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Universität Basel

Warum feiern wir Feste?

Walter Leimgruber

Feste und Feiern finden wir als eine Grundform menschlicher Verhaltensweisen in allen Gesellschaften. Je nach Form und Betrachtungsweise lassen sich verschiedene Bedeutungsebenen unterscheiden.

Feste sind symbolische, expressive Handlungen, die Rückschlüsse auf Gliederung und Strukturen, Wertesystem und Vorstellungen der Teilnehmenden erlauben. Sie können gelesen werden als Elemente einer kollektiven Sinnkonstruktion, als «Texte» oder Zeichensysteme, deren Botschaft jedoch erst vor dem Hintergrund des jeweiligen gesellschaftlichen, historischen oder religiösen Kontexts verständlich wird. Feste liefern eine sinnbildliche und daher intuitiv erfassbare Interpretation von komplexen Lebenserfahrungen. Es gibt mehrere unterschiedliche Erklärungen, was Feste und Feiern für eine Gesellschaft bedeuten.

Entlastung und Ekstase
Das Fest ist der soziale Ort, an dem spontanes und emotionales Verhalten nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht ist. Man durchbricht gemeinsam die gewohnten Konventionen, entflieht der Monotonie des normierten Alltags mit seinen bisweilen belastenden Erfahrungen. Der Handlungsdruck, das Planen, Entscheiden und die Sorge um die Zukunft fallen vom Menschen ab und ermöglichen ein Aufgehen in der unmittelbaren Gegenwart. Dem Fest wohnt ein Moment des Ekstatischen, des Erlebens übernatürlicher Erfahrungen inne. Ethnologen haben von den ekstatischen Verzückungen an den Festen der (früher sogenannten) «primitiven Gesellschaften » berichtet, die oft tagelang anhielten und bisweilen bis zur lebensgefährlichen Erschöpfung der Beteiligten dauerten. Der französische Soziologe Emile Durkheim sah das Wesen des Festes im Exzess, in der momentanen Rückkehr in das schöpferische Chaos einer Ursprungszeit, in welcher der Mensch dem Göttlichen direkt gegenübertritt und in der die alltäglichen Grenzen zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem aufgehoben sind. Jedes Fest, auch ein solches, dessen Ursprung profan ist, trägt für Durkheim daher Züge einer religiösen Zeremonie. Fröhliche Ausgelassenheit, ein Moment des Überdrehtseins, vorlaute und freche Bemerkungen, körperliche Nähe und Berührung tragen zumindest ansatzweise den Charakter des Ekstatischen. Unterschiedliche Hilfsmittel und Anreize verstärken dieses Erlebnis: Das festliche Mahl, dem früher eine Zeit des Sparens, der Aufbewahrung und Sammlung von Lebensmitteln vorausging, die den verschwenderischen Charakter des Festmahls erst ermöglichte, gehört ebenso dazu wie der Genuss von Alkohol, Tabak oder anderen Drogen sowie Musik und Tanz. Unterstützenden Charakter besitzen auch die Ausstattung der Festräume, das Spiel mit dem Licht – etwa mit Kerzen, Feuerwerk oder Laserkanonen –, der Schmuck mit Fahnen und Blumen, die Entfaltung grösstmöglicher Pracht. Das Fest wird bestimmt von einer Atmosphäre des Lockeren, Gelösten und Schwebenden. Seine Elemente dienen dazu, den beteiligten Menschen die Ablösung vom Normalzustand zu erleichtern und sie zu einem Zustand hinzuführen, der in seiner reinen Form mit der Ekstase identisch ist. Die an Festen oft benutzte Maske dient als Mittel dieser Ablösung und der Aufhebung persönlicher und gesellschaftlicher Zwänge und Konventionen. Andere Möglichkeiten, dem Lastcharakter des Lebens zu entfliehen, wie Alkohol- und Drogenkonsum, zielen auf das einzelne Individuum, das für sich allein der unerträglich scheinenden Realität zu entkommen versucht. Das Fest als kollektiver Anlass hingegen entlastet nicht nur das Individuum, sondern festigt auch die feiernde Gruppe als Ganze. Dies, indem es ihr hilft, die Konflikte, Abgrenzungen und Reibungen, die den Alltag prägen, zu überwinden und zu einem neuen Bewusstsein der Einheit und des Selbstwerts zu gelangen. Sinnstiftendes Feiern Bei bestimmten Festen steht allerdings weniger die Aufhebung des Alltags als vielmehr die Bewusstmachung und Sinngebung im Vordergrund. Einem solchen Fest, das häufig als Feier bezeichnet wird, liegt immer eine Idee oder ein Weltbild zugrunde, die durch den Anlass aktualisiert werden. Die Beteiligten erhalten Werte vermittelt und können sich der Ziele und Zwecke ihres Lebens vergewissern. Besinnung, Nachdenklichkeit und Reflexion zeichnen die feierliche Handlung aus und grenzen sie von der Ausgelassenheit des Fests ab. Immer ist diese Festform auf die Stiftung historischer Kontinuität, kultureller Einheit und Wertebestätigung gerichtet. In ihr werden Traditionen beschworen und in deren Bedeutung für Gegenwart und Zukunft hervorgehoben. Diese feierliche Festform ist im Gegensatz zum fröhlichspontanen Fest bis ins kleinste Detail geregelt und durchorganisiert. Sie findet an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten statt, die in einer Beziehung zur Geschichte der feiernden Gruppe oder Institution stehen: Jahrestage und Schauplätze von Schlachten, Revolutionen oder Friedensschlüssen, Geburts- und Todestage, Gründungsdaten von Firmen und Vereinen. Das zentrale Element des feierlichen Anlasses ist in der Regel das gesprochene Wort, die Ansprache, vorgetragen mit einem Pathos und einer Emphase, die dem alltäglichen Sprachgebrauch fremd sind. Zeichen, Embleme und Sinnbilder gehören zum Dekor: Heiligenbilder und Statuen in den Kirchen, Wappen und Fahnen bei politischen Organisationen, die Torte beim Geburtstag. Ritualisierte Abläufe wie die Übergabe von Fahnen, Stadtschlüsseln oder Urkunden stellen in hoch verdichteter Form Sinn und Zweck des Anlasses wie der Institution dar. Mit der eleganten Kleidung, bisweilen ergänzt um die Insignien des Amts, betonen die Teilnehmenden die Würde des Geschehens. Der Charakter des Gediegenen und Ernsten wird zudem bestärkt durch eine entsprechende Musik und durch den Gang: Während der Feier läuft und eilt man nicht; und schon gar nicht schlendert man durch die Gegend, sondern man schreitet. Während das ausgelassene Fest die sonst gültigen gesellschaftlichen Hierarchien weitgehend negiert, man sich etwa spontan duzt, überhöht die Feier die geltende Sozialordnung, indem sie die Rangunterschiede durch Uniformen, Abzeichen und Amtsinsignien sogar noch hervorhebt. Persönlichkeit und Stellung werden nicht durch Verkleidung und Maske aufgelöst, sondern betont. Der feierliche Anlass hebt den Alltag nicht auf, sondern schreibt ihm Sinn zu und rechtfertigt ihn als bedeutsam und wertvoll.

