x
Loading
+ -

Universität Basel

Ein grosser Basler Dichter: Konrad von Würzburg

Gert Hübner, Seraina Plotke, Stefan Rosmer

Der Gralssucher Parzival und die Liebe von Tristan und Isolde haben einen festen Platz im kulturellen Gedächtnis. Ihre massgebliche literarische Gestalt erhielten solche Stoffe im hohen Mittelalter, bei Dichtern wie Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Strassburg. Ebenso berühmt war damals ein Basler: Konrad von Würzburg. Sein vielschichtiges Œuvre wird seit einigen Jahrzehnten erforscht – jüngst verstärkt auch von der Basler Mediävistik.

Konrad von Würzburg mit Schreiber.
Gehörte zu den angesehensten Dichtern seiner Zeit: Konrad von Würzburg (links) mit Schreiber (Bild: Universitätsbibliothek Heidelberg, Grosse Heidelberger Liederhandschrift, Cod. Pal. germ. 848, Seite 383r). © Universitätsbibliothek Heidelberg

Basels bedeutendster Schriftsteller ist in der Stadt ein Unbekannter. Kein Dichtermuseum, keine Gedenktafel, kein Strassenname erinnert an ihn, selbst literarisch Interessierten sind weder sein Name noch seine Werke geläufig: Die Rede ist von Konrad von Würzburg, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Basel lebte und hier einen Grossteil seiner Werke schuf. Wie bei den meisten mittelalterlichen Dichtern ist der Namenszusatz «von Würzburg» kein Adelsprädikat, sondern eine Herkunftsbezeichnung. Er hiess Cuonrât und kam aus Würzburg, und so bezeichnete er sich auch selbst.

Gönner aus der Basler Oberschicht

In Würzburg wurde Konrad zwischen 1220 und 1230 geboren, seit den 1260er-Jahren muss er am Oberrhein tätig gewesen sein, denn er nennt in seinen Werken Gönner, die in Basel lebten: Der Basler Bürgermeister Peter Schaler war Auftraggeber des Versromans Partonopier und Meliur, und Dietrich an dem Orte, der als Domkantor eines der höchsten Ämter des Bistums innehatte, finanzierte den Versroman Trojanerkrieg. Auch in den Heiligenlegenden führt Konrad Mäzene aus der Aristokratie an: den Domherrn Liutold von Röteln, den Ratsherrn Johannes von Arguel sowie Heinrich Iselin und Johannes von Bermweswil.

Daneben bezeugen Konrad drei ausserliterarische Quellen. In den Colmarer Annalen – 1266 bis 1306 von einem unbekannten Dominikanermönch verfasst – heisst es für die Zeit zwischen dem 8. und 22. Oktober 1287: Obiit Cuonradus de Wirciburch, in Theutonico multorum bonorum dictaminum compilator (Es starb Konrad von Würzburg, ein Bearbeiter vieler guter Gedichte in deutscher Sprache). Die Nachricht ist aussergewöhnlich, denn in keiner andern erhaltenen lateinischen Chronik des 13. Jahrhunderts oder zuvor wurde je der Tod eines deutschsprachigen Dichters erwähnt. Das zweite Zeugnis ist eine Basler Urkunde von 1295, die einen Rechtsstreit um ein Haus in der Spiegelgasse (heute Augustinergasse) regelt, das neben dem Haus lag, das früher Konrad von Würzburg (magistri Cuonradi de Wirzeburg) gehörte. Und drittens verzeichnen die Anniversarienbücher des Münsters eine von Konrad auf den 31. August gestiftete, jährlich zu feiernde Messe für sein Seelenheil und das seiner Frau sowie seiner beiden Töchter. Laut diesem Eintrag war die Familie in der Maria-Magdalena-Kapelle im Münsterkreuzgang begraben.

In der Germanistik bezeichnet man Konrad landläufig als Berufsdichter, was insofern zutrifft, als er sich für das Dichten entlohnen liess und wohl einen nicht geringen Teil seiner Zeit darauf verwendete. Davon allein hätte er es aber kaum zu einem Haus auf dem Münsterberg und einem Grab in der Münsterkapelle bringen können. Er muss deshalb noch einen anderen Beruf gehabt haben; sein Wohnort legt eine Beziehung zum Hochstift nahe. Wegen der Auftraggeber aus der sozialen und politischen Führungsschicht der Stadt, des Wohnorts und der Grabstätte könnte man den Migranten Konrad von Würzburg als ein Musterbeispiel für gelungene Integration bezeichnen.

