelalterlich: kuni(n)g, später künec, lateinisch rex. So weit scheint alles klar. Nur: Sitzen wir hier nicht einem folgenreichen Sprachtrick auf? Wir wissen nicht, wer im poströmischen Westen auf die Idee kam, ein germanisches Wort, das vielleicht «einer mit vielen Verwandten» hiess oder vielleicht auch «einer, der um [zukünftige] Dinge weiss», als Übersetzung von rex zu benutzen – wie also ein Clanchef und/ oder Sehertyp aus den nebligen mitteleuropäischen Wäldern sprachlich gleich wurde mit Romulus und all den Etrusker-, Perser- und sonstigen Königen, mit denen Rom zu tun gehabt hatte. Aber der Trick setzte sich durch und wirkt bis heute. Denn über die lateinische Geschichtsschreibung gewöhnte sich Europa an, überall (ausser eben im römischen Imperium) «Könige» zu sehen. Wir nennen den babylonischen Hammurabi aus dem 18. Jahrhundert v. Ch. ebenso «König» wie Romulus, Chlodwig, Juan Carlos und den thailändischen Bhumibol, der seit 1946 amtiert. Ein zweiter Aspekt war vielleicht noch folgenreicher. Denn mit der Glossierung rex wurde der waldige Bandenchef nicht nur ein Romulus oder Pyrrhus. Er wurde auch ein David und Salomo, einer, dem Gott die Führung seines Volkes auf Erden anvertraut hat, in Erwartung jenes künftigen regnum, dessen Ankunft im Vaterunser «auch auf Erden» herbeigewünscht wird.

«Gerechtigkeit» als Schlüsselwort

Diese Rolle bürdet all den Aethelwolds, Pippins, Haralds, Karls und Heinrichs eine ziemliche Last auf. Ein König muss auf der einen Seite sein Tagwerk erledigen: Er muss Ressourcen akkumulieren, intern durch Abgabenerhebung und extern durch Plünderkriege, und reinvestieren, indem er taktisch klug schenkt, bewirtet und reist. Auf der anderen Seite muss er den göttlichen ordo auf Erden verkörpern. Auf halbem Weg zwischen beidem muss er ein rex iustus sein, also die richtige Balance aus Strenge und Milde zeigen: «Gerechtigkeit » ist nämlich die zentrale Schlüsselvokabel mittelalterlicher Herrschaftstheorie und zugleich praktisch die Voraussetzung dafür, als König den nächsten Tag noch zu erleben. «Zwischen Bandenchef und Gesalbtem des Herrn» lautet die job description eines mittelalterlichen Königs.

Die Frage ist nun: Für welche Teile des Jobs braucht es unbedingt einen König? Wohl kaum für die Ressourcenakkumulation, denn die bekommt jeder hin, der in einem Kloster oder einem Bauerndorf mit dem nötigen Nachdruck auftritt. An regularisiertere Formen von Regierung wie den römischen oder modernen Steuerstaat war nicht zu denken. Selbst Karl der Grosse – der als Bandenchef in grossem Massstab durchaus seinen Schnitt zu machen wusste – war hier auf Symbolpolitik angewiesen. Denn die braucht es für den «David», für das Surplus. Konkret kamen die allermeisten Menschen bis mindestens ins 13. Jahrhundert nie mit dem Königtum in Berührung, nicht im Guten und nicht im Bösen und nicht einmal durch allgemeine Abgabenpflicht oder Rechtsetzung. Und ob sie von ihrem jeweiligen König überhaupt wussten, ist keineswegs sicher.

Aber für jenen artikulaten Teil der mittelalterlichen Bevölkerung, dessen Haltungen und Meinungen allein wir kennen, war es unabdingbar, dass es «König» gab – fast egal wen. Die in der irdischen Geschichte sichtbare göttliche Weltordnung wäre sonst nicht mehr erzählbar gewesen. «König» war vor allem eine Denkform, nur selten und für wenige auch Lebenswirklichkeit; darin ist der früh- und noch der hochmittelalterliche König seinem toten Pendant, dem Heiligen, nicht unähnlich.

Als ab dem 13. Jahrhundert die externe Akkumulation gegenüber der internen unbedeutend wurde, übernahmen die entstehenden Fiskalitäten in England, Aragon, Frankreich die Denkfigur: Die Königtümer wurden allmählich erlebbar, wenn auch viel weniger als in der allgegenwärtigen Staatlichkeit der Moderne. Aber gerade in dieser Hinsicht ist Mediävistik ein transepochales Unterfangen. Denn wer in einer epochal bestimmten, vom Gegenstand «500–1500» ausgehenden Weise aufs Königtum blickt, bekommt nur das Hologramm zu sehen: überall Könige. Die Quellen sind in jenem Zeitalter, das nicht nur relativ wenig Schrift- und Bildliches produzierte, sondern in dem diese Produktion auch sozialintellektuell eng begrenzt war, so einstimmig, dass wir nicht anders können, als uns deren Logik zu eigen zu machen. Um diesem Zirkelschluss zu entgehen, braucht es den Vergleich mit oder die Beziehung zu Antike und Moderne.

Dann lässt sich nämlich fragen, ob sich die heutigen europäischen Monarchen von den Königen des Mittelalters wirklich durch ihre Funktion als dignified parts unterscheiden. Historiker sollten ja eigentlich Experten dafür sein, laut proklamierten Selbstbeschreibungen politischer Systeme (Volksgemeinschaft, Sozialismus, Demokratie und Gewaltenteilung) zu misstrauen – warum also nicht auch fürs Mittelalter? Diesen kritischen Blick kann es aber nicht als historische Parthenogenese geben, sondern nur transepochal: Wer nicht auch einmal hinter oder neben das Hologramm tritt, glaubt, dass das, was er in der Geschichte sieht, in dieser wirklich auch drin ist.

So wirft auch das Protokoll zur spanischen Inthronisation im Juni 2014 eine grundlegende Frage aller Königsherrschaft auf, welche die Geschichte beschäftigen muss: ihr Verhältnis zu den «Beherrschten», den Untertanen, dem Volk. Mit dem Verzicht auf eine grosse Feier mit Gästen aus der europäischen Hocharistokratie scheint die gesellschaftliche Krise in Spanien das Königshaus seiner letzten Funktion zu berauben: die Legitimität von Herrschaftsübertragung zu repräsentieren. Dem Historiker kommt dabei der Gedanke, dass der populus bereits vor der Einrichtung von Parlament und Demokratie mehr zu sagen hatte und die Könige so mächtig nicht waren, wie uns die Quellen stets glauben machen wollen. Vielleicht unterschied sich ein mittelalterlicher König, der sich um seine Einkommensquellen kümmerte und die Weltordnung zu repräsentieren hatte, gar nicht so sehr von seinen Titelnachkommen im dritten Millennium.

Prof. Lucas Burkart ist Professor für Geschichte des Spätmittelalters und der Renaissance, Prof. Jan Rüdiger Professor für Allgemeine Geschichte des Mittelalters, beide an der Universität Basel.

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