Befreiung und Aufruhr …
In manchen Epochen und Gesellschaften wurden und werden bestimmte Feste verboten, weil die Obrigkeit und die Mächtigen sich vor ihnen fürchten. Denn Feste feiern entwickelt bisweilen eine befreiende Kraft, die zu Aufruhr und Revolte, gar zu Revolutionen führen kann. Manche Feste dienen der Aufhebung gesellschaftlicher Hierarchien, drehen diese wie die frühe Fasnacht geradezu um. Sie wirken als Kritik an den bestehenden Verhältnissen und evozieren das Bild einer gerechten, vollkommenen, utopischen Ordnung; sie regen die Menschen an, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und sich eine schönere und bessere Welt zu träumen. Im Gegensatz zu den oben vorgestellten Ansätzen, in denen die Trennung von Alltag und Fest als zwei unterschiedlichen Wirklichkeitsbereichen als konstitutiv für die Bedeutung des Festes gesehen wird, definiert diese Interpretation das Fest weder als Ort der Freiheit vom Alltag noch als Form der Sinngebung des Alltags, sondern als Befreiung des Alltags selbst. Der Autor und Filmer Lienhard Wawrzyn formuliert diese Ansicht so: «So ist das Fest mit offenem Ausgang eine Bedrohung eingefahrener Unterdrückungsstrukturen.» Hier legitimiert das Fest den Alltag nicht mehr, im Gegenteil: Das Fest wird zum «schlechten Gewissen» des gesellschaftlichen Alltags mit all seinen Ungerechtigkeiten und fordert die Verwirklichung einer heileren, idealeren Gesellschaft.

… oder Stabilisierung der Herrschaft?
Eine vierte Sichtweise übernimmt diesen Gedanken der gesellschaftlichen Macht des Fests, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Das Fest erscheint hier als Herrschaftsinstrument der politisch und ökonomisch Mächtigen, als bewusst eingesetztes Ventil zum Abbau von gesellschaftlichem Druck und politischer Unzufriedenheit, als manipulatives Sedativum für die Massen und als konsumorientiertes Spektakel, das als blosses Überbauphänomen an den ökonomischen Alltag angeschmiedet bleibt und keine neuen Erfahrungsräume öffnet oder befreiende Erlebnisse zulässt. Bisweilen resultiert aus dieser Sichtweise die radikale Forderung, entweder das Fest als Institution der Disziplinierung und Unterdrückung gänzlich abzuschaffen oder es – im Sinn der Minimierung von Herrschaft – zu dem umzugestalten, was es früher einmal gewesen sein soll: zu einem Ort freier Selbstbestimmung und Bedürfnisverwirklichung. Überblickt man die verschiedenen Erklärungen, was Feste für eine Gesellschaft bedeuten, unter dem Gesichtspunkt, auf welche konkreten Anlässe sie sich berufen, macht man die Beobachtung, dass sich jede Theorie spezifische Feste herausgreift, um an diesen den «wahren» Sinn zu demonstrieren. Ethnologen beschreiben die ekstatischen Feste exotischer Kulturen, Theologen sinnieren über religiöse Feiern, Soziologinnen debattieren das Befreiungspotenzial politischer Manifestationen, Historikerinnen sezieren die manipulierende Kraft von Hoffesten oder totalitären Festinszenierungen. Als reine Formen sind die beschriebenen Modelle in der Realität jedoch nur im Grenzfall zu finden. Festliche und feierliche Momente gehen an vielen Festen auf unterschiedlichste Art und Weise ineinander über, befreiende und begrenzende Elemente liegen oft dicht beieinander. Je nachdem sind die einen oder anderen Elemente wichtiger, und häufig sind verschiedene Erklärungsansätze für das gleiche Fest möglich. Grenze und Entgrenzung, Zwang und Anarchie, Ordnung und Chaos sind Gegensatzpaare, von denen das Fest lebt. Komplexe Anlässe, wie in der Schweiz etwa die grossen eidgenössischen Feste der Verbände mit Zehntausenden von Teilnehmenden, stellen mehrschichtige Gebilde dar, die aus einem Wettkampfteil, den offiziellen Feierlichkeiten und einem Unterhaltungsteil bestehen. Zum Eindruck des Gesamterlebnisses tragen massgeblich die Fülle und die Verschiedenartigkeit der Festelemente bei. Entscheidend ist, dass diese Elemente verschiedene Grundbefindlichkeiten ansprechen: feierlich-sakrale und ergreifende in den zeremoniellen Teilen (Festakt, Fahnenübergabe, Ansprache), auf Spannung und Selbstdarstellung ausgerichtete im Wettkampfteil und schliesslich Ausgelassenheit, Vitalität und Geselligkeit im Unterhaltungsteil.

Das Leben als Dauerfestival
Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde in der Forschung häufig die Meinung vertreten, die moderne, rationale, ökonomisch denkende, zunehmend säkularisierte und individualisierte Gesellschaft verliere die Fähigkeit der festlichen Ausgelassenheit. Sie ersetze diese durch fortwährenden Konsum, alltägliche Freizeit und individuell genutzte Ferien, wobei die kollektiven Sinngebungs- und Entlastungsmomente verschwinden würden. Heute kritisieren viele umgekehrt einen unaufhörlichen Festrummel und kommentieren sorgenvoll die Einstellung vor allem von Jugendlichen, die das Leben angeblich als eine einzige, endlose Party wahrnehmen. Die Rhythmisierung von entbehrungsreichem Alltag und ausgelassenem Fest, von Sparsamkeit und Verschwendung ist in der Tat weitgehend verschwunden. Feste sind in das ökonomische System integriert und unterliegen den gleichen Regeln wie der Alltag, der seinerseits nicht mehr von Kargheit und Verzicht geprägt ist. Die Gesellschaft hat aber nicht die Fähigkeit zu feiern verloren, sondern neue Akzente gesetzt: Sie hat wirtschaftliche Anreize, Konsumlust und die Suche (auch nach transzendenten) Erlebnissen und Grenzerfahrungen zusammengeführt zu einer dichten Agenda von Festivals und Events. Merkmal dieser Entwicklung ist, dass selbst ein banaler Vorgang wie die Eröffnung einer Autowaschanlage zum Hype und Erlebnis stilisiert wird. Festzustellen ist eine zunehmende Bedeutung von Festivals und Events aller Art auch in der Kulturpolitik von Städten und Regionen; ein Zeichen dafür, dass in der postindustriellen Freizeitgesellschaft festliche Anlässe zu einem wesentlichen Standortfaktor geworden sind. Eine beliebig ausgedehnte Festival- und Eventkultur steht allerdings in keinem wirklichen Kontrast zu den anderen Lebenssphären mehr und wirkt damit auch nicht auf weitere Sinnebenen ein. Für die Menschen in traditionellen Gesellschaften stellte das Fest den denkbar grössten Kontrast zum Alltag dar – eine Umkehrung oder Aufhebung der normalen Ordnung und des gewohnten Rhythmus. Die Geschichte des Fests kennzeichnet dieses als das Besondere. Wird die Eventkultur so umfassend, mächtig und pausenlos, dass sie nicht mehr einen Ausnahmezustand markiert, sondern als Bestandteil des täglichen Lebens der meisten Menschen erscheint, stellt sich die Frage, ob die wesentlichen Funktionen der Sinngebung wie des Abschaltens, des Entfliehens wie des Eintauchens, der Ekstase wie der Kontemplation noch erfüllt werden können. Das Warenhaus, hat der Kultursoziologe Wolfgang Lipp kritisch festgehalten, sei «zum Dauerfestival des kleinen Mannes» geworden (längst nicht nur des kleinen Mannes, müsste man – politisch korrekt – hinzufügen). Ein Dauerfestival aber ist nichts anderes als die Auflösung des Fests, der Verlust seiner Bedeutung und die Rückkehr des Alltags.

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