x
Loading
+ -

Universität Basel

Die Biologie der Attraktivität

Daniel Haag-Wackernagel

Was wir als schön empfinden, ist weder Geschmackssache noch zufällig. Die Merkmale sexueller Attraktivität signalisieren Gesundheit, Vitalität und Fruchtbarkeit und haben sich im Lauf unserer Evolution als zuverlässiges Instrument herausgebildet, um potenzielle Geschlechtspartner zu beurteilen. Attraktivität wird in allen Kulturen sehr hoch bewertet, hat aber nicht immer Vorteile.

Wir analysieren ununterbrochen andere Menschen, ohne es bewusst wahrzunehmen. Der Mensch ist ein Augentier. In Sekundenbruchteilen können wir die Gesichtsmerkmale eines andern analysieren und relativ zuverlässige Aussagen über Alter, Gesundheitszustand, momentane Stimmung sowie ethnische und sozioökonomische Herkunft machen. In einem Versuch waren Menschen bereits nach 33 Millisekunden in der Lage, über die Vertrauenswürdigkeit einer abgebildeten Person zu urteilen, und nach 167 Millisekunden war der Eindruck bereits so zuverlässig, dass die Testpersonen ihre Meinung in der Regel nicht mehr änderten. Der «erste Eindruck», den wir uns von andern machen, bestätigt sich später oft, was für die Zuverlässigkeit dieses Erkennungssystems spricht. Doch wozu haben wir diese Fähigkeit entwickelt?

Vermessene Schönheit
Männer wie Frauen beurteilen die Attraktivität des Gegengeschlechts in der ersten Begegnung nach dem Aussehen. Während der Partnerwahl können wir nicht mit allen Menschen, die als potenzielle Gefährten infrage kommen, intensive Gespräche führen und in langwierigen Interaktionen ihren «Wert» erkunden. Wir müssen eine schnelle Entscheidung treffen, und die Evolution hat dafür die Attraktivität als Kriterium gegenseitiger Anziehung vorgesehen. In der Beurteilung spielt das Gesicht die entscheidende Rolle. Das Sichverlieben auf den ersten Blick, das ausschliesslich auf optischen Merkmalen beruht, zeigt, wie wichtig das Aussehen ist. Viele verlieben sich nur aufgrund eines Bilds. Dies ist umso verständlicher, als positive Charaktereigenschaften, die in langfristigen Beziehungen von grosser Bedeutung sind, von aussen nicht sofort erkennbar sind. In kaum einem andern Bereich scheint der Mensch stärker von seinen angeborenen «Instinkten» getrieben zu sein wie in der Partnerwahl. Partnerwahl und Wahrnehmung von Attraktivität dienen dazu, die eigenen Gene möglichst erfolgreich zu kombinieren, um damit Nachwuchs mit optimalen Eigenschaften zu erzeugen. Für eine angeborene Veranlagung der Bewertung von Attraktivität sprechen viele neuere Untersuchungen. Sie zeigen, dass sich die grundlegenden Schönheitsideale in ihren substanziellen Eigenschaften weder in der Zeit noch zwischen den menschlichen Kulturen unterscheiden. Die immer wieder als Gegenbeispiel angesprochenen Rubensfrauen mögen wohl etwas üppiger dargestellt sein (was die karge Zeit, in der sie entstanden sind, reflektieren mag) – in ihren Proportionen entsprechen sie den zeitlosen Schönheitsidealen. Die Attraktivität ist vor allem in der Anfangsphase der Paarbindung sehr wichtig. Kommen sich Menschen später näher, spielen Geruchsreize eine Rolle, und erst wenn man mit jemandem spricht, kann eine Stimm- und Sprachanalyse erfolgen, die Hinweise auf intellektuelle und sozioökonomische Eigenschaften gibt. Man kann sich dem Reiz schöner und attraktiver Menschen nur schwer entziehen – sie werden im Alltagsleben bevorzugt. Spitzenmodels werden heute wie Göttinnen verehrt und besitzen einen höheren Status als der Papst oder ein Staatspräsident. Studien zeigen, dass attraktive Studierende im Schnitt höhere akademische Grade erreichen und Studentinnen sogar Dominanzhierarchien aufgrund von Attraktivität aufbauen. Bei Stellenbewerbungen kann Schönheit sogar der Fachkompetenz vorgezogen werden. Schon in der Schule werden attraktive Kinder weniger hart bestraft, und vor Gericht erhalten Gutaussehende geringere Strafen, ausser wenn ihre Attraktivität bei ihrer Straftat eine Rolle spielte wie etwa bei Heiratsschwindlern. Das Erkennen attraktiver Merkmale ist dem Menschen angeboren: Schon Neugeborene bevorzugen solche Gesichter und widmen ihnen mehr Aufmerksamkeit als weniger attraktiven. In Wahlversuchen hat man herauszufinden versucht, welche Gesichtsmerkmale vom Gegengeschlecht als attraktiv bewertet werden. Ein breites Lächeln, grosse Augen und hervortretende Wangenknochen wirken bei beiden Geschlech tern anziehend. Bestimmte Merkmale wie ein grosser Augenabstand, eine grosse Augenbrauenhöhe oder ein dicke Unterlippe sind es nur bei Frauen. Besonders interessant, da typisch weiblich oder männlich, sind Merkmale, die beim einen Geschlecht attraktiv, beim andern aber unattraktiv sind. Bei Frauen attraktiv und bei Männern unattraktiv wirken etwa eine grosse Oberkopfhöhe und weite Pupillen, bei Männern ist ein kräftiges Kinn anziehend, während es bei Frauen negativ bewertet wird (Grafik links). Symmetrische Gesichter werden als attraktiver bewertet als weniger symmetrische. Versuche mit höheren Tierarten zeigen, dass Männchen mit hoher Körpersymmetrie bei den Weibchen bessere Verpaarungschancen haben als weniger symmetrische. Eine hohe Symmetrie widerspiegelt eine stabile Embryonalentwicklung, die unter anderem auf einer Resistenz gegen Krankheiten und Parasiten und einer gewissen Toleranz gegenüber Toxinen beruht. Zudem kann eine hohe Symmetrie auf das Fehlen von schädlichen Mutationen hinweisen, die sich im Bau des Körpers und des Gesichts manifestieren. Symmetrie dient bei Tieren somit der Erkennung von gesunden und fitten Partnern. Die Präferenz für Partner mit symmetrischem Gesichts- und Körperbau konnte auch beim Menschen nachgewiesen werden. Männer mit hoher Symmetrie wurden in Versuchen besser bewertet und besonders symmetrische waren auch die beliebteren Sexualpartner als die weniger symmetrischen.

