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Universität Basel

Web 2.0 und Phil. 1

Roberto Simanowski

Die digitalen Medien verändern unser Leben, unser Denken und unsere Kommunikation – und damit auch unseren Umgang mit kulturellen Phänomenen wie Literatur, Kunst, Geschichte, Religion und Politik. Zur Herausforderung der Geisteswissenschaften durch die Neuen Medien.

Es gibt einen Cartoon, auf dem ein Vater neben einem vielleicht zwölfjährigen Jungen sitzt und sagt: «You do my website … and I’ll do your homework.» Der Cartoon bezeichnet treffsicher die ungleiche Mediennutzungskompetenz heutiger Generationen, die paradox und unscharf mit den Begriffen «Digital Natives» (für die Jungen) und «Digital Immigrants» (für die über Dreissig) beschrieben wird. Die Konstellation ist keineswegs neu, wie die historische Leseforschung weiss: Vor 250 Jahren, als man anfing, Kinder in die Schule zu schicken, schrieben nicht selten Zwölfjährige die Liebesbriefe der Magd – ein Beispiel auch dafür, dass Medienzugang und Jugendschutz schon früher miteinander kollidierten. Ist der Vater im Cartoon die Magd von damals? Hat sich nicht mehr geändert als nur das Medium und die Jahreszahl?

Medienbildung gefordert
Geändert haben sich vor allem Geschwindigkeit und Ausmass der Entwicklung der Neuen Medien. Vor 20 Jahren ahnten wenige, wie tief das Internet einmal das gesamte gesellschaftliche Leben umpflügen würde, und vor 10 Jahren ahnte kaum jemand, wie radikal das Web 2.0 (Weblogs, YouTube, Wikipedia, Facebook) das Internet ändern würde. Seitdem haben sich herkömmliche Vorstellungen von Identität, Kommunikation, Wissen, Privatsphäre, Freundschaft, Urheberrecht, Werbung, Demokratie und politischem Engagement grundlegend geändert. Davon zeugen schon die Neologismen, die die Neuen Medien hervorbringen: Sie harmonisieren einstige Gegensätze (Prosumer, Slacktivism, Viral Marketing), stellen traditionelle Konzepte auf den Kopf (Copyleft, Crowdfunding, Distant Reading) und bekunden die Durchsetzung neuer Prinzipien (Citizen Journalism, Filter Bubble, Numerical Narratives). Wer mit diesen Begriffen nichts anfangen kann, braucht keinen Englischkurs, sondern mehr Medienbildung. Die aber ist keineswegs einfach zu haben. Weder in der Schweiz noch bei den deutschen Nachbarn existiert das Schulfach Medienbildung. So vollziehen die Neuen Medien schleichend und fast ohne jegliche gesellschaftliche Diskussion einen radikalen Umbau zentraler gesellschaftlicher Werte. 2009 veranlasste diese Situation in Deutschland zentrale medienpädagogische Einrichtungen zum «Medienpädagogischen Manifest» mit der Forderung, die Entwicklung einer «reflektierten Verwendung von Medien in Freizeit, Schule und Beruf» in allen Bildungsbereichen zu verankern. In der Schweiz beantragte Ende 2012 die Jugendsession in Bern beim Bund die Integration der Vermittlung von Medienkompetenz in den Bildungsauftrag. In beiden Fällen geht es vorrangig um den fachkundigen, verantwortungsbewussten Umgang mit den Medien – um Risiken und Chancen der Internetnutzung in pragmatischer Hinsicht. Man muss wissen, wie Googles Rankinglist zu lesen ist, wann Down- und Uploads Urheberrechte verletzen und wie man auf Facebook private Partys so anzeigt, dass nicht Tausende vor der Tür stehen. So tragen erste Initiativen Namen wie «Medienpass», «Medienführerschein» oder «Surfschein».

«Unser Werkzeug formt uns»
Die verkehrspolizeiliche Metaphorik mag passen. Sie ist aber nicht unschuldig, wenn es nur um den effizienten, reibungslosen Verkehr auf der Datenautobahn geht und der Frage «Was kann ich alles mit den Neuen Medien machen und wie mache ich es richtig?» nicht die Frage folgt: «Was machen die Medien mit mir?» Das Bemühen um Medien