Von Dichterkollegen hoch geschätzt

Doch wer Konrad als erfolgreich integrierten Immigranten vereinnahmt, legt moderne Massstäbe an, was leicht in die Irre führen kann. So gesehen ist die Behauptung, dass er Basels bedeutendster Dichter sei, zweischneidig, denn ein solches Prädikat ist ja stets an die Werturteile jener geknüpft, die es vergeben. Zu Konrads Lebzeiten bestand jedoch an seinem Rang kein Zweifel. Das bezeugen neben der auffälligen Erwähnung in den Colmarer Annalen auch Konrads Dichterkollegen. Fernab von seiner Basler Wirkungsstätte rechnen ihn Hermann Damen und Rumelant von Sachsen in Mittel- und Norddeutschland zu den besten lebenden Lyrikern. Der Liederdichter Frauenlob – um 1300 die literarische Berühmtheit schlechthin – widmet ihm einen poetischen Nachruf, in dem es heisst, dass mit Konrad die Kunst selbst gestorben sei.

Aussergewöhnlich an Konrad ist im Vergleich mit Zeitgenossen die Spannbreite seines Œuvres, das reich tradiert ist: Er verfasste Versromane, Heiligenlegenden, kürzere Versnovellen, ein langes poetisches Marienlob, eine Turnierbeschreibung, Minnelieder und Sangsprüche. Damit steht er in der Tradition der höfischen Dichtung, die sich im 12. Jahrhundert im provenzalischen, französischen und deutschen Sprachraum etablierte. Nachdem er in der Forschung lange als Epigone galt, hat die jüngere Mediävistik seine ausserordentliche Stellung erkannt und sich dem Urteil der Zeitgenossen und der Überlieferung angeschlossen. Konrads Werke stehen nun auch verstärkt im Fokus der Basler Mediävistik, wie folgende Beispiele zeigen.

Der Trojanerkrieg – ein höfischer Antikenroman

Der Trojanerkrieg ist Konrads aufwendigstes Werk. Die Geschichte vom Krieg der Griechen gegen Troja war im mittelalterlichen Westeuropa vor allem dank zweier spätantiker lateinischer Prosaerzählungen geläufig. Homers Ilias kannte man dagegen nur als kurze lateinische Zusammenfassung aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Diese Quellen dienten dem französischen Dichter Benoît de Sainte-Maure um 1165 als Vorlagen für seinen höfischen Roman de Troie, der mit rund 30'000 Versen wesentlich umfangreicher ist als seine Vorlagen, vor allem, weil der Autor viele Details dazu erfunden hat.

Konrad griff in den 1280er-Jahren auf Benoît zurück und arbeitete unter anderem Bezüge auf den Troja-Stoff bei Vergil und Ovid in seinen Text ein. Er hat mithilfe dieser weiteren Quellen vor allem die Kausalketten genau rekonstruiert, die zum Krieg führten. Dabei hat auch er vieles dazu erfunden oder ausgeschmückt, etwa die den Krieg auslösende Liebesbeziehung zwischen Paris und Helena. Das Interesse der Basler Forschung richtet sich denn auch besonders auf dieses Verhältnis zwischen poetischer Erfindung und dem Wahrheitsanspruch, der im dichterischen Erzählen des 12. und 13. Jahrhunderts zentral ist. Diese Praxis, die sich nicht nur bei Konrad findet, ist in Beziehung zu setzen zur Rhetorik und zu den historischen Konzeptionen von Wirklichkeit und Wahrheit, die ein adäquates Verständnis der Eigenheiten mittelalterlichen Erzählens erst ermöglichen.

Der Minne- und Abenteuerroman Partonopier und Meliur

In Vorbereitung ist in der Basler Mediävistik die Neuedition und erste Übersetzung ins Neuhochdeutsche von Partonopier und Meliur. Die rund 22'000 Verse umfassende Liebes- und Abenteuergeschichte bietet für die Wissenschaft reiches Untersuchungsmaterial, ist aber auch für sich sehr lesenswert. Erzählt wird, wie sich der Grafensohn Partonopier auf der Jagd verirrt und in eine prächtige, aber menschenleer wirkende Stadt findet. Dort kommt es zur Liebesvereinigung mit einer unsichtbaren Frau: mit Meliur, der zauberkundigen, feenhaften Tochter des Kaisers von Konstantinopel, die ihm eröffnet, dass er sie in zwei Jahren heiraten, vorher aber nicht sehen dürfe. Partonopier widmet sich zunächst dem Kampf gegen die Heiden, bricht dann aber, angestachelt durch den Erzbischof, das auferlegte Seh-Tabu. Er verliert Meliur und muss sich verschiedenen Prüfungen stellen, um die Geliebte zurückzugewinnen. Konrad verarbeitet in seinem Werk diverse kulturelle Problemstellungen der Zeit; zwei davon seien hier vorgestellt:

