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Universität Basel

Soziale Verhältnisse vor 5400 Jahren

Thomas Doppler, Stefanie Jacomet, Sandra Pichler, Brigitte Röder, Jörg Schibler

Dass archäologische Daten auch Auskünfte über soziale Verhältnisse geben können, zeigt ein Basler Forschungsteam anhand einer 5400 Jahre alten Feuchtbodensiedlung. Es kommt zu erstaunlichen Erkenntnissen über das menschliche Zusammenleben in der Prähistorie.

In der Nord- und der Südhälfte der Siedlung (Mitte) sind quantitative Unterschiede in der Viehhaltung (c: Rinder/ d: Schweine) sowie in den Fischfangrevieren und -methoden (a: ufernah/b: uferfern) erkennbar.
In der Nord- und der Südhälfte der Siedlung (Mitte) sind quantitative Unterschiede in der Viehhaltung (c: Rinder/ d: Schweine) sowie in den Fischfangrevieren und -methoden (a: ufernah/b: uferfern) erkennbar. © Peter J. Suter und Helmut Schlichtherle, Pfahlbauten: UNESCO-Welterbe- Kandidatur «Prähistorische Pfahlbauten rund um die Alpen». Biel 2009, Seite 77

Ein archäologisches Projekt, das sich speziell mit sozialgeschichtlichen Untersuchungen beschäftigt, ist in der Schweiz bislang einzigartig. So erstaunt es nicht, dass theoretische und methodische Ansätze zur Erforschung urgeschichtlicher Sozialstrukturen noch wenig entwickelt sind. Die Vorstellungen über soziale Verhältnisse in schriftlosen Kulturen basieren in der Regel nicht auf konkreten Forschungsergebnissen, sondern auf ethnografischen und historischen Analogien. Aber auch evolutionistische Ideen und die Projektion von kulturellen Konstruktionen unserer heutigen Gesellschaft (etwa des Familienmodells und des Kindheitskonzepts) sowie im Alltagswissen verankerte Vorstellungen über den «Urmenschen» und die «Urgesellschaft» prägen das vorherrschende Bild der sozialen Verhältnisse in der Urgeschichte. Das Basler Forschungsprojekt ist ein Beitrag zur Grundlagenforschung, der die erkenntnistheoretischen Grundlagen sozialgeschichtlicher Aussagen analysiert, theoretische Konzepte reflektiert und methodische Untersuchungsansätze entwickelt. Dabei wird in interdisziplinärer Weise das sozialgeschichtliche Potenzial archäologischer und archäobiologischer Daten aus Archäozoologie, Archäobotanik, Anthropologie und Paläodemografie berücksichtigt.

Fallbeispiel Arbon Bleiche 3
Feuchtbodensiedlungen (ehemals «Pfahlbausiedlungen») sind ein optimaler Ausgangspunkt für sozialgeschichtliche Untersuchungen. Die Schweiz ist bekannt für ihre zahlreichen Feuchtbodensiedlungen an Seen und in Mooren, die für die Zeit von 4300 bis 850 v. Chr. belegt sind. Da ihre Überreste teils unter Wasser, teils in wassergesättigten Böden unter vollständigem Luftabschluss konserviert sind, bleiben selbst organische Reste, darunter auch Bauhölzer, erhalten. An solchen Hölzern können Jahrringuntersuchungen durchgeführt werden (Dendrochronologie), wodurch meist jedes Haus auf das Jahr genau datiert und die Baugeschichte einer Siedlung rekonstruiert werden können. Ein anschauliches Beispiel ist die am südlichen Bodenseeufer gelegene neolithische Feuchtbodensiedlung Arbon Bleiche 3. Hier konnten 27 Häuser vollständig oder teilweise ausgegraben werden, was etwa der Hälfte der ehemaligen Häuserzahl entspricht. Die Siedlung war zwischen 3384 und 3370 v. Chr. bewohnt und bestand somit ungefähr zu jener Zeit, in der auch «Ötzi» gelebt hat. Ein Grossteil der archäologischen Funde – etwa Nahrungsabfälle oder Objekte wie Fischfanggeräte, Keramikscherben, Werkzeuge aus Feuerstein oder auch Schmuckanhänger – konnte einzelnen Häusern zugewiesen werden. Dies macht vergleichende Untersuchungen zwischen den «Hausinventaren» innerhalb der Siedlung möglich und gewährt Einblicke in die soziale Organisation der Siedlung. So ist in Arbon Bleiche 3 aufgrund der Verteilung der Tierknochenabfälle eine deutliche Zweiteilung der Siedlung erkennbar. Im nördlichen Teil wurde vorwiegend Rindfleisch konsumiert, während im südlichen hauptsächlich Schweinefleisch auf dem Speisezettel stand. Ein ähnliches Muster offenbarte sich auch bei den Fischresten: Im südlichen Siedlungsteil ist ein erhöhter Anteil an Felchen belegt, die im offenen Wasser und mittels Booten und Schleppnetzen gefischt werden mussten, während in der nördlichen Siedlungszone vorwiegend ufernahe Fische wie Hechte, Barsche und Karpfen mithilfe von Angeln oder Stellnetzen erbeutet wurden. Neben unterschiedlichen Essgewohnheiten lassen sich dabei auch unterschiedliche Fischfangstrategien erkennen. Über Untersuchungen mit statistischen Methoden konnten diese Unterschiede bestätigt und verfeinert werden.

