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Universität Basel

Die goldene Altartafel des Münsterschatzes

Barbara Schellewald

Die Anfänge der Kunstgeschichte des Mittelalters in Basel sind eng mit dem Germanisten Wilhelm Wackernagel (1806–1869) verbunden, der ab 1835 Ordinarius an der Universität war. In einigen Publikationen widmete er sich mittelalterlichen Themen – so etwa der goldenen Altartafel aus dem Münsterschatz, von der sich in Basel nur Kopien befinden.

Eine von zwei Kopien in Basel: die goldene Altartafel aus dem Münsterschatz (Bild: Historisches Museum Basel, P. Portner).
Eine von zwei Kopien in Basel: die goldene Altartafel aus dem Münsterschatz. © Historisches Museum Basel, P. Portner

Versuchen wir die frühe Kunstgeschichte des Mittelalters in Basel zu fassen, begegnen wir einem Protagonisten, der seine disziplinäre Heimat in der Germanistik hatte: Wilhelm Wackernagel. 1806 in Berlin geboren, absolvierte er sein Studium in Berlin und Breslau und folgte 1833 einem Ruf an das Pädagogium (heute: Gymnasium am Münsterplatz) in Basel; kurz zuvor wurde ihm in Göttingen mithilfe einflussreicher Freunde der Doktortitel verliehen. In Basel reüssierte der Neuankömmling recht schnell: 1835 wurde ihm eine ordentliche Professur für «Deutsche Sprache und Litteratur» an der Universität angetragen. Diese aus heutiger Perspektive ungewöhnliche Karriere war damals, vor der Einführung von Habilitation und Privatdozentur, nicht ungewöhnlich. Der soziale Aufstieg Wackernagels wurde zudem durch seine beiden Heiraten mit Karoline Louise Bluntschi und Maria Salome Sarasin gefördert. 1837 wurde er zum Ehrenbürger von Basel ernannt. 1841, 1855 und 1866 hatte er das Amt des Rektors der Universität inne, darüber hinaus war er Mitglied des Grossen Rats.

Engagement für Sammlungen

Als Germanist genoss Wackernagel einen ausgezeichneten Ruf, sein intellektuelles Netzwerk markiert seine weitreichende Reputation. So stand er in engem Briefkontakt mit den Gebrüdern Grimm, Karl Simrock und anderen. Edward Schröder bedauerte in der «Deutschen Biographie» 1896, dass ein Gelehrter seines Ranges auf einen kleinen Wirkungskreis beschränkt blieb. In der Tat hatten sich die Universitäten von München, Wien und Berlin um eine Wegberufung aus Basel bemüht. Wackernagel widerstand diesen Versuchungen und blieb Basel treu. Eine Reihe von Aktivitäten bezeugen das ausgeprägte Interesse des Philologen für die Kunst und ihre Geschichte.

Neben den Publikationen ist Wackernagels Engagement für die Sammlungen von «Alterthümern» zu erwähnen. Er darf ohne Zweifel als Initiator des Vorgängers des heutigen Historischen Museums gelten. Die seit 1856 in der Nikolauskapelle des Münsters ausgestellte Sammlung (ab 1880 im Konziliensaal) war wie auch jene des späteren Kunstmuseums institutionell der Universität unterstellt. Eine universitäre Kunstgeschichte gab es damals weder in Basel noch anderswo: Erst 1860 hatte Anton Springer eine erste Professur für Kunstgeschichte an der Universität Bonn inne. So wundert es nicht, dass Wackernagel auch eine gute Zeitspanne (1853–1866) die Verantwortung für die Sammlung des späteren Kunstmuseums trug. Mit den Jahren erwarb er sich allerdings durchaus eine gewisse Expertise, die sich auch in Publikationen niederschlägt.

1855 erschien «Die Deutsche Glasmalerei», das auf zwei grossen Vorträgen Wackernagels basiert. Schon in den 1820er-Jahren hatte er sich mit diesem Gebiet vertraut gemacht. Eine Pionierleistung ist seine Schrift wohl nicht, denn schon 1839 war die umfassende Untersuchung des Rechtsgelehrten M. A. Gessert («Geschichte der Glasmalerei») erschienen. Dem Germanisten oblag es aber, besonderes Augenmerk auf literarische Quellen zu legen, in denen Aussagen zur Glasmalerei zu finden sind. Wackernagel thematisiert Chronologie, Entwicklungen sowie die Produzenten und ihren Status. Die Publikation kommt jedoch, wie durchaus nicht unüblich, ohne jede Abbildung aus.

