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Universität Basel

Tradition und Moderne im Anatomischen Museum

Magdalena Müller-Gerbl

Das Anatomische Museum Basel ist eines der ältesten Fachmuseen zur Anatomie des Menschen und geniesst mit seinen historischen und modernen Exponaten internationale Anerkennung – bei Fachleuten wie beim Publikum. Wertvolle, einzigartige anatomische Präparate aus der Frühzeit der modernen Naturwissenschaften haben sich bis in die Gegenwart erhalten.

Bis ins 19. Jahrhundert haben die Anatomen mit ihren Sammlungen wichtige Beiträge zur Förderung der medizinischen Wissenschaft geleistet. Ihre Präparate waren gleichermassen wertvolle Lehr- und Forschungsmittel, und ihre Kollektionen wurden zu wichtigen Einrichtungen des Erkenntnisgewinns. Die Sammlungsstücke sind nicht nur bedeutsame Zeitzeugen der medizin- und naturhistorischen Entwicklung. Sie gehören, wie es der deutsche Medizinhistoriker Thomas Schnalke treffend formulierte, auch «zu den Urobjekten medizinischen Dokumentierens und den daraus abgeleiteten Praktiken wissenschaftlichen Beobachtens, Nachdenkens, Streitens und Veröffentlichens» und sind damit «Publikationsorgane eigener Güte und Qualität».

Eine Reise unter die Haut
Das Anatomische Museum Basel, ein offizielles Museum der Universität, öffnet als Einrichtung der Medizinischen Fakultät ein Fenster in die Medizin. Als öffentliches Museum veranschaulicht es mit seinen zahlreichen Exponaten den Bau des menschlichen Körpers. In einer Zeit wachsenden Gesundheitsbewusstseins dient es damit der sachlichen Information für alle Interessierten. Neben der Dauerausstellung, die sozusagen eine Reise unter die Haut und zurück ins Leben unternimmt, bietet es jeweils Sonderausstellungen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kliniken oder anderen Einrichtungen der Universität an. Die wechselnden Sonderausstellungen verschaffen in verständlicher Form erweiterte Informationen zu speziellen Themen des Körpers. Dabei stellen sie neben neuesten Erkenntnissen zur Struktur und zur Funktion verschiedener Organe und Organsysteme – zum Beispiel Gesicht, Gehirn und Rücken – auch Entwicklungen in Diagnostik und Therapie zu bestimmten Erkrankungen vor. An öffentlichen Führungen durch Fachpersonen kann sich das Publikum auch direkt und aus erster Hand informieren. Daneben bietet das Museum Workshops für Kinder und Jugendliche an. Zudem dient das Anatomische Museum als umfangreiche Lehrsammlung, die – nach Organsystemen gegliedert – der Aus- und Weiterbildung sowohl von Medizinstudierenden als auch von medizinischem Personal dient.

Vesalius und die Anfänge
Die Entstehung des Museums und seine weitere Entwicklung sind eng mit der Geschichte der Medizinischen Fakultät der Universität Basel und des Fachs Anatomie verbunden. Ein Meilenstein in der Geschichte der Anatomischen Sammlung war der Aufenthalt des flämischen Anatomen Andreas Vesalius (1514–1564) in Basel. Wegen der hier blühenden Buchdruckerkunst kamen im 16. Jahrhundert viele ausländische Gelehrte in die Stadt, so auch Vesalius, der als eigentlicher Begründer der modernen Anatomie gilt. Durch seine Arbeiten an der menschlichen Leiche hatte er sich von der antiken Anatomie gelöst und den menschlichen Körper genau und umfassend studiert. Diese Erkenntnisse bildeten die Grundlage seines epochalen Werks «De humani corporis fabrica», das er 1543 in Basel beim bekannten Verleger und Drucker Johannes Oporinus drucken liess. Ein Originalexemplar wird in der Ausstellung präsentiert. Um den Druck seines Werks überwachen zu können, verweilte Vesalius längere Zeit in Basel. Am 12. Mai 1543 veranstaltete er eine öffentliche Anatomie, also eine anatomische Zergliederung an der Leiche eines hingerichteten Verbrechers. Diese Sektion dauerte mehrere Tage. Danach fügte Vesalius mithilfe des Chirurgen Franz Jeckelmann die Knochen wieder mit Drähten zusammen und schenkte dieses Präparat der Universität. Dieses Skelett gilt heute als das älteste Anatomiepräparat der Welt, ist heute noch erhalten und im Anatomischen Museum ausgestellt. Für die weitere Entwicklung der Medizinischen Fakultät sorgte Felix Platter (1536–1614), der 1571 Professor für praktische Medizin und Stadtarzt wurde. Er fertigte mehrere Skelette an, die er ebenfalls der Universität vermachte. Leider wurden diese Skelettpräparate während der Zeit der Französischen Revolution beschädigt und Teile davon sogar entwendet. Die verbliebenen Stücke sind im Anatomischen Museum ausgestellt; sie zählen weltweit zu den wertvollsten Anatomiepräparaten überhaupt. Seit 1570 gab es in Basel öffentliche Anatomien, für die von jedem Zuschauer ein Eintrittsgeld verlangt wurde. Ab dem 18. Jahrhundert wurden dann keine öffentlichen Sektionen mehr durchgeführt, die Anatomie zog sich hinter ihre Mauern zurück. 1822 kam Karl Gustav Jung (1794–1864) als Professor der Chirurgie, Anatomie und Endbindungskunst nach Basel. Zwei Jahre nach seiner Ankunft erhielt er vom städtischen Rat unter anderem einen Kredit und die Genehmigung zur Gründung eines Anatomischen Kabinetts, des Vorläufers des heutigen Anatomischen Museums, im Unteren Collegium am Rheinsprung. Unter der Leitung Jungs wurde hier eine Vielfalt von Präparaten und Wachsmodellen hergestellt. Wenige Jahre später entwickelte sich das Anatomische Kabinett zu einem eigentlichen Museum, das schon zu jener Zeit dem Publikum an Sonntagen zur Besichtigung offen stand. Im Jahresbericht der Universität anno 1844 steht über die Besucherfrequenz des Kabinetts folgender Eintrag: «(…) und nur mit Mühe konnten die Schaulustigen während der Zeit, in der die Anstalt geschlossen war, zurückgehalten werden.» Das Anatomische Museum besitzt noch heute wertvolle Wachsmodelle aus der Zeit um 1850, darunter solche zur Darstellung der Hals-Kopf-Nerven, ein Wachsmodell der vegetativen Nervenversorgung der inneren Organe und ein stark vergrössertes Modell eines Ohrs. Auch die Nachfolger Jungs schätzten den Wert des Museums, sie führten neue Präparationsmethoden ein und erweiterten die Sammlung laufend. Wilhelm His (1831–1904), ab 1857 Professor für Anatomie und Physiologie, leistete mit seinen grundlegenden Arbeiten auf dem Gebiet der Embryologie einen wesentlichen Beitrag für das Verständnis der vorgeburtlichen Gestaltbildung und Funktionsentwicklung. Viele wertvolle Wachsmodelle von Embryonen der verschiedenen Entwicklungsstufen sind im Museum noch heute vorhanden, ebenso auch einige Instrumente und Geräte zur Herstellung der Wachsplattenrekonstruktionen. His entwickelte ein Verfahren, um Schnittserien für die plastische Rekonstruktion ganzer Embryonen mit allen Einzelheiten anzufertigen.

Vergrösserungen und Umzüge
Da die räumliche Enge immer drückender wurde und eine Vergrösserung des Unteren Collegiums am Rheinsprung nicht mehr möglich war, blieb nur noch eine Verlegung der Anatomie. 1885 bis 1921 wurde die Anatomische Anstalt gemeinsam mit dem Physiologischen Institut im Vesalianum zwischen dem Petersplatz und der Spalenvorstadt untergebracht. Die Anatomische Sammlung war teilweise im Untergeschoss und teilweise im Erdgeschoss beheimatet. Schon bald herrschte aber auch hier Platzmangel. Unter Prof. Hanson Kelly Corning (1860–1951) kam es zur Verwirklichung eines eigenen Neubaus für die Anatomie an der Pestalozzistrasse, der 1921 eröffnet wurde. Mit dem Umzug in das neue Institut folgte Corning einem in österreichischen Anatomien durchgeführten Prinzip, das zwei Arten von Sammlungen voneinander unterschied: eine «Schausammlung», die an Sonntagen für das Publikum geöffnet ist, und eine «Handsammlung», deren Präparate in erster Linie für die Demonstrationen in Vorlesungen und Kursen bestimmt sind. Das Anatomische Museum war zunächst eher eine Art Archiv, so wurde eine Vielzahl von Präparaten in der früher bekannten Art aufbewahrt. Diese Präsentationsart blieb bis 1978 unverändert: Die wertvollsten Exponate wurden inmitten weniger interessanter Präparate gezeigt. 1980 haben die Museumsverantwortlichen einige Ausstellungsteile neu konzipiert, indem sie einzelne historische Exponate und Präparate des Bewegungsapparats in neuer Art und Weise präsentierten. 1985 fand eine zweite Eröffnung des Museums statt, nachdem die Präparate der inneren Organe, des Nervensystems und der Embryologie systematisch geordnet worden waren. Dabei erfolgte die Aufbereitung nach modernen musealen und didaktischen Erkenntnissen. Die didaktische Präsentation war eines der wichtigsten Ziele bei der Neugestaltung. Dazu gehörten neben neuen Museumsvitrinen und Ausstellungswänden eine systematische Anordnung und aussagekräftige Präparate, die mit modernen Techniken hergestellt wurden. Wichtig waren neben einer verständlichen und einheitlichen Beschriftung auch zusätzliche Legenden, Zeichnungen, Fotografien, Röntgenbilder und anderes mehr, was die Aussagekraft der Exponate beträchtlich steigerte. Dank dem neuen musealen Konzept, modernen Montagetechniken und dem Mut zu Farbe und Auflockerung ist der oft genannte «Gruseleffekt» der Anatomischen Sammlung in den Hintergrund gedrängt worden. Dies ist sicher auch einer der Gründe, dass heute zunehmend mehr Schulklassen das Museum besuchen, um hier den Biologieunterricht zu vertiefen. 1995 wurde das renovierte Museum im neuen Lehrtrakt des Anatomischen Instituts feierlich eröffnet und der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht; es hat damit im Wesentlichen seine heutige Form erhalten. Präsentiert werden vor allem Originalpräparate von menschlichen Körperbereichen, Organen und Geweben, die systematisch und topografisch geordnet sind, sowie die vorgeburtliche Entwicklung des Menschen. Ergänzt wird das Museum durch wertvolle historische Exponate, etwa durch wichtige Zeitzeugnisse der medizinischen Ausbildung; es dokumentiert weiter auch den Wandel der Modellherstellung und gibt einen historischen Überblick zur Präparationstechnik.

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