Zweigeteilte Siedlung
Die offensichtliche Zweiteilung der Siedlung sowie weitere Verteilungsunterschiede von Nahrungsresten und Artefakten innerhalb der beiden Hälften stehen im Widerspruch zu weitverbreiteten Annahmen der Feuchtbodenarchäologie. Diese besagen, dass das einheitliche, an eine Reihenhaussiedlung erinnernde Bebauungsmuster solcher Siedlungen Ausdruck von wirtschaftlicher und sozialer Gleichheit sei. Dabei wird angenommen, dass in jedem «Einfamilienhaus» eine Kernfamilie von drei bis fünf Mitgliedern wohnte, die einen eigenständigen und wirtschaftlich autarken Haushalt bildete. Die Ergebnisse unserer Untersuchungen zeigen jedoch, dass es Gruppen von zwei bis drei Häusern gibt, deren Fundspektren so ähnlich sind, dass wir davon ausgehen, dass sie einen gemeinsamen Haushalt bildeten. Wir sind deshalb der Meinung, dass sich die Siedlungsgemeinschaft nicht primär aus Kleinfamilien zusammensetzte, sondern dass es auch deutlich grössere Haushalte gab, die keineswegs verwandtschaftlich begründet gewesen sein mussten. Auch die Existenz weiterer sozialer Einheiten, etwa von alters- und geschlechtsspezifischen Gruppen, muss in die noch laufende Interpretation der Befunde einbezogen werden. Sozialgeschichtlich besonders interessant ist der Nachweis, dass in Arbon Bleiche 3 Menschen mit verschiedenen kulturellen Traditionen lebten. So ist anhand der Formen und Verzierungen von Keramikgefässen belegt, dass zwei kulturell unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammen siedelten. Während die eine Gruppe ortsansässig war, war die andere aus der Region des Wiener Beckens an den Bodensee gezogen. Zwischen den Gruppen fand nachweislich ein Technologietransfer statt, der zu einer allmählichen Veränderung bei Arbeitsgeräten und Keramikgefässen führte. Falls die deutliche Zweiteilung der Siedlung auf unterschiedliche Ernährungstraditionen der beiden Bevölkerungsgruppen zurückgehen sollte, wäre das ein Indiz dafür, dass die Menschen an ihren Essgewohnheiten stärker festhielten als an anderen kulturellen Traditionen. Es ist anzunehmen, dass soziokulturelle Prägungen dieser Art auch in anderen Fundstellen vorliegen. Diese können aber nur über umfassende interdisziplinäre Untersuchungen aufgedeckt werden, welche die archäologischen und naturwissenschaftlichen Daten integrieren und kulturgeschichtlich interpretieren. Nur so lassen sich fundierte Einblicke in die sozialen Verhältnisse längst vergangener Zeiten gewinnen.

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