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Universität Basel

Wie Gesundheit und Resilienz zusammenhängen

Brigit Obrist

Ein neues Zauberwort beflügelt derzeit Wissenschaft und Praxis: «Resilienz», die Fähigkeit, Schwierigkeiten durch den Rückgriff auf die eigenen Ressourcen zu meistern. Basler Forschungsprojekte widmen sich diesem Begriff und fragen, wie soziale Resilienz zur Gesundheit der Bevölkerung beitragen könnte – etwa in Afrika.

«Resilienz» (vom lateinischen resilire, «zurückspringen») wurde von der Physik in die Wissenschaft eingeführt, um die Eigenschaft bestimmter Werkstoffe zu bezeichnen, trotz grosser Belastung nicht zu zerbrechen. Die Psychologie übertrug den Begriff auf den Menschen. Heute beschäftigen sich zahlreiche Wissenschaften, von der Pädagogik über Neurowissenschaften bis zur Verhaltensbiologie, mit Resilienz. Auch in der Ökologie erlebt die Resilienzforschung einen Boom, allerdings stehen dort nicht Menschen, sondern sozioökologische Systeme im Brennpunkt. Beispiele für menschliche Resilienz sind Lebensgeschichten von Menschen, die trotz eines schlechten Starts ins Leben oder Schicksalsschlägen kompetente Mitglieder ihrer Gesellschaft wurden. In der Selbsthilfeliteratur erscheinen fast monatlich neue Titel zum Thema, und Kurse zur Stärkung der Resilienz erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Auch die Entwicklungszusammenarbeit und die Katastrophenhilfe haben den Begriff entdeckt. Interventionen sollen rund um den Globus die Resilienz von Individuen, Gemeinschaften und Gesellschaften im Umgang mit politischen, ökonomischen und ökologischen Krisen stärken.

Städte im Wandel
Unser Interesse an Resilienz erwachte in afrikanischen Städten, die in einem tief greifenden und durch die Globalisierung beschleunigten gesellschaftlichen Wandel begriffen sind. Bereits in einem ersten Projekt 1992 in Dar es Salaam (Tansania) ging es darum, gesundheitsfördernde Initiativen von Stadtbewohnern ausfindig zu machen. Dies war das erste von vielen Projekten, in denen das Ethnologische Seminar eng mit dem Schweizerischen Tropen- und Public Health Institut zusammenarbeitete. Die Erfahrung hatte nämlich gezeigt, dass der medizinisch definierte Risikoansatz als Grundlage für die Gesundheitsförderung in afrikanischen Städten nicht ausreicht. Was es braucht, sind Konzepte, die an den primären Ursachen von Krankheit ansetzen und Wege zur Meisterung von Gesundheitsrisiken aufzeigen. Der Resilienzansatz kann zu diesem Perspektivenwechsel beitragen. In Wissenschaft und Praxis melden sich aber auch Stimmen zu Wort, die den Resilienz-Hype kritisch hinterfragen. Sie warnen vor der Gefahr, dass mächtigere Menschen schwächere manipulieren, um erwünschtes Verhalten zu gewährleisten. Im Zeichen des Neoliberalismus könnte Resilienz auch als Rechtfertigung für eine Reduktion sozialer Dienstleistungen genutzt werden, nach dem Prinzip «Jeder soll sich selber helfen». Aus methodologischer Sicht stellt sich die Frage, ob und wie Resilienz aus der untersuchten Realität erschlossen werden soll, da sie weder direkt beobachtet noch gemessen werden kann. Wie auch immer Resilienz definiert wird, dem Begriff liegt immer ein normatives Konzept zugrunde, und zwar in einem doppelten Sinn: was die Bedrohung angeht und was das Ergebnis im Umgang mit dieser Bedrohung betrifft. Wer bestimmt die Kriterien der Beurteilung und mit welcher Begründung?

Mindestens eine Bezugsperson
Solche Fragen stellen sich führende psychologische Resilienzforscherinnen wie Suniya Luthar und Ann Maston in ihren Arbeiten mit Bezug auf die USA. Wir gehen ihnen mit Blick auf die Gesundheitsförderung in afrikanischen Städten nach. Können hier Erkenntnisse der Psychologie und benachbarter Wissenschaften in Wert gesetzt werden? Und wenn ja, wie? Können umgekehrt Konzepte, Theorien und Methoden, die zur Erforschung von Resilienz in den USA und Europa entwickelt wurden, durch Untersuchungen in afrikanischen Kontexten vertieft und erweitert werden? Inspiriert von der Psychologie, schlagen wir einen Ansatz vor, wie Resilienz aus der Perspektive der Ethnologie und benachbarter Sozial- und Kulturwissenschaften untersucht werden kann. Diesen Ansatz skizzieren wir im Folgenden aufgrund von Erkenntnissen der Psychologie und erläutern ihn an empirischen Beispielen. Die Resilienz-Pionierinnen Emmy Werner und Ruth Smith begleiteten auf der hawaiianischen Insel Kauai alle 698 Frauen und Männer, die 1955 geboren wurden, bis ins Jahr 1995 und sammelten zudem Daten zu ihrer Gesundheitssituation. Alle Untersuchten wuchsen in Armut auf und waren zahlreichen Widrigkeiten wie Arbeitslosigkeit, Alkoholismus oder Gewalt ausgesetzt. Obwohl die Startbedingungen für alle schlecht waren, wuchs ein Drittel der Kinder von Kauai zu selbstbewussten, fürsorglichen und leistungsfähigen Erwachsenen heran. Nach 40 Jahren hatten Erwachsene der «erfolgreicheren » Gruppe weniger gesundheitliche Probleme und eine geringere Todesrate als die übrigen zwei Drittel. Die Suche nach spezifischen Eigenschaften des «resilienten Menschen» blieb jedoch in dieser wie in vielen anderen Studien ergebnislos. Einen Unterschied gab es aber: Die «erfolgreicheren» Kinder hatten mindestens eine Bezugsperson, die sich um sie kümmerte. Das war nicht unbedingt die Mutter oder der Vater; auch eine Tante, ein Lehrer oder eine Nachbarin konnte diese Rolle einnehmen. In der Psychologie bezeichnet Resilienz heute nicht eine Eigenschaft, sondern einen Prozess, nämlich das erfolgreiche Angehen gegen Gefährdungen. Das kann heissen, Risiken ausgesetzt zu sein, sich jedoch ex ante vor ihren Auswirkungen zu schützen, oder aber, falls ein Ereignis bereits eingetroffen ist, ex post die negativen Folgen zu bewältigen. Dieser positive Prozess wird laut Ansicht der Psychologie durch Fähigkeiten des Individuums (wie Selbstwirksamkeit oder Kompetenz) und äussere Faktoren (wie Unterstützung durch Eltern, andere Bezugspersonen oder Institutionen) in Gang gesetzt und aufrechterhalten.

Von individueller zu sozialer Resilienz
Für die Ethnologie steht der Mensch nicht als Individuum, sondern als Mitglied einer Gesellschaft im Mittelpunkt. Somit rückt bei der Betrachtung von Resilienz die soziale Strukturierung des menschlichen Handelns in den Vordergrund. Wir fragen nach den gesellschaftlichen Kräften, die widrige Lebensbedingungen und -ereignisse bewirken, aber auch die persönliche Erfahrung von Widrigkeiten und die Einschätzung der eigenen Handlungsfähigkeit formen. Gleichzeitig überlegen wir, in welcher Subjektivität und Sozialität die Handlungsfähigkeit individueller und kollektiver Akteure verankert ist. In Städten wird die von Menschen geschaffene Umwelt besonders gut greifbar. Schlechten Lebensbedingungen liegt in der Regel soziale Ungleichheit zugrunde, und diese verstärkt die Wirkung einschneidender Lebensereignisse. Was von wem und warum als Gefährdung wahrgenommen und eingeschätzt wird, ist ebenfalls sozial strukturiert. Bessergestellte fürchten sich vor der Verschmutzung ihrer Umwelt, während für sozial Schwächere die Erfüllung der Grundbedürfnisse im Vordergrund steht. Und selbst wenn eine Gefahr wahrgenommen wird, heisst das noch nicht, dass sie als Risiko eingestuft wird, gegen das man etwas tun kann oder es sich anzugehen lohnt. Denn auch bei der Einschätzung der eigenen Handlungsfähigkeit spielen gesellschaftlich geformte Erfahrungen und Beurteilungen eine Rolle. Wenn sich mehrere Menschen einig sind, dass eine Gefahr besteht und sie gegen diese angehen wollen, können sie Massnahmen initiieren und aufrechterhalten. Ihr im gewohnten Alltag oft kaum reflektiertes Verständnis von Sozialität und Subjektivität beeinflusst, ob, warum und wie sie das tun. Gefahr und Wandel bringen die Fähigkeit des Menschen zum Vorschein, Werte und Normen kritisch zu reflektieren, unterschiedliche Handlungsoptionen gegeneinander abzuwägen oder mit neuen Ideen und Praktiken zu experimentieren. Wir können also unser eigenes – nicht nur von wissenschaftlichen, sondern auch von gesellschaftlichen Werten und Normen geprägtes – Verständnis von Resilienz nicht unhinterfragt auf andere Gesellschaften und Kontexte übertragen. Vielmehr müssen wir unser Konzept von Resilienz mit der sozialen Praxis vor Ort in Bezug setzen. Was wird von den untersuchten Personen als Widrigkeit eingestuft? Versuchen sie, solche Umstände oder Ereignisse zu überwinden, und wenn ja, wie? Welchen Ausgang betrachten sie als sinnvoller und wirksamer im Vergleich mit andern möglichen Resultaten? Selbstverständlich müssen wir dabei berücksichtigen, dass das Verständnis und die Einschätzung von Gefahren, Handlungsfähigkeiten und Ergebnissen zwischen Akteuren und Kontexten variieren können. Damit stellt sich auch die Frage, wie Akteure ihre unterschiedlichen Einschätzungen und Handlungsmöglichkeiten miteinander verhandeln.

Empirische Forschung
Im Teilprojekt «Gesundheit und Wohlergehen» des Nationalen Forschungsschwerpunkts (NFS) «North-South – Mitigating syndromes of global change» gingen wir diesen Fragen in mehreren westafrikanischen Städten nach. In Abidjan arbeitete ein Team von Doktorierenden in Umwelt-, Gesundheits-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften aus der Côte d’Ivoire und der Schweiz. Ihr Ziel war die Bestimmung der Gesundheitsrisiken, die von einem offenen Abwasserkanal ausgingen, sowie ihre Wahrnehmung und Einschätzung durch die Stadtbewohner. Sie erstellten Risikokarten, analysierten Wasserproben, führten eine Befragung der Bevölkerung, der Behörden und vor Ort tätiger Nichtregierungsorganisationen durch und setzten qualitative und partizipative Methoden ein, um die Stadtbewohner im Alltag zu begleiten und ihre Einschätzung von Gefährdungen kennenzulernen. Ihre Studien zeigten, wie unterschiedlich die Einschätzung der gesundheitlichen Bedrohung durch Lebensbedingungen und Umweltrisiken selbst im gleichen Quartier ausfallen kann. Ferner zeigten ihre Befunde, wie zentral Vernetzung und Zusammenarbeit gesellschaftlicher Gruppen für die Stärkung der sozialen Resilienz sind. Das ebenfalls im Rahmen des NFS «North-South» durchgeführte Projekt «Von sozialer Vulnerabilität zu Resilienz» schloss an diese Erkenntnisse an. Es vertiefte und erweiterte sie durch empirische Studien in Tansania, Bolivien und Pakistan. Auf der Basis der Ergebnisse und im Dialog mit psychologischer und ökologischer Literatur entwickelten wir einen neuen Ansatz. Dabei richteten wir, mit Rückgriff auf die Arbeiten des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, das Augenmerk auf die Fähigkeit von Akteuren, kulturelles, soziales, ökonomisches und symbolisches Kapital zu mobilisieren und zu transformieren. Diesen Ansatz überprüfen und verfeinern wir zurzeit in medizinethnologischen Forschungen zu älteren Menschen und Jugendlichen, die durch den raschen und tief greifenden Wandel der Generationen- und Geschlechterbeziehungen besonderen Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind. Ausgehend von Studien im urbanen Indonesien zu Vulnerabilität widmet sich das Nationalfondsprojekt «Von Heilung zur Pflege» älteren Menschen. Der sehr schnell wachsende Anteil alter Menschen in Indonesien, neue Generationenrollen infolge von HIV/Aids in Tansania sowie der fehlende Sozialstaat in beiden Ländern stellen diese Gesellschaften vor neue Herausforderungen. Das Projekt in Tansania widmet sich der Frage, welche Formen von Fürsorge und Pflege in Familienbeziehungen und sozialen Netzen, die sich in einer Gross- und Kleinstadt, aber auch zwischen Stadt und Land, zwischen Städten bis in andere Länder aufspannen, praktiziert werden. Erste Erkenntnisse zeigen, dass gesellschaftsbildende Prinzipien wie Verwandtschaft und Geschlecht zum Teil neu verhandelt werden. Bis anhin begründete die Erfahrung des Aufeinander-Angewiesenseins und das meist sozialverträgliche Aushandeln von sozialen Wertvorstellungen weitgehend den Prozess der sozialen Resilienz gegenüber Gebrechlichkeit, Krankheit und Pflegedefiziten im Alter. In der Grosselterngeneration konnten Männer ihr Recht auf Unterstützung einfordern, weil sie über die wichtigsten materiellen und immateriellen Ressourcen verfügten. Heute ist das Bild differenzierter, und es zeichnet sich ab: Je mehr sich Menschen in ihrem ganzen Leben aktiv am sozialen Geschehen von Familie, Verwandtschaft und Gemeinschaft beteiligen und dieses mitgestalten, desto besser sind sie vor der Unbill des Alters geschützt. Ein weiteres Projekt – «Reproduktive Resilienz in Ghana und Tansania» – beschäftigt sich mit Teenager-Schwangerschaften. Schwangere unter 20 Jahren sind erhöhten medizinischen, sozialen und ökonomischen Risiken ausgesetzt. Das Projekt untersucht, wie diese Gefahren von verschiedenen Akteuren wahrgenommen und beurteilt werden. In beiden Ländern ist bekannt, dass eine frühe Schwangerschaft die Chance der jungen Frauen auf Bildung und Berufstätigkeit stark vermindert. Wie in der Studie in Kauai gelingt es jenen Mädchen am besten, sich zu schützen oder als Teenager mit der Mutterrolle klarzukommen, die auf verantwortungsvolle Bezugspersonen zählen können. Wegen zunehmender Mobilität, Migration und Veränderung klassischer Familienstrukturen haben Grosseltern und Tanten die ihnen früher von der Gesellschaft zugedachte Aufgabe als primäre Bezugspersonen in der sexuellen Aufklärung und Beratung weitgehend verloren. Einige Mütter und Väter versuchen nun, diese Lücke zu füllen, scheuen sich jedoch, Sexualerziehung zu geben. Angehörige aller drei Generationen sind daran, ihre Handlungsfähigkeit als Subjekte neu zu bestimmen und nach tragfähigen Formen von gesellschaftlichen Beziehungen zu suchen.

Resilienz als soziales Handeln
Betrachten wir Resilienz als eine Form sozialen Handelns, so erscheinen Gesundheitsprobleme in afrikanischen Städten in einem neuen Licht. Die negativen Folgen rapiden Wandels bleiben deutlich erkennbar, aber das Schaffen, Gestalten und Aufrechterhalten von sozialen und gesellschaftlichen Beziehungen zur Meisterung der Schwierigkeiten tritt in den Vordergrund. Diese Aspekte kann weder ein medizinisch definierter Risikoansatz noch ein auf das eigenständige und selbstverantwortliche Individuum ausgerichtetes Resilienzverständnis erfassen. Eine erweiterte Perspektive kann dazu beitragen, soziales Handeln in Konstellationen besonderer Herausforderung besser zu verstehen und zu erklären.

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