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Universität Basel

Wissenschaft und Familie

Andrea Maihofer

Andrea Maihofer
Andrea Maihofer © Andreas Zimmermann

«‘Man muss dafür glühen’ ... ?», lautet eine Studie von Jutta Dalhoff, der Leiterin des deutschen Kompetenzzentrums Frauen in Wissenschaft und Forschung. Sie beschreibt die Bedeutung, die die «allgemein postulierte Erfordernis der hundertprozentigen Verfügbarkeit von Wissenschaftler(inne)n» für die Karrieren besonders von Frauen hat. Verlangt wird neben der unbegrenzten zeitlichen Verfügbarkeit auch die uneingeschränkte innere Hingabe an die Wissenschaft – das absolute Prioritärsetzen der wissenschaftlichen Arbeit im eigenen Lebensentwurf. Dalhoff zielt zudem auf die «Rahmenbedingungen von wissenschaftlicher Arbeit unter Gleichstellungsaspekten»: Die Erfüllung des normativen Ideals von Wissenschaft setzt nämlich den herkömmlichen «männlichen » Lebensentwurf voraus, der mit Vollzeiterwerbstätigkeit sowie mit Kinderlosigkeit oder einem traditionellen Familienmodell verbunden ist. Das herrschende Wissenschaftssystem ist also – um es mit Bourdieu zu formulieren – immer schon vergeschlechtlicht und vergeschlechtlichend. Es basiert auf einer traditionellen familialen Arbeitsteilung und damit auf einer spezifischen Verschränkung von Beruflichem und Privatem, die jedoch – nicht zuletzt durch den Mythos der (geschlechts-)neutralen Wissenschaft – meist ausgeblendet bleibt. Zudem erfordert die Erfüllung dieser Norm von den Wissenschaftlerinnen einen bislang mit der Konstruktion von Männlichkeit verbundenen Lebensentwurf und zwingt jene, die nicht so leben wollen oder können, entweder aus dem Wissenschaftssystem auszuscheiden oder eine weniger erfolgreiche Karriere auf sich zu nehmen.

Wie eng das vorherrschende Bild des exzellenten, autonomen und asketisch auf die wissenschaftliche Tätigkeit fixierten Wissenschaftlers mit einem traditionell «männlichen » Lebensentwurf verbunden ist, illustriert die Studie von Julia Reuter, «Professor mit Kind». Sie zeigt aber auch, wie sich die Anforderungen zeitlicher Verfügbarkeit, Flexibilität und Mobilität sowie vollständiger innerer Hingabe mit den sich verschärfenden wissenschaftlichen Exzellenzstandards noch verstärken. Für Männer ist ein begrenztes Engagement oder gar eine Auszeit ohne Wissenschaft kaum denkbar. Zugleich besteht meist ein zermürbendes Spannungsverhältnis zwischen ihrer Existenz als Wissenschaftler und der als Väter. Die Anforderungen an Wissenschaft werden als ausufernd erfahren. Zunächst als Teil des Karriereaufbaus hingenommen, erweist sich die Entgrenzung von Arbeit und Leben mit Erreichen der Professur keineswegs als geringer. Im Gegenteil, nun müssen mit wachsender Beschleunigung und Zeitdruck immer mehr andere Aufgaben erledigt werden, die mit Wissenschaft wenig bis nichts zu tun haben. Dagegen wird die wissenschaftliche Arbeit mehr und mehr in die Randzeiten verdrängt, spät in die Abende hinein und in die Wochenenden, und durchdringt damit immer stärker den familialen Alltag.

Zugleich ahnen viele – und aktuelle Studien bestätigen dies –, dass sich nun auch für Väter, die täglich mit ihren Kindern zu tun haben und ein partnerschaftliches Familienarrangement leben wollen, die Schere in Richtung Ungleichheit gegenüber jenen Männern zu öffnen beginnt, die keine Kinder haben oder in einem traditionellen Familienmodell leben. Die mit dem neoliberalen Umbau der Universitäten wachsende Spannung zwischen Wissenschaft und Familie betrifft nun nicht mehr nur Frauen, sondern auch Männer. Offen ist, ob sich dies langfristig als gegenläufige Tendenz erweist oder ob sich das Spannungsverhältnis in neuer Form verstärkt. Doch bleibt zu hoffen, dass sich Wissenschaft gegen herrschende Imperative von Politik und Wirtschaft wieder mehr auf ihren genuinen Auftrag und damit auch auf (Selbst-)Kritik besinnt.

Prof. Dr. Andrea Maihofer (*1953) ist seit 2001 Professorin für Geschlechterforschung und Leiterin des Zentrums Gender Studies an der Universität Basel. Sie studierte Philosophie, Germanistik und Pädagogik in Mainz, Tübingen und Frankfurt/M., wo sie 1996 in Soziologie habilitierte.

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