x
Loading
+ -

Universität Basel

Interdisziplinär untersuchte Feuchtgebiete

Francesco Menotti

Als in der Schweiz vor über 150 Jahren die ersten Pfahlbauten entdeckt wurden, war das europaweit eine Sensation. Heute hat sich die Archäologie zu einem interdisziplinären Fach entwickelt. In der Feuchtbodenforschung gilt die Integrative und Prähistorische Archäologie (IPNA) der Universität Basel als führend – sie verbindet Ansätze der Natur- und der Geisteswissenschaften miteinander.

Es begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Nach dem harten Winter von 1853/54 ging der Spiegel des Zürichsees stark zurück und liess Teile der prähistorischen Siedlung Obermeilen zum Vorschein kommen. Die vorgeschichtlichen Überreste – aus dem Wasser ragende Reste von Pfählen – wurden von Dorflehrer Johannes Aeppli entdeckt, der sich, wohl noch nichts ahnend von den Folgen seines Funds, an die Antiquarische Gesellschaft in Zürich wandte. Deren Präsident Ferdinand Keller untersuchte die Fundstelle umgehend und veröffentlichte noch 1854 die Schrift «Die keltischen Pfahlbauten in den Schweizerseen»– die erste Beschreibung der Pfahlbausiedlungen überhaupt.

«Pfahlbauer-Mythos» zur Identifikation
Nach und nach kamen auch anderswo Überreste von Seesiedlungen ans Licht. In der Fachwelt wie in der Bevölkerung galten die Schweizer Pfahlbauten als Sensation, und das weit über Europa hinaus. Doch zunächst war das Interesse alles andere als wissenschaftlich: Statt einer zusammenhängenden Suche nach ähnlichen archäologischen Stätten wurden die Seeufer buchstäblich «geplündert», die kostbaren Funde weltweit an Sammler und Museen verkauft. Zudem führte der wenig entwickelte Stand der damaligen Archäologie zu falschen Schlüssen über Struktur und Funktion der prähistorischen Seedörfer: Man nahm nämlich an, es handle sich um isolierte und voneinander unabhängige Plattformen auf Stelzen, die vollständig von Wasser umgeben waren. Dieses Bild wurde von national gesinnten Gruppen aufgenommen (und gar missbraucht), die auf der Suche nach einer einheitlichen soziopolitischen Identität der Schweiz waren. Denn wenige Jahre nach dem Sonderbundskrieg von 1847 war die junge Eidgenossenschaft noch immer tief zerrissen. So wurden die Pfahlbauer im eben gegründeten Nationalstaat zu idealen Identifikationsfiguren. Von einem Augenblick auf den andern machte sich das beeindruckende Bild eines stolzen Seedorfs in allen Bereichen des täglichen Lebens in der Schweiz breit, was sich in Wirtschaft, Schulbildung, Kunst, Literatur und sogar in der Musikwelt auswirkte. Der «Pfahlbauer-Mythos» hielt sich noch mehrere Jahrzehnte, bis die archäologische Forschung auf neue Fakten stiess, die gegen die Idylle der «freien» Seesiedlungen auf Stelzen sprachen. Gefunden wurden nicht nur Gegenstände aus Stein, Ton und Bronze, sondern auch Geräte aus Holz, Hirschgeweih und Knochen sowie Reste von Geweben. In den Fundschichten fanden sich aber auch in grosser Zahl Tierknochen und Reste von Kultur- und Sammelpflanzen, also Überreste der Nahrungsmittelproduktion und Speiseabfall. Es waren ironischerweise die seit Jahrtausenden konservierten und bestens erhaltenen Fundstücke, die dem Mythos ein Ende bereiteten.

Feuchtbodenarchäologie und Naturwissenschaft
Das Ende der überholten Vorstellungen war gleichzeitig der Beginn der Feuchtbodenarchäologie, ja der archäologischen Wissenschaft überhaupt. Man stellte fest, dass das organische Material im wassergesättigten Gelände viel besser erhalten war als in trockenen Böden. Obwohl manchmal nicht sehr ästhetisch aussehend, trugen die Funde entscheidend zu einem besseren Verständnis der prähistorischen Pfahlbauten bei. Neue Unterdisziplinen wie Archäobotanik, Archäozoologie und Geoarchäologie entstanden und prägten die Grundlagen des Fachs. Dabei entwickelte sich die Feucht bodenforschung zu einem der erfolgreichsten Zweige der Mainstream-Archäologie. Der multidisziplinäre Ansatz, wie ihn die IPNA vereint, ist heute routinemässig Teil von wichtigen archäologischen Forschungsprojekten, zuletzt etwa an den Ausgrabungen im Parkhaus Opéra in Zürich. Zurück zu den Pfahlbauern: Bereits im 19. Jahrhundert nahmen mehrere Forscher an, dass die Seedörfer nicht als Plattformen und auf Stelzen über dem Wasser, sondern auf dem «trockenen» Land in der Nähe der Seen gebaut wurden. Es kam zu einer jahrzehntelangen akademischen Auseinandersetzung – über das sogenannte «Pfahlbauproblem» –, die im Grunde bis vor Kurzem nicht entschieden war. Man hat sich in der Forschung inzwischen darauf geeinigt, dass es verschiedene Arten von Seesiedlungen gab. In dem Mass, wie das «Pfahlbauerproblem» verschwand, verlagerte sich der Schwerpunkt der Forschung auf die Chronologie.

Rätselhaftes Ende
Moderne naturwissenschaftliche Datierungstechniken – die C14-Methode (Radiokohlenstoffdatierung) und die Dendrochronologie (Jahrringdatierung) – machen heute eine ziemlich genaue Zeitbestimmung der Periode möglich, in der im nördlichen Voralpenraum Pfahlbausiedlungen gebaut wurden: zwischen Ende des 5. Jahrtausends und dem 7. Jahrhundert v. Chr. Die Besiedlungsmuster waren jedoch alles andere als einheitlich und kontinuierlich. Phasen der Besiedlung wechselten sich ab mit Phasen, in denen die Menschen ihre Pfahlbaudörfer aufgaben. Einige solcher Unterbrüche sind wahrscheinlich auf Umweltveränderungen, etwa Klimaschwankungen, andere auf kulturelle Faktoren zurückzuführen. Bis heute noch unbeantwortet ist die Frage, warum die Seesiedlungen in den Voralpen gegen Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. verschwanden. Ein internationales Forschungsprojekt (‘The end of the lake-dwelling phenomenon: cultural vs environmental change’) an der IPNA geht diesem ungeklärten Ende nach. Dabei werden ökologische und sozioökonomische Aspekte untersucht, die dazu geführt haben könnten, dass die Menschen ihre Seesiedlungen verliessen. Zur gleichen Zeit wurden solche Dörfer in anderen Teilen Europas (zum Beispiel in der baltischen Region und in Schottland) weiterhin gebaut und bewohnt – bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. (späte Eisenzeit) und noch darüber hinaus. Das Basler Forschungsprojekt wird unter anderem die Seesiedlungen im voralpinen und im nordeuropäischen Raum samt ihren klimatischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen miteinander vergleichen.

nach oben