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Universität Basel

Spital und Pflege: Sammlungen im Dornröschenschlaf

Sabine Braunschweig

Aufbewahrung ist der erste Schritt zu einer Sammlung, die für Forschung und Lehre nutzbar gemacht werden kann. An den in Basel bestehenden Spital- und Pflegesammlungen fehlte bisher weitgehend das wissenschaftliche Interesse – obwohl angehende Medizinerinnen und Pflegewissenschaftler hier die Chance hätten, ihren Blick für inhaltliche und soziale Entwicklungen und Veränderungen ihres Berufsfelds zu schärfen.

Eiserne Lunge
Eiserne Lunge aus der Sammlung des Universitätsspitals Basel: Immer wieder war das Kinderspital mit Epidemien wie Scharlach, Masern oder Grippe konfrontiert. Schwerwiegend waren mehrere Wellen von Kinderlähmung, der Poliomyelitis. Wie in früheren Jahren trat auch 1956 eine Häufung von Kinderlähmung auf: Von 124 Kindern, die mit Polio ins Kinderspital kamen, litten zwölf an schweren, lebensbedrohenden Atmungslähmungen. Zu den eigenen Atmungsapparaten lieh sich das Kinderspital aus dem Bürgerspital diese eiserne Lunge aus. Ein Team von Schwestern und Ärzten hatte in Kopenhagen eine Weiterbildung zur Frühbehandlung der Poliomyelitis besucht. © Büro für Sozialgeschichte, Basel

Spitäler sind zwar eigenständige Institutionen, haben aber jeweils eine enge Verbindung zur Universität. So dienen Spitalabteilungen als unverzichtbare Praktikumsorte für angehende Medizinerinnen und Mediziner, und Chefärzte und Chefärztinnen des Universitätsspitals Basel haben gleichzeitig einen Lehrstuhl an der Medizinischen Fakultät der Universität inne. Hier kann zudem seit dem Jahr 2000 das Fach Pflegewissenschaft studiert werden.

Drei kaum bekannte Sammlungen
Wohl in allen Spitälern lagern irgendwo alte Geräte, Instrumente und Maschinen, die man noch nicht entsorgen konnte oder wollte. Doch Objekte, die im Spital- und Pflegealltag nicht mehr benutzt und in Abstellräumen deponiert werden, machen noch keine wissenschaftliche Sammlung aus. Drei grössere Sammlungen sind in Basel Interessierten zwar teilweise zugänglich, aber kaum bekannt. – In den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) ist im Keller eines Wohnhauses im hinteren Teil des Klinikareals seit bald 20 Jahren die «Historische Sammlung» untergebracht. Sie thematisiert die Psychiatriegeschichte entlang der Epochen der Klinikdirektoren seit Eröffnung der Irrenanstalt Friedmatt im Jahr 1886 und steht dem Publikum auf Anfrage offen. Die originalen Gegenstände vermitteln eine Fülle von Informationen und geben zusammen mit den Beschreibungen und Fotos aufschlussreiche Einblicke in den psychiatrischen Klinikalltag vor allem des letzten Jahrhunderts. – Das Universitätsspital Basel (USB) besitzt eine Sammlung, die heute staubgeschützt und in Umzugskartons verpackt in einem Untergeschoss lagert. Vor vielen Jahren wurde sie im Markgräflerhof an der Hebelstrasse präsentiert, musste dann wegen Raumbedarfs ins alte Frauenspital gezügelt werden und kam bei dessen Abbruch an den jetzigen Ort. Mitarbeiter der Abteilung Infrastruktur des Spitals retteten die Sammlung vor der Mulde und kümmern sich heute um ihre Aufbewahrung. Die Maschinen, Instrumente und Kleinmöbel stammen zum grössten Teil aus dem 20. Jahrhundert, und zwar aus den Bereichen Diagnostik, Therapie, Pflege und dem allgemeinen Spitalbetrieb. Was künftig mit der Sammlung geschehen soll, wird zurzeit abgeklärt. Zu den Glanzstücken dieser Sammlung gehören die Bestandteile einer Röntgenanlage aus der Anfangszeit der Radiologie. Der in Basel ansässige Mechaniker Friedrich Klingelfuss (1859–1932) leistete als Autodidakt in seiner Werkstatt am Petersgraben bahnbrechende Arbeit auf dem Gebiet der Elektrotechnik für Anwendungen in der Medizin. Seine Funkeninduktoren für Röntgenstrahlen waren weltweit gefragt. 1910 erhielt er für seine Entwicklungen die Ehrendoktorwürde der Universität Basel. – Die dritte Sammlung stammt vor allem aus dem Universitäts- Kinderspital beider Basel (UKBB) und seiner ehemaligen Schwesternschule sowie vereinzelt aus andern Basler Pflegeschulen. Ihr Schwerpunkt liegt im Bereich der Pflege, was in der schweizerischen Sammlungs- und Museumslandschaft thematisch einzigartig ist. Die etwa 1000 Objekte aus der Säuglings-, Kinderkranken- und Wochenpflege, der allgemeinen Krankenpflege sowie der Pflegeausbildung lagern derzeit an einem provisorischen Standort. Dieser ist aber für die weitere Inventarisierung und die wissenschaftliche Erforschung ungeeignet. Zur Sicherung dieser Pflegesammlung besteht dringender Handlungsbedarf.

Quelle für Forschung
Die ehemalige Kinderkrankenschwester und Berufsschullehrerin Verena Kuhfuss begann in den 1960er-Jahren, wegen des Wandels vom Mehrweg- zum Einwegmaterial ausgediente Instrumente und Pflegeutensilien zu sammeln. Faszination an pflegetechnischem Know-how, das verloren zu gehen drohte, und Freude an schön gestalteten und verzierten Objekten spielten bei ihrer Sammeltätigkeit eine Rolle. Im Unterricht zur Geschichte der Säuglings- und Kinderkrankenpflege konnte Verena Kuhfuss anhand von altem Gebrauchsmaterial die Veränderungen in der Pflegearbeit und den Einfluss auf die Arbeitsbedingungen zeigen. So gehörte es etwa früher zu den Aufgaben von Krankenschwestern, zerrissene Gummihandschuhe zu flicken sowie Glasspritzen auszuwaschen und zu sterilisieren. Mit dem Aufkommen von Einmalgebrauchsmaterial fielen nicht nