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Universität Basel

Die mittelalterlichen Handschriften der Universitätsbibliothek

Ueli Dill

Der weitaus grösste Teil der mittelalterlichen Handschriften der Universitätsbibliothek Basel wurde nach dem Erdbeben von 1356 verfasst, also im späten 14. und besonders im 15. Jahrhundert. Inhaltlich dominieren nicht überraschend mit zwei Dritteln die theologischen Werke, ein Viertel kann den Artes liberales zugerechnet werden, das Übrige dem Recht und der Medizin. Rund 350 Bände enthalten deutsche Werke, 90 griechische und der grosse Rest – ziemlich genau drei Viertel – ist lateinisch verfasst.

Sammelhandschrift aus dem Kloster Fulda (8./9. Jh.) mit Werken des Isidor von Sevilla, dem ältesten Bibliothekskatalog von Fulda, den althochdeutschen sogenannten Basler Rezepten und einem astronomisch-komputistischen Bilderzyklus (Bild: Universitätsbibliothek Basel, Signatur F III 15a, Bl. 23r).
Sammelhandschrift aus dem Kloster Fulda (8./9. Jh.) mit Werken des Isidor von Sevilla, dem ältesten Bibliothekskatalog von Fulda, den althochdeutschen sogenannten Basler Rezepten und einem astronomisch-komputistischen Bilderzyklus (Universitätsbibliothek Basel, Signatur F III 15a, Bl. 23r). © Universitätsbibliothek Basel

Am 22. Februar 1536 besprach Bonifacius Amerbach, Rektor der Universität Basel, mit Oberstzunftmeister Theodor Brand den Plan, für die Bibliothek der Universität ein eigenes Gebäude zu errichten. Mit der bei Bibliotheks(um)- bauten üblichen Verzögerung wurde dieses Projekt 1559 vollendet: Unterhalb der Alten Universität am Rheinsprung wurde ein zweigeschossiges Gebäude errichtet, mit Arbeitsplätzen im Parterre und Magazinraum im Keller. Dort fand nicht nur der Buchbestand Platz, der im Jahrhundert seit der Gründung der Universität aufgebaut worden war, sondern auch die im Vergleich dazu deutlich umfangreicheren Bibliotheken der 1529 im Zug der Reformation aufgehobenen Klöster.

Im sicheren Hafen

Nachdem diese Bestände also 30 Jahre lang, schlecht gepflegt, schlecht genützt, schlecht geschützt, an ihren ursprünglichen Standorten verblieben und auch dezimiert worden waren, wurden nun (von bestimmten Ausnahmen abgesehen) die Bände, die noch vorhanden waren, im Gründungsjahr 1559 und in einem zweiten Anlauf 1590 in den relativ sicheren Hafen der Universitätsbibliothek gebracht. Die grössten so erhaltenen Sammlungen, bestehend aus Handschriften und – aus heutiger Sicht – alten Drucken, stammen aus der Kartause (2100 Bände, davon rund 450 Handschriften), dem Predigerkloster (600 Bände, davon rund 500 Handschriften), dem Domstift (100 Handschriften) und dem Chorherrenstift St. Leonhard (300 Bände, davon rund 40 Handschriften), insgesamt also etwa 1200 Handschriften – das sind gut zwei Drittel des heute vorhandenen Bestands.

Später kamen weitere mittelalterliche Handschriften als Teil der grossen Bestände des Amerbachkabinetts (1661) und des Museums Faesch dazu. Speziell ist das Schicksal einer aus dem 8. bis 10. Jahrhundert stammenden Handschriftengruppe aus dem Kloster Fulda, die für eine (nie realisierte) Gesamtausgabe des Isidor von Sevilla vom Druckhaus Petri übernommen worden war. Diese Handschriften gelangten aus Petris Konkursmasse in den Besitz der Familie Faesch und fielen dann mit deren Bibliothek 1823 an die Universitätsbibliothek. Auf diese Weise kamen insgesamt rund 1750 mittelalterliche Handschriften in der Universitätsbibliothek zusammen, heute die mit Abstand grösste derartige Sammlung in der Schweiz.

Der sichere Hafen der Universitätsbibliothek wurde nach den Wirren der Kantonstrennung von 1833 noch sicherer. Das Universitätsgut wurde dem neuen Kanton Basel-Stadt zugeschlagen und durch das Universitätsgesetz 1836 zum unveräusserlichen Besitz erklärt. So hat Basel jahrhundertelang einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des schriftlichen Kulturerbes geleistet und auch eine ganze Reihe sogenannter codices unici vor dem Untergang bewahrt. Das heisst, Basel besitzt heute die einzigen erhaltenen Handschriften dieser Werke. Dazu gehören die Universalgeschichte des römischen Historikers Velleius Paterculus sowie Werke des Hincmar von Reims und des griechischen Gelehrten Eustathios von Thessalonike.

Griechische Sammlung als Attraktion

Eine Rarität war die recht grosse Sammlung griechischer Handschriften, die in Bibliotheksbeschreibungen auch immer erwähnt wurde, so etwa 1577 in Christian Wurstisens Epitome historiae Basiliensis: «Die Bibliothek der hohen Schule, so an neuen und alten Büchern, wie auch an Manuscripten und griechischen geschriebenen Büchern, einen ziemlichen Vorraht hat» (Übs. von 1757). Rund 60 der griechischen Handschriften stammen aus dem Predigerkloster, dem sie vom Kroaten Ivan Stojković, selbst ein Dominikaner, vermacht wurden. Stojković hatte sie als Gesandter und im Auftrag des Basler Konzils 1435 bis 1437 in Konstantinopel zusammengekauft.

Mehrere Jahrzehnte lagen sie unbenutzt in Basel, dann aber spielten sie eine tragende Rolle bei der Ausbreitung der Griechischkenntnisse nördlich der Alpen und bei der Entwicklung und Blüte des Basler Buchdrucks. Erasmus von Rotterdam benutzte sie 1516 für seine Erstausgabe des griechischen Texts des Neuen Testaments, und in der Folge dienten zahlreiche weitere griechische und lateinische Handschriften als Vorlagen für Basler Drucker. Diese Wertschätzung durch Drucker und Gelehrte dürfte auch ihre Übernahme in die Universitätsbibliothek begünstigt haben.

Das Beispiel von Stojković zeigt es: Das Konzil von Basel (1431–1449), das auch als grosser europäischer Büchermarkt fungierte, spielte für den Bestandesaufbau der Klosterbibliotheken eine wichtige Rolle. Die Klöster produzierten Bücher nicht nur selber, sondern kauften sie auch oder erhielten sie geschenkt. Konzilsteilnehmer machten solche Schenkungen oft im Bestreben, dem als etwas zurückgeblieben eingeschätzten Basler Geistesleben neue Impulse zu vermitteln. Das Wirken des Konzils selbst ist in der heutigen Handschriftensammlung gut dokumentiert: durch Protokollbände, Manuskripte der gehaltenen Reden und vor allem durch die Konzilsgeschichte des Johannes von Segovia, welche der Stadt zusammen mit vier anderen Handschriften vom Verfasser geschenkt wurde.

Aus Klöstern und von Mönchen

Andere Handschriften kamen aus verwandten Klöstern. So erwarb die Kartause eine mehrbändige illustrierte Ausgabe von Nicolaus von Lyras Bibelkommentar von ihrer Schwesterkartause in Freiburg/Br. Die wichtigste Quelle bildeten aber die privaten Bibliotheken der Mönche. An zwei Beispielen können wir das Leben und das Studium ihrer Besitzer schön verfolgen: Albert Löffler aus Rheinfelden (1416/17– 1462) hinterliess seinem Dominikanerkonvent 33 selbst geschriebene Bände. Der zweitletzte Prior der Kartause, Jacob Louber, brachte bei seinem Klostereintritt 1477 42 Bände mit, davon die Hälfte ganz oder teilweise von Hand geschrieben. Heute sind sie eine wichtige Quelle für den akademischen Unterricht an der damals jungen Basler Universität.

Die berühmteste Privatbibliothek stammt vom Theologen und Humanisten Johannes Heynlin, der sich nach einer erfolgreichen Karriere in Paris und Basel 1487 in die Basler Kartause zurückzog, zusammen mit fast 300 bibliophil ausgestatteten Bänden, wovon rund 50 Handschriften waren. Zwar lassen sich in Basel kaum mehr richtige Skriptorien nachweisen, doch wurde in den Klöstern selbstverständlich geschrieben. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die vom Kartäuser Heinrich Vullenhoe, einem eifrigen Schreiber, geschaffene Bibel in vier Bänden. Die Abschlussdaten der drei erhaltenen Bände zeigen, dass Vullenhoe mehr als zehn Jahre an dieser Arbeit sass: 1435, 1443 und 1445.

Die umfangreichste, bestbezeugte und besterhaltene Bibliothek ist jene der Kartäuser. Nicht nur sind wohl noch neun Zehntel des ursprünglichen Bestands vorhanden, sondern auch zwei Kataloge, ein Ausleihbuch und eine Wegleitung für den Bibliothekar. Eigentlich handelte es sich um vier Bibliotheken: die Bibliotheca antiqua, wo die Handschriften und älteren Drucke standen, die Bibliotheca nova mit den jüngeren Drucken, die für den Gottesdienst bestimmte Chorbibliothek und die Laienbibliothek. In dieser waren deutschsprachige Bücher für den Gebrauch durch die Laienbrüder versammelt, darunter das breite Übersetzungswerk des Mitbruders Ludwig Moser. Im Ausleihbuch sind von 1482 bis 1528 rund 500 Ausleihvorgänge bezeugt: an Professoren und Studenten, Geistliche, Buchdrucker, Schullehrer und an Bekannte von Klosterangehörigen. Im Manuale für den Bibliothekar wird detailliert beschreiben, wie die Bücher angeschafft, gebunden, signiert, mit Besitzeintrag und Inhalt versehen, in den Bestand eingereiht und ausgeliehen werden sollten. Ausführlich werden auch die erforderlichen Kontroll- und Reinigungsarbeiten behandelt.

Erhaltung und Erschliessung

Auch heute wird in der Abteilung Handschriften und Alte Drucke der Universitätsbibliothek viel Arbeit auf die Erhaltung und Erschliessung der Handschriften verwendet. Alle Dokumente wurden in den letzten Jahren gereinigt und in eigens gefertigte Kartonhüllen verpackt. Die im Lauf des letzten Jahrhunderts erstellten, aber nur teilweise publizierten Beschreibungen und Register werden aktualisiert und im Onlinekatalog HAN (Handschriften, Archivbestände, Nachlässe) zugänglich gemacht. Immer mehr Handschriften lassen sich auch in digitaler Form auf den beiden Plattformen e-codices.ch (Mittelalter) und e-manuscripta.ch (Neuzeit) online konsultieren. Denn Ziel ist nicht nur, das reiche handschriftliche Erbe des mittelalterlichen Basel noch möglichst lange sicher aufbewahren zu können, sondern auch, die wissenschaftliche Beschäftigung damit zu ermöglichen und anzuregen.

Dr. Ueli Dill ist Vorsteher der Abteilung Handschriften und Alte Drucke der Universitätsbibliothek Basel.

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