nutzungskompetenz ist halbherzig ohne die Befähigung zu Medienreflexionskompetenz. Denn laut Gründungsthese der Medienwissenschaft sind Medien kulturstiftend, haben also unabhängig von ihrem Inhalt ihre eigene Botschaft, wie Marshall McLuhan, Spiritus rector der Medienwissenschaft aus Toronto, formulierte: «Jedes Medium hat die Macht, seine eigenen Postulate dem Ahnungslosen aufzuzwingen.» Dieser technologiezentrierten Perspektive wird aus anthropologischer Sicht zu Recht widersprochen mit dem Hinweis, dass sich in den Medien immer auch soziale Praxen ausdrücken, was erst recht für das Partizipationsprinzip des Web 2.0 gilt: Es ist nichts ohne seine Nutzer und wird zu dem, was es ist, nur durch seinen massenhaften täglichen Gebrauch. Zugleich ist das Web 2.0 aber Beispiel für eine zweite These McLuhans: «Wir formen unser Werkzeug, und danach formt unser Werkzeug uns.» Erst die Milliarde Nutzer macht Facebook zu einer breitenwirksamen Plattform der Kommunikation und Selbstdarstellung, der sich dann aber weder das Individuum noch Institutionen wie Museum oder Universität verlustfrei entziehen kann. Vor diesem Hintergrund wäre es fatal, wenn gerade eine Gesellschaft, die sich als Mediengesellschaft definiert, nicht thematisieren würde, welche kulturellen Werte und gesellschaftlichen Normen ihre neuen Leitmedien (ab)schaffen und wie man sich dazu verhalten soll. Es wäre fatal, diese Diskussion nicht auch dort zu führen, wo Sozialisation in Ergänzung zu Familie und Massenmedien massgeblich stattfindet: in der Schule und nicht zuletzt, sondern zuerst in der Universität. Den zentralen Ansprechpartner für eine solche Diskussion vermutet man zu Recht in jener Wissenschaft, die Geschichte, Funktionsweise und Wirkung der Medien zu ihrem eigentlichen Gegenstand erklärt hat. Dass Anfang des Jahrhunderts an der Universität Basel ein Institut für Medienwissenschaft gegründet wurde, spiegelt die Notwendigkeit, die Mediengesellschaft mit wissenschaftlich reflektiertem Wissen über sich selbst zu versorgen. Inzwischen hat die Philosophisch-Historische Fakultät die Digital Studies zum fakultären Schwerpunkt erklärt und das Seminar für Medienwissenschaft die Digital Media Studies zum Kernstück seiner Profilbildung. Beides bezeugt den Willen, die digitalen Medien sowohl zum Werkzeug als auch zum Gegenstand der Forschung zu machen – zwei Ansätze, die jeweils unabdingbar für die Zukunft der Geisteswissenschaften sind, diese aber recht verschieden perspektivieren.

Digital Humanities
Werkzeug geisteswissenschaftlicher Forschung sind die digitalen Medien seit Längerem im Umfeld der Digital Humanities, die nach ihrem Schattendasein im Bibliothekswesen in den USA inzwischen als institutionelle Zukunftssicherung der Humanities gehandelt werden und auch hierzulande als Garant für Drittmittelprojekte gelten. Zentrale Ziele sind die Verwendung digitaler Verfahren und Ressourcen für Text- und Bildanalyse, die Erschliessung von Archiven sowie die Visualisierung komplexer Datenanalysen. Die Universität Basel ist in dieser Hinsicht unterwegs zum Beispiel mit der HyperHamlet-Zitaten-Database am Englischen Seminar (www.hyperhamlet.unibas.ch) und dem Bild-Annotations- Projekt SALSAH am Kunsthistorischen Seminar (www.salsah. org). Digital Humanities sind zunächst, was sie heissen: computergestützte Geisteswissenschaften. Das lässt manche begeistert von einer empirischen Wende sprechen, andere besorgt von Positivismusfalle und Machtantritt der Nerds in den Geisteswissenschaften. Die Debatte darüber, welche Rolle algorithmische Analyseverfahren innerhalb der Geisteswissenschaften spielen sollen, ist letztlich eine über die Rolle der Geisteswissenschaften in der Gesellschaft. Erwartet man von ihnen objektivierbares Wissen oder besteht ihre handlungsorientierende Funktion innerhalb des gesellschaftlichen Systems darin, das positivistische Paradigma der Natur- und Ingenieurwissenschaften durch das Prinzip der Vieldeutigkeit zu korrigieren, wie der Philosoph Odo Marquard vor fast 30 Jahren in seinem Essay «Uber die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften» postulierte? Neuere Positionen innerhalb der Digital Humanities betonen, dass «Distant Reading» (das Lesen grosser Datenmengen durch den Algorithmus) nicht das Ende der Interpretation sein muss, sondern gar einen synergetischen Effekt haben kann, wenn erkannte Mengen- und Strukturmerkmale neue Fragestellungen generieren, die sich dann wiederum verschiedentlich beantworten lassen. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob sich der «Quantitative Turn» der Geisteswissenschaften in ihrer Tradition hermeneutischer Sinngebung abfedern lässt oder ob die Geisteswissenschaften zu einem pragmatischen und kritikabstinenten «Mercantile Knowledge Regime» umgebaut werden, wie Anfang 2013 auf der Konferenz der Modern Language Association das Panel «The Dark Side of the Digital Humanities» befürchtete.

Digital Media Studies
Als Werkzeug geisteswissenschaftlicher Forschung erfahren die digitalen Medien noch nicht jene reflexive Behandlung, deren Notwendigkeit eingangs betont wurde. Stichwort und Frage dafür lauten «Digitales Denken: Wie verändert die digitale Revolution unser Leben?» – so der Titel einer Fachtagung des Deutschen Hochschulverbandes Ende 2012, die die wachsende akademische Brisanz des Themas bezeugt. Die Frage richtet sich naturgemäss an die Geisteswissenschaften, und zwar an all ihre Disziplinen. Denn die digitalen Medien ändern sowohl unsere Denkweisen und Kommunikationsformen als auch unseren Umgang mit Literatur, Kunst, Geschichte, Religion und Politik. Dementsprechend sehen sich im Grunde alle Fachbereiche der Philosophisch-Historischen Fakultät mit neuen Forschungs-aspekten konfrontiert. Die Themenfelder für die Soziologie liegen auf der Hand und werden seit Längerem verschiedentlich bearbeitet: die Veränderung des Freundschaftsbegriffs durch soziale Online- Netzwerke, Facebook als Ort der Selbstinszenierung und Assessment-Center, Permanenz und Flüchtigkeit der Kommunikation, Cyber-Mobbing, Datenschutz, Remix- und Partizipationskultur usw. Auch Forschende der Sprachwissenschaft wissen seit Langem um medienbedingte Innovationen in ihrem Feld: Verbalisierungsgebot, Zeichenverknappung, schriftliche Oralität, Emoticons. Die Literaturwissenschaft kann gängige Textformen in den Neuen Medien – interaktiv, multimedial, hypertextuell, computergeneriert – mit historischen Experimenten kurzschliessen und wird die Zukunft der Literatur unter den Bedingungen von Multitasking, Selfpublishing und «Social Reading» erörtern müssen. Neue Stichworte für die Kunstwissenschaft sind neben Partizipationsästhetik sicher Bio- und Information-Art und die Tendenz, den Unterschied zwischen angewandter Technik, soziologischer Studie und Kunst zu verwischen. Für die Geschichtswissenschaft sind Internet und Web 2.0 als Mega- Archiv und Ort der Crowd Historiography interessant, für die Religionswissenschaft Online-Beichten, Apple-Kult, Cybermystik, das Auge Googles und natürlich der twitternde Papst. Die Forschung in Politikwissenschaft wird vor dem Hintergrund von Online-Petition, Shit Storm und Slacktivismus (aus dem Englischen, «Faulenzer-Aktivismus») die Demokratietauglichkeit der Neuen Medien untersuchen. Die Philosophie schliesslich kann die Datenschutzdebatte einmal über den ökonomisch-politischen Fokus hinaus führen und Mark Zuckerbergs Utopie der transparenten Gesellschaft kulturwissenschaftlich koppeln mit der Tyrannei der Intimität in Jean-Jacques Rousseaus «Bekenntnissen» – wie es Byung-Chun Han, bis 2010 Privatdozent am Philosophischen Seminar der Universität Basel, jüngst in seinem Buch «Transparenzgesellschaft » vorführt.

Praxisfall interdisziplinäre Kooperation
Es ist einsichtig, dass die Medienwissenschaft weder methodisch noch personell die Ressourcen besitzt, all die notierten und nicht vermerkten sozialen, politischen, ästhetischen usw. Implikationen der Neuen Medien in eigener Regie zu diskutieren. Ihre Vertrautheit mit den digitalen Medien und den Digital Media Studies prädestiniert sie vielmehr als fakultätsweiten Inspirator und Initiator, der die neuen Forschungsaspekte zu identifizieren und interdisziplinäre Kooperationen zu organisieren hilft. Danach und daneben braucht es die Expertise der jeweiligen Fachvertreter. Die Neuen Medien sind somit auch eine Herausforderung an die Arbeitsweise der Geisteswissenschaften: Interdisziplinäre Diskussionen sind nötig, gemeinsam durchgeführte Seminare ratsam. Dass dies in den nächsten Jahren gelingt, bleibt zu hoffen. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht mit der Gründung der Arbeitsgruppe «Digital Media Studies» an der Philosophisch-Historischen Fakultät. Ihr Ziel: Interessenschnittpunkte ausloten und gemeinsame Projekte auf den Weg bringen. Ein erstes Angebot nicht nur an die eigene Fakultät, sondern an alle Studierenden und Mitarbeitenden der Universität ist eine Ringvorlesung im Herbstsemester 2013. Diese wird aus der Perspektive verschiedener Disziplinen der Geisteswissenschaft erörtern, wie die digitalen Medien unser Leben verändern und welche neuen Forschungsfragen sich daraus ergeben. Absicht ist natürlich auch, Forschung und Diskussion ausserhalb des Campus nutzbar zu machen und letztlich – als Module der Medienreflexionskompetenz – in den Ethik-, Kunst- und Literaturunterricht der Schulen einfliessen zu lassen. Ganz im Sinne des Outreach, einem anderen zukunftsträchtigen Konzept aus den USA, das die akademische Welt enger mit den Communits der Umgebung zu verbinden sucht. Der Erfolg wird sich nicht nur am erweiterten Englischvokabular messen: Gut, wer die eingangs aufgelisteten Neologismen übersetzen kann; besser, wer auch imstande ist, sie kultur- bzw. geisteswissenschaftlich informiert zu diskutieren.

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