  • Die Handlung des Minne- und Abenteuerromans spielt im kulturellen Dreieck von christlichem Abendland, christlich-orthodoxem Byzanz und muslimischem Orient, wie es für das durch die Kreuzzüge geprägte Europa bestimmend war. Die Literatur tritt hier in ein Dialogverhältnis zu den realhistorischen Ereignissen. Der Text «verhandelt», um mit Stephen Greenblatt zu sprechen, die kulturellen Beziehungen zwischen Europa und dem Orient, indem er an bestimmten Konfigurationen und Handlungsmustern unterschiedliche Relationsverhältnisse durchspielt und die lebensweltlichen Positionen in Beziehung aufeinander neu definiert. Die abenteuerlichen Bewährungsproben des Helden in der Fremde sind damit Reflexionen über die Geschehnisse der eigenen Wahrnehmungsgegenwart, und zwar im Hinblick sowohl auf die fremde wie auch auf die eigene Kultur.
     
  • Konrads Werk setzt sich experimentell mit der Neukonfiguration der Geschlechterverhältnisse auseinander, indem es das Erzählmuster der Feengeschichte und der sogenannten Mahrtenehe (meist an ein Tabu geknüpfte geschlechtliche Verbindung eines Menschen mit einem Zauberwesen) aufgreift, das im Hoch- und Spätmittelalter sehr beliebt war und in der neuzeitlichen Literatur bis in die Gegenwart Bearbeitungen erlebte (Goethe, Tieck, Fontane, Ingeborg Bachmann). Dieses Erzählmodell ist dadurch geprägt, dass es mithilfe des Feenmotivs und des an den menschlichen Partner gestellten Tabus modifizierte Geschlechterrelationen auslotet und gesellschaftlich etablierte Gendertypisierungen aufbricht. Handlungsspielräume und Machtstrukturen zwischen den Geschlechtern werden neu inszeniert, wobei das Tabu und sein Bruch ethnologische, psychoanalytische und sozialpolitische Lektüren zulassen, die mit Fragen der Geschlechtergeschichte verknüpft werden können.

Profilierter Lyriker

Neben den erzählenden Texten ist von Konrad ein schmales, aber profiliertes Œuvre an Lieddichtung überliefert. Er war in den grossen Gattungen der deutschsprachigen mittelalterlichen Liedkunst tätig, verfasste also Minnelieder und Sangsprüche. In einem Sangspruch – er besteht in der Regel aus nur einer Strophe, die gesungen vorgetragen wurde – wird meist ein Thema in einem allgemeingültigen Redegestus und pointiert zusammengefasst abgehandelt. Das Themenspektrum umfasst alle Bereiche des höfischen Lebens wie Fürstenlehre, Herrenlob und -tadel, Tagespolitik, allgemeine höfische Verhaltenslehre, Bitte der Dichter um Lohn, Klage über Geiz, religiöse Unterweisung, gebetsartige Strophen, Naturkunde, Verhalten von Mann und Frau.

Konrads Minnelyrik zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Liebesdarstellung generalisiert. Die für den Minnesang typische Perspektive des von der Liebe unmittelbar Betroffenen wird aufgegeben. Im Zentrum steht nicht mehr das Liebesleid des Einzelnen, sondern die Liebe selbst. In Strophenform, Reimkunst und Formulierungstechnik zeichnen sich Konrads Minnelieder durch eine enorme – zuvor so nicht anzutreffende – Steigerung der Formkunst aus. Auch seine Sangsprüche stehen in ihrer metrisch-reimtechnischen und rhetorischen Durchformung den Minneliedern nicht nach, sodass seine Lyrik ins Zentrum von Fragestellungen der Stilgeschichte rückt. Der Rhetorik als historischer Textproduktionslehre und ihrem Spannungsverhältnis zur dichterischen Praxis kommt hier besonderes Gewicht zu.

Konrads Sangsprüche sind bedeutsam für die spätere Geschichte der gesungenen Lyrik. Während es in den übrigen Gattungen der höfischen Dichtung im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts zu einem Traditionsbruch kommt, wird der Sangspruch weiter überliefert und produziert. Die Gattung gerät dabei in einen tiefgreifenden Veränderungsprozess, der in den städtischen Meistergesang mündet. Dabei dürften vor allem die kunstvollen Strophenformen in Verbindung mit der Melodie eine wichtige Rolle gespielt haben. Konrad galt für die Meistersinger des 15. und 16. Jahrhunderts als einer ihrer Ahnherren und dichterische Autorität, als einer der «Zwölf alten Meister».

Prof. Dr. Gert Hübner ist Extraordinarius für Germanistische Mediävistik im Europäischen Kontext am Deutschen Seminar der Universität Basel, PD Dr. Seraina Plotke Universitätsdozentin für Germanistische Mediävistik am Deutschen Seminar sowie Privatdozentin für Neulatein am Departement Altertumswissenschaften und Dr. des. Stefan Rosmer Assistent für Germanistische Mediävistik am Deutschen Seminar.

nach oben