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Universität Basel

Von Zahn- und andern Schmerzen

Jens Christoph Türp

Die Arbeit von Zahnärzten und Zahnärztinnen wird von jeher mit der Beseitigung von Zahnweh verknüpft. Dabei wird oft vergessen, dass sich Zahnmediziner mit einer breiten Palette von Schmerzen auseinandersetzen müssen.

«Es war ein wilder, brennender und bohrender Schmerz, eine boshafte Pein, die sich von einem kranken Backenzahn aus der ganzen linken Seite des Unterkiefers bemächtigt hatte. Die Entzündung pochte darin mit glühenden Hämmerchen und machte, dass ihm die Fieberhitze ins Gesicht und die Tränen in die Augen schossen.» Kein Zweifel: Bei den Qualen, an denen Thomas Buddenbrook so schrecklich litt, handelte es sich um einen akuten Pulpaschmerz, also um den Zahnschmerz schlechthin. Und man kann noch mehr mit Thomas Manns leidendem Protagonisten mitfühlen, wenn man bedenkt, dass es im Jahr 1875, zum Zeitpunkt der Handlung, noch keine Lokalanästhesie gab. Heute ist dieser heftige Schmerz rasch und erfolgreich therapierbar.

Ursache manchmal woanders
Für eine weitere dentale Pein trifft dies leider nicht immer zu: auf Kalt, Heiss und Süss überempfindliche Zahnhälse. Manchmal aber ist nicht der Zahn selbst, sondern das ihn umgebende Gewebe – der Zahnhalteapparat (Parodontium) – Quelle der Beschwerden. Dann liegt ein sogenannter parodontaler Schmerz vor. Besonders diffizil zu diagnostizieren sind übertragene Schmerzen. Diese können beispielsweise im Zahn wahrgenommen werden, während ihre Ursache woanders lokalisiert ist, etwa in einem andern Zahn, in Kaumuskeln, Kiefergelenken, Kieferhöhlen oder gar im Herz. Neben Zähnen sind Kaumuskeln am häufigsten von Schmerzen im Mund-Kiefer-Gesichts-Bereich betroffen, gefolgt von den Kiefergelenken. Oft ist eine Überlastung, zum Beispiel durch Knirschen und Pressen (Bruxismus), Quelle dieser Beschwerden. Kaumuskel- und Kiefergelenksschmerzen können aber auch regionale Manifestation einer allgemeinmedizinischen Erkrankung sein, wie der rheumatoiden Arthritis oder des Fibromyalgie-Syndroms. Alle diese Schmerzformen haben ein Merkmal gemeinsam: Die für die Schmerzempfindung notwendigen Nervenbahnen sind intakt und funktionieren normal. Im Gegensatz dazu ist eine andere Gruppe von Schmerzen durch einen Defekt in den betroffenen Nerven gekennzeichnet. Dieser sogenannte neuropathische Schmerz kann episodisch auftreten, mit blitzartig einschiessenden Attacken kurzer Dauer, aber extremer Stärke – wie bei den Gesichtsneuralgien (zum Beispiel Trigeminusneuralgie) –, oder anhaltend sein, wie beim Phantomzahnschmerz. Dieser kann sich (selten) nach Wurzelkanalbehandlungen oder Zahnextraktionen ausbilden. Bedauerlicherweise wird der Phantomzahnschmerz, der bereits im 18. Jahrhundert vom Londoner Anatomen John Hunter detailliert beschrieben wurde, nicht immer erkannt, was bisweilen zu unnützen und schädlichen Extraktionen von gesunden Zähnen geführt hat. Gold wert ist daher der ohne Abstriche gültige Einwurf des Breslauer Chirurgen Carl Partsch aus dem Jahr 1925: «Die Zähne sollen nur entfernt werden, wenn sie nachweisbar erkrankt sind. Auf die Angabe des Patienten hin, dass der Schmerz besonders in einem Zahn sitze, soll man sich nie zur Extraktion drängen lassen. Die Schmerzen werden trotz Extraktion nicht verschwinden, das Gebiss des Patienten wird nur verstümmelt.»

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