Ist Durchschnitt schön?
In Wahlversuchen werden unabhängig vom kulturellen Hintergrund immer die gleichen Frauengesichter als attraktiv bewertet. Diese Gesichter weisen ganz bestimmte Proportionen auf. Werden normale Gesichter durch «Morphing» (Überlagerung von Bildern) zu einem «Durchschnittsgesicht » verschmolzen, gilt dieses als attraktiver als die Ausgangsgesichter. Solche Resultate führten zur Vermutung, dass Attraktivität mit Durchschnitt gleichzusetzen ist. Diese Theorie hat einiges für sich, da mit einer Präferenz für ein Durchschnittsgesicht zum Beispiel krankheitsbedingte Abweichungen von der Norm gemieden würden, was im Interesse von gesunden Nachkommen wäre. In Wahlversuchen wurden auch die Durchschnittsbilder von Hunden, Vögeln und sogar Uhren den Ausgangsbildern vorgezogen, was zeigt, dass der Mensch eine generelle Vorliebe für den Durchschnitt zeigt. Andere Experimente zeigten aber, dass sich besonders attraktive Frauengesichter vom Durchschnittsgesicht unterscheiden (Bilder rechte Seite). Ob ein Frauengesicht als attraktiv gilt, ist weder von der ethnischen Herkunft noch vom persönlichen Geschmack abhängig. Deshalb kann weltweit mit den gleichen Models geworben werden, da ihre Gesichter eine «universelle Schönheit» besitzen. Bei Männern wie Frauen wirken Gesichter mit kindlichen Merkmalen besonders attraktiv. In der Verhaltensforschung spricht man vom Kindchenschema: ein grosser Kopf mit einer dominanten Stirnregion, grosse, runde Augen, eine kleine, kurze Nase und ein kleines, rundes Kinn, ein Schmollmund mit dicken Lippen, runde Wangen und eine elastische, weiche Haut. Die Reizkombination dieses Schemas wirkt über die Artgrenzen hinweg und löst Betreuungsverhalten und Gefühle der Zuwendung aus. Wir empfinden ein junges Hündchen ebenso als herzig und attraktiv, wie eine Hündin unsere Babys anziehend finden dürfte. Deshalb können Säugerweibchen Jungtiere anderer Arten adoptieren, wenn sie ihre eigenen Jungen verloren haben. Durch Kosmetik lassen sich die Merkmale des Kindchenschemas künstlich verstärken: Mit Schminke werden die Augen vergrössert, mit Lippenstift ein kindlicher Schmollmund simuliert und mit Rouge wird die Wangenregion betont. Frauengesichter werden als attraktiver bewertet, wenn sie künstlich dem Kindchenschema angeglichen wurden. Während Kinder noch kaum geschlechtsspezifische Gesichtsmerkmale zeigen und mit beinahe identischen Muskel-, Fett- und Knochenproportionen in die Pubertät eintreten, prägen sich danach die typisch männlichen und weiblichen Merkmale unter dem Einfluss der Geschlechtshormone aus. Das typisch maskuline, dominante Männergesicht zeichnet sich durch einen kräftigen, breiten und kantigen Unterkiefer, zusammengekniffene und tief liegende Augen, dicke, tief liegende Augenbrauen und dünne Lippen aus. Dabei wirken der kräftige Unterkiefer als Manifestation eines hohen Testosteronspiegels und eher dünne Lippen als Zeichen eines tiefen Östrogenspiegels attraktiv. Das typisch maskuline Männergesicht wird als das Gesicht des erfolgreichen Jägers interpretiert: Der grosse Mund und die weiten Nasenöffnungen sollen für eine optimale Luftversorgung sorgen, während die dicken Brauen die Augen schützen und den Schweiss ableiten. Frauen finden Männer mit Gesichtsmerkmalen, die auf ideale Hormonverhältnisse und damit auf eine gute Gesundheit hinweisen, besonders anziehend. Gesundheit und Fruchtbarkeit wirken bei beiden Geschlechtern attraktiv. Untersuchungen zeigen aber, dass Männer mit übersteigerten dominant-maskulinen Merkmalen («Brutalogesichtern») von Frauen abgelehnt werden: Sie werden als unfreundlich, bedrohlich, unzuverlässig, kontrollierend, manipulativ, egoistisch und gewalttätig empfunden. Ein zu aggressiver und dominanter Mann kann der Frau und ihren Kindern gefährlich werden, wenn man in Betracht zieht, dass die meisten Gewalttaten innerhalb von Familien und Beziehungen begangen werden. Die weiblichen Hormone sind für die vollen Lippen und die andern typisch weiblichen Fetteinlagerungen verantwortlich, die anziehend auf den Mann wirken. Ein attraktives Frauengesicht ist eine Kombination von Kindchenschema und Merkmalen sexueller Reife. Die typischen attraktiven Gesichtsmerkmale einer Frau werden durch einen hohen Östrogenspiegel und einen tiefen Androgenspiegel während der Pubertät erzeugt, die gleichzeitig Ausdruck einer hohen Fruchtbarkeit sind. In gewissem Sinn lässt sich die Fruchtbarkeit einer Frau am Gesicht ablesen.

Zyklus und Attraktivität
Bis vor Kurzem nahm man an, dass bei Frauen keine ausgeprägte «Brunst» während der fruchtbaren Zeit des Eisprungs auftritt. Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass sie während dieser Tage maskulinere Männer bevorzugen (Bilder oben). Generell bewerten Frauen Gesichter attraktiver, die in ihrer Maskulinität etwas über dem Durchschnitt liegen. Während ihrer fruchtbaren Tage – charakterisiert durch einen hohen Östrogen- und einen tiefen Progesteronspiegel – ziehen sie noch stärker maskulinisierte Gesichter vor. Eine hohe Fortpflanzungsbereitschaft der Frau während dieser Zeit manifestiert sich somit in einer erhöhten Präferenz für Männer mit ausgeprägt maskulinen Merkmalen. Nimmt eine Frau aber die Pille und weist dadurch die für die «Brunstzeit» typischen hormonellen Veränderungen nicht mehr auf, unterbleibt die Bevorzugung von zusätzlich maskulinisierten Gesichtern. Einige Forschende spekulieren, dass die hohe Scheidungsrate auch damit zusammenhängen könnte, dass Frauen während ihrer Partnerwahl die Pille nehmen, sich durch die hormonelle «Kastration» für zu feminine Männer entscheiden, die ihnen beim Absetzen der Pille nicht mehr gefallen, worauf sie während ihrer fruchtbaren Phase zu Seitensprüngen mit maskulineren Männern neigen. Frauen wirken während ihrer fruchtbaren Tage attraktiver für den Mann. So haben Lapdancerinnen (eine in den USA verbreitete Unterhaltungsform, bei der sich die Tänzerinnen auf den Schoss der Männer setzen) während ihrer fruchtbaren Tage signifikant höhere Trinkgeldeinnahmen als ausserhalb oder wenn sie die Pille nehmen. Mit dieser Untersuchung konnte entgegen früheren Ansichten gezeigt werden, dass Männer die fruchtbaren Tage der Frau sehr wohl wahrnehmen können, was auch im Sinn der Fortpflanzung ist. Frauen wirken während der fruchtbaren Phase auf Fotos attraktiver. Sie zeigen in dieser Zeit als Antwort auf erotische Bilder sogar eine erhöhte Aktivität des Musculus zygomaticus, der zu den Lachmuskeln gehört. Schöne Menschen haben also in vielen Bereichen Vorteile – doch kann sich Attraktivität auch negativ auswirken. Wähler beurteilen Politiker zwar vor allem nach ihrem Äusseren, und schon Kinder können aufgrund von Porträtfotos ihnen unbekannter Politiker gut voraussagen, wer die Wahl gewinnen wird. Aber allen Erwartungen zum Trotz mindert Attraktivität die Wahlchancen eher: Die höchste Wahrscheinlichkeit, gewählt zu werden, haben offenbar Kandidaten, die nicht besonders attraktiv aussehen, dafür aber Kompetenz ausstrahlen. Da bleibt nur die Hoffnung, dass Menschen echte Kompetenz aus den Gesichtern herauslesen können. Und ein Trost für Wahlverlierer: Die Nichtgewählten sind wohl einfach zu schön für die Politik.

nach oben