Auch Wackernagels kleine Studie zur mittelalterlichen Sammlung zu Basel (1857) zeigt das spezifische Interesse des Autors, der im Anhang eine Reihe von Schriftstücken aufnimmt, die den Germanisten interessieren. Im Text konfrontiert uns der Autor mit der Zielvorgabe einer solchen Sammlung, die das Leben des Mittelalters in Originalwerken oder eben auch Nachbildungen spiegeln soll. Diese formulierte Gleichstellung von Original und Kopie ist insofern relevant, als sie uns einen Einblick in damalige Museumskonzeptionen gibt, in denen den Nachbildungen viel Raum gewährt wurde. Sie füllten gleichsam die Lücken, damit umfassende künstlerische Entwicklungen gezeigt werden können.

Wackernagels Zeitkonzept ist klug angelegt, denn er will die Vorgeschichte des Mittelalters ebenso vertreten sehen wie die Schwelle zur Frühen Neuzeit, zur Renaissance. Das Anliegen, der «culturhistorischen Bedeutung» gerecht zu werden, impliziert für ihn geradezu, auch die zeitlichen Phasen vertreten zu lassen, für die in Basel kaum Objekte überliefert sind. Dabei kommt er auch auf ein Objekt zu sprechen, das hier nur durch eine von Oberst Victor Theubet initiierte Kopie vertreten war, das aber originär ein Kernobjekt des Münsterschatzes darstellte: die goldene Altartafel. Ihr widmete Wackernagel eine eigene monografische Studie.

Bewegte Vorgeschichte

Zur Vorgeschichte der Altartafel: Die 1,20 auf 1,77 Meter grosse Tafel schmückte ursprünglich an hohen Festtagen die Vorderseite des Hauptaltars im Basler Münster. Im Zentrum zeigt sie Christus, umrahmt von drei Erzengeln und dem heiligen Benedikt. Zu Füssen von Christus sind im Kniefall die kleinen Stifterfiguren zu erkennen. Die lateinische Inschrift besagt übersetzt: «Wer ist wie Gott ein starker Arzt, ein gesegneter Heiland – Sorge, milder Mittler für die menschlichen Wesen.» In die Arabesken eingebettet sind vier Medaillons, die die vier Kardinaltugenden zeigen. Nach dem Bildersturm wurde die Tafel wie alle andern Objekte im Verborgenen bewahrt, wie vertraglich seit 1559 geregelt. 1827 kam der Schatz ins Rathaus, und als der Kanton Basel-Stadt 1833 64% seines Besitzes an die Landschaft abtreten musste, kam die Altartafel an Basel-Landschaft.

Es waren nun vor allem ökonomische Interessen, die die weiteren Geschehnisse bestimmten: An die Stelle der historischen Bedeutung – eines Stiftungsobjekts von Kaiser Heinrich II. und seiner Frau Kunigunde als eigene Pfründe – trat allein der Goldwert. Ein Ratsherr, Jakob Christoph Pack, vermerkte 1834, als der Münsterschatz der Öffentlichkeit präsentiert wurde, abschätzig, er habe nur «ein Goldschmieds Laden» gesehen, wisse aber nicht, was er darstellen soll. Der Gymnasiast Jacob Burckhardt hingegen war durchaus davon angetan: So findet sich eine Skizze in dem Büchlein «Einiges aus dem Kirchenschatz des Basler Münsters, aus dem Gedächtnis gleich nachher gezeichnet». Das Interesse dürfte durch seinen Vater Antistes J. Burckhardt geweckt worden sein, dem man eine kleine Schrift (Die goldene Altartafel Kaiser Heinrichs II. 1019) zuschreibt. Der anonyme Autor preist das Objekt («für die Kunstgeschichte ewig denkwürdig») und vermutet einen byzantinischen, aus Konstantinopel stammenden Künstler als Urheber.

Die Altartafel wurde darauf an einer Auktion 1836 im Gasthof «Schlüssel» in Liestal angeboten. Dabei waren auch Berliner Antiquare anwesend, die im Auftrag eines prominenten Kunsthistorikers agierten: Franz Theodor Kugler, seit 1835 Professor an der Berliner Akademie der Künste, einer der akademischen Lehrer Jacob Burckhardts und Berater für die Sammlung des preussischen Königs. Berlin entschied sich jedoch gegen den Ankauf, und die Tafel wurde von Johann Jakob III. Handmann für 9050 Franken erworben. Zuvor hatte es auch von Basler Seite einen Rettungsplan gegeben: Ein Mitglied der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft, Peter Vischer-Passavant, votierte für ein Mitsteigern in Liestal, doch der damit beauftragte Heinrich Schreiber trat nicht gegen Handmann an, weil er meinte, dass dieser die Tafel ebenfalls für Basel erwerben wollte.

Die Altartafel gelangte schliesslich 1852 in das Musée national du Moyen Age (Musée Cluny) in Paris, wo sie bis heute aufbewahrt wird. Zuvor «tourte» sie als Original und auch in Abbildungen in den von Oberst Victor Theubet in Englisch, Französisch und Italienisch verfassten Werbeschriften quer durch Europa; so war die Tafel 1843 in London ausgestellt. Theubet hatte das Original nämlich 1838 von Handmann erworben und war nun auf der Suche nach einem prominenten Käufer.

1857, an der Promotionsfeier des Pädagogiums, sollte Wackernagel seine Erkenntnisse über die Tafel vorlegen. Statt des Originals musste nun ein Abguss den Verlust der Tafel kompensieren. Die zur Herstellung von Abgüssen notwendige Matrize wurde im Auftrag Theubets am Original genommen, aus dieser entstanden sodann zwei Abgüsse. Die vergoldete Fassung, heute im Historischen Museum, verblieb zuerst bei Theubet und kam später in den Besitz des Museums (endgültig 1881). Der zweite, nur mit einer farblosen Lasur versehene Abguss war schon früh in der von Wackernagel dem Publikum geöffneten Sammlung zu sehen und befindet sich heute im Museum Kleines Klingental. Weitere Teilabgüsse wanderten in europäische Museen.

Original und Abguss

Für seine Publikation über die Tafel griff Wackernagel auf den zweiten, unvergoldeten Abguss zurück und hob dessen Vorzüge heraus: Dieser sei zur genaueren Betrachtung und Auffassung eigentlich günstiger als das Urbild selber, da es das Auge nicht durch Metallwiderscheine täusche. Der Autor bietet weit mehr als eine reine Bestandsaufnahme des Objekts. Akribisch diskutiert er die Genese des Typus eines Antependiums, seine Materialität, versucht zugleich auch die ikonografischen Eigenheiten samt der Stifterbilder sorgfältig zu bestimmen. War an der Versteigerung 1836 noch von dem Bild einer weiblichen «Benedicta» die Rede – trotz Bischofsstab und Bart sowie der Beischrift –, vermerkt Wackernagel richtig, dass das Kaiserpaar eng mit Bamberg verbunden war und dort dem heiligen Benedikt eine besondere Verehrung zukam. (In der Forschung wird derzeit die These vertreten, dass die Tafel originär für Bamberg vorgesehen war.)

Besonderes Interesse Wackernagels gilt auch möglichen schriftlichen Quellen. Dazu hebt er wie schon zuvor der Anonymus das kleine, an die Tafel geheftete Pergamentblatt hervor, in dem die Funktion der Tafel und die Einkleidung des Hochaltars an bestimmten Festtagen eindeutig formuliert sind. Dem Philologen vertraut sind die wenigen Quellen, die etwa über Herstellungsprozesse und Bildtechniken Auskunft geben, wie die von Gotthold Ephraim Lessing entdeckte Schedula diversarum artium. Auch die Inschrift findet gebührende Aufmerksamkeit. Für die präzise Rekonstruktion erwägt Wackernagel, dass der Hochaltar im Münster seitlich mit der aus Sandstein gefertigten Apostel- bzw. Vincentiustafel bekleidet gewesen sein könnte. Für die Datierung stützt er sich nicht nur auf die Identifikation der beiden Stifterfiguren als Heinrich II. und Kunigunde, sondern verschafft seiner Argumentation zusätzliches Gewicht, indem er die Paläografie ins Spiel bringt.

Am Schluss stellt sich Wackernagel den Ausführungen von Kugler entgegen, der wiederholt eine – allein auf Stilkriterien basierende – Datierung in die Zeit um 1200 vorgeschlagen hatte. Später sollte Kugler angesichts der aus dem Stiftungskontext gewonnenen plausiblen Argumente für die Zeit Heinrichs II. um 1019 seine These dahingehend abschwächen, dass die Tafel eine stilistisch veränderte Kopie eines Originals sei. Überraschend im ersten Moment ist Wackernagels Einwand, Kugler habe das Original nie gesehen – sondern nur die von ihm nach Liestal geschickten Kunsthändler –, wo er doch selber die Vorzüge der Kopie pries. Doch die Kopie galt ihm als gleichrangig, anders als die Lithografie, die sich nicht für eine wissenschaftliche Expertise eigne. Es ist nun die vergoldete Kopie der Altartafel, die bis heute im Historischen Museum die empfindliche Lücke in Basel füllt.

Prof. Barbara Schellewald ist Professorin für Ältere Kunstgeschichte an der Universität Basel.

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