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Universität Basel

Humor kann Ihrer Krankheit schaden!

Iren Bischofberger

Dass Lachen gesund ist – wie der Volksmund sagt –, gilt auch bei Krankheit, Behinderung und Gebrechlichkeit. Was bedeutet dies für die Pflegewissenschaft und -praxis? Ein kurzer Ein- und Ausblick.

Wer behauptet, Humor und Lachen hätten im Leben von kranken oder behinderten Menschen nichts zu suchen, ist auf dem Holzweg. Das zeigen die folgenden Beispiele: Eine hörbehinderte Mitarbeiterin amüsiert sich im Gespräch mit ihrer Kollegin, dass sie ihr Hörgerät nur auszuschalten braucht, wenn sie ihre Ruhe haben will. Ein Mann freut sich gemeinsam mit seiner Familie, dass sein Humor nach überstandener Depression noch immer vorhanden ist – bloss ist er nun etwas schwärzer als zuvor. Und ein Kollege erzählt beim Mittagessen von seinem an Alzheimer erkrankten Vater, der die Osternester für die Grosskinder versteckt hatte – und sich danach eifrig an der Suche mitbeteiligte. Was ist diesen drei Beispielen gemeinsam? Zum einen können sich alle Beteiligten von einem gravierenden Gesundheitsproblem distanzieren. Und sie haben zum andern die Kunst verinnerlicht, sich selber auf den Arm zu nehmen. Alle drei zeigen dadurch ihre fortgeschrittene Entwicklung im therapeutischen Humorprozess, der sich in fünf Stufen beschreiben lässt.

Prozess in fünf Stufen
Stufe 1: Nicht lachen können. Auf dieser Stufe kann ein Mensch nicht lachen, da er wegen seiner individuellen Situation, seiner Werthaltung oder seines Umfelds ein bestimmtes Ereignis nicht als lustig oder erheiternd wahrnimmt und darauf auch nicht mit Lachen reagieren kann.
Stufe 2: Über andere lachen können. Hier sind die Missgeschicke anderer der Auslöser für Gelächter.
Stufe 3: Über sich selber lachen können. Auf dieser Stufe ist bereits ein Prozess der Selbsterkenntnis in Gang gekommen. Lachen über sich selber ist ein wichtiger Reifeprozess in der Persönlichkeitsentwicklung.
Stufe 4: Andere dürfen über mich lachen. Diese Stufe wird oft von Clowns vorgelebt, indem sie Missgeschicke parodieren und überspitzt auf der Bühne oder im Zirkus vorführen. Gelingen solche Parodien im Alltag und dazu noch rasch nach dem auslösenden Erlebnis, so ist in der Tat ein weiterer und grosser Schritt in Richtung «Komik im Alltag» getan.
Stufe 5: Gemeinsam mit andern über sich selber lachen. Auf diesem höchsten Niveau lacht die betroffene Person gemeinsam mit andern über ein erlebtes Ereignis. Damit beweist sie die Fähigkeit, dass diese Situation nicht (mehr) von Scham überdeckt wird, sondern Anlass für die Erheiterung einer ganzen Gruppe bietet. Die drei Menschen in den obigen Beispielen sind Zeugen davon, dass einer Gesundheitsbeeinträchtigung auch heitere Seiten abzugewinnen sind. Längst nicht alle können dies. Im Gegenteil: Viele sind peinlichst darum bemüht, das Gesundheitsproblem versteckt zu halten. Und gerade in diesem Bemühen scheitern sie allzu oft. Gemeinsam ist den Beispielen auch, dass die Gesundheitsprobleme dauerhaft sind. Die Betroffenen haben die Jahre genutzt, um die Unzulänglichkeiten in ihr Leben zu integrieren. Ihre Sichtweise gegenüber dem – so ist anzunehmen – zu Beginn vorwiegend als mühselig wahrgenommenen Gesundheitsproblem ist heute belustigend und selbstironisch.

Am Abgrund
Allerdings gelingt ein humorvoller Umgang mit Erkrankungen längst nicht immer – und eher selten zu Beginn eines Gesundheitsproblems. Denn angesichts von Krankheit und Behinderung ist es den Patienten und Patientinnen während der Diagnosestellung oft nicht zum Lachen zumute. Zu unüberbrückbar scheinen vorerst die Funktionseinschränkungen im Privat- und Erwerbsleben. Für die genannten Beispiele heisst dies, dass mitunter wegen der eingeschränkten Hörfähigkeit eine Arbeitsplatzumstellung erforderlich wird oder dass eine Depression für den betreffenden Mitarbeiter – zumindest vorübergehend – einen Stopp in der Karriereleiter bedeutet. Oder die aufwendigen medizinischen und neuropsychologischen Abklärungen der Alzheimererkrankung von Familienmitgliedern bringen es für Erwerbstätige mit sich, dass sie ihre Abwesenheit am Arbeitsplatz immer wieder neu organisieren müssen. In solchen anforderungsreichen Situationen gelingt es den Betroffenen längst nicht immer, eine heitere Perspektive einzunehmen. Manchmal hilft dazu diese verinnerlichte Sentenz: «Am Abgrund ist Vorbeugen schlechter als Heilen.» Auch nach der Erstdiagnose erfordern lang dauernde Krankheits- und Behinderungsprozesse von den Beteiligten viel Flexibilität. Je nach Verlauf treten immer wieder unvermittelt Phasen ein, welche die Symptome verstärken oder verändern, sodass eine Distanzierung durch Humor nicht mehr nach der bisherigen Logik gelingt. Denn Distanzierung setzt voraus, dass die Beeinträchtigungen weitgehend bekannt sind und deshalb als Routine wahrgenommen werden können. Heiterkeit als eine Form der Distanzierung von der Realität ist die hohe Kunst im Berufs- und Privatleben.

Ethische Verantwortung
Menschen am Arbeitsplatz und in der Familie tragen wesentlich zu einer förderlichen – oder aber eher hinderlichen – Humorkultur bei. Wird Humor zur Kränkung von kranken Personen missbraucht? Oder hilft er zur Stärkung der Bewältigungsmuster? Am Arbeitsplatz haben Führungspersonen einen entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung der Humorkultur. Hilfreich ist, wenn sie sich selber bereits mit dem Wesen und der Dynamik von Humor auseinandergesetzt haben und sein Potenzial fördern. Entscheidend ist dabei die ethische Verantwortung im Umgang mit Humor. Dazu hat der Verein HumorCare (siehe Kasten) bei seiner Gründung ethische Richtlinien formuliert; so heisst es im Artikel 2: «Therapeutisch wirksamer Humor zielt nicht auf den schnellen Effekt ab. Seine primäre Intention ist die systematische Vermittlung von Einsicht in das Entstehen jener komischen Phänomene, die die Identität eines Menschen in unfreiwilliger Weise akzentuieren und bestehende Krankheitssymptome dadurch verstärken können. Wer diese Wirkung bewusst reflektiert und steuert, vermag einen Identitätswandel zu vollziehen, der einem ‹anderen Weg des Denkens und Handelns› entspricht und zu einer aktiven Selbstbestimmung hinführt. Dieser Prozess beruht auf Empathie und wohlwollender Akzeptanz derjenigen, die therapeutisch wirksamen Humor anwenden. Ziel ist die Ermutigung, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen (Mut zur Unvollkommenheit), über sich selbst lachen zu können (Mut zur Lächerlichkeit) und starre soziale Normen und Idealvorstellungen relativieren zu können (Mut zum Widersinn/Unsinn).» Für die Entwicklung einer Humorkultur im Betrieb und im persönlichen Umfeld ist es entscheidend, dass die Beteiligten Situationen mit Gesundheitsbeeinträchtigung durch die Perspektive der Unvollkommenheit, der Lächerlichkeit und des Widersinns auffangen können. Oder in Form einer weiteren Sentenz ausgedrückt: «Achtung! Humor kann Ihrer Krankheit schaden.» An dieser entspannten und patientenfokussierten Perspektive von Humor sollte sich die Pflegewissenschaft und -praxis auch in Zukunft orientieren.

Basel, Humor und Gesundheit Humor hat in der Therapie und Pflege eine längere Tradition. In der Schweiz haben vor allem die jährlichen Humorkongresse in der Messe Basel zwischen 1996 und 1999 wichtige Grundlagen für ein heute reges Netzwerk zu Humor und Gesundheit gelegt. Die Gesellschaft HumorCare Schweiz wurde nach einem Kongresstag 1998 in einem Basler Restaurant gegründet. Sie bietet allen Interessierten am Thema «Humor in Pflege, Therapie und Beratung» eine Plattform für Wissen, Erfahrung und Aktivitäten. Um Humor nicht undifferenziert, sondern förderlich für die Gesundheit – vor allem bei ihren Beeinträchtigungen – wirken zu lassen, wurden ethische Richtlinien formuliert. Sie sind für die Mitglieder eine zentrale Richtschnur für die Arbeit mit kranken, behinderten oder gebrechlichen Menschen. www.humorcare.ch Die Stiftung «Humor und Gesundheit» mit Sitz in Basel wurde 2005 gegründet. Sie fördert Projekte, die mit innovativen Ansätzen Heiterkeit und Leichtigkeit in der Gesundheitsversorgung fördern. 2010 wurde an einer Benefizveranstaltung der Film «Die etwas anderen Clowns – Humorarbeit in der Betreuung und Pflege betagter und demenzbetroffener Menschen » gezeigt. Die Stiftung lebt vor allem von Spendern, die nach dem Motto «Humor hilft» ihr Geld einsetzen möchten; ebenso unterstützt sie Aktivitäten, die Humor als Element im Gesundheitswesen voranbringen wollen.

www.stiftung-humor-und-gesundheit.ch

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