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Universität Basel

Bildungsideal (Medien-)Kompetenz

Klaus Neumann-Braun

Klaus Neumann-Braun
Klaus Neumann-Braun

Nicht einmal der klassische Intelligenzquotient, der IQ, ist mehr das, was er einmal war. Längst gilt er unter Experten sogar als irreführend: Intelligenz, so jüngste Forschungen aus Kanada, sei keine einheitliche Gabe, sondern ergebe sich aus den drei unabhängigen Faktoren Kurzzeitgedächtnis, logisches Denken und verbale Fähigkeiten. Wahre Intelligenz zeige sich, wenn diese Faktoren stark miteinander korrelieren. Mit unserem Wissen über die Massen- (Zeitung, TV) und Individualmedien (PC, Internet) verhält es sich nicht anders. Früher gab es eine einfache Medienpädagogik, die das Heil in einer kritischen Anleitung zum Do it yourself sah: Man liess die Kinder in der Schule selber Radio machen und meinte, damit hätten sie das Mediensystem von hinten und vorne durchschaut. Die schöne neue Medienwelt mit Facebook, Google, YouTube & Co. ist jedoch komplizierter geworden. Ab sofort heisst es, differenzierte Medienkompetenzen zu fördern. Seit der Bologna-Erklärung der europäischen Hochschulen gibt es einen «Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR)», der festlegt, welche Leistungen für den Erwerb der Kompetenzen der jeweiligen Qualifikationsstufe zu erbringen sind. In diesem Rahmen gibt das allgemeine Modell der Sprachschule die Richtung vor: Studierende formen, einer Trivialmaschine gleichgesetzt, einen kalkulierten Input zu einem vorher definierten Ziel um: der Kompetenz. Der Organisationssoziologe Stefan Kühl spricht in diesem Zusammenhang vom «Automatikgetriebe» der Bologna- Reform. Wie kommt jedoch überhaupt «Geist» in eine solche Maschinentechnologie? Das Leben lehrt, dass Erziehung anders Klaus Neumann-Braun: Medien und Alltag V Bildungsideal (Medien-)Kompetenzen verläuft: Der eine lernt systematisch, die andere «häppchenweise », die eine lernt allein, der andere in anleitendem Unterricht oder in Diskussionen mit Gleichaltrigen bei Kaffee, Bier oder Wein. Auch die wieder aufgegossene Idee, wonach Dozierende als digitale Medienexperten in Klassen und Seminare gehen sollen, um aufzuklären (wie seinerzeit Theodor W. Adorno von den Städten aus aufs Land gehen und bekehrend agitieren wollte), kann das angesprochene Defizit dieser Art von Erziehungstechnologie nicht aufheben. Wie auch? Das Internet hat längst eine noch nie dagewesene Partizipationskultur geschaffen, in der sich junge Menschen (Digital Natives) selber medienkompetent machen – allein und im Kontakt mit ihren gleichaltrigen Freunden und Gleichgesinnten weltweit. Doch für die Orientierung in der überkomplex gewordenen Netz- und Alltagswelt ist ein Kommentieren durch (Mehr-)Wissende immer hilfreich und nicht selten auch notwendig. Entscheidungsarchitekten sind gefragt. Im Feld der politischen Governance haben der Ökonom Richard H. Thaler und der Jurist Cass R. Sunstein das Stichwort «Nudge» in die Diskussion eingeführt, das übersetzt für «Anstoss» oder «Schubs» steht. Der Idee des libertären Paternalismus folgend, soll der mündige Bürger, die mündige Bürgerin für sein und ihr politisches Handeln Anstösse in die richtige Richtung erhalten. Die Bevormundung mit erhobenem Zeigefinger hat ebenso wie eine technokratische oder ideologische Besserwisserei ausgedient. Gefragt sind das zu Person, Frage und Situation passende Anstupsen, das Initiieren und das flexible «Rahmen» (Framing) – auch in Fragen der adäquaten Vermittlung von Medienkompetenzen.

Prof. Klaus Neumann-Braun (*1952) ist Ordinarius für Medienwissenschaft an der Universität Basel. Er studierte Soziologie, Sozialpädagogik, Psychologie, Erziehungswissenschaften und Ethnologie in Tübingen und Freiburg/Br., wo er 1982 promovierte. An der Universität Oldenburg habilitierte er sich 1993 zu einem medienwissenschaftlichen Thema und war darauf an verschiedenen deutschsprachigen Universitäten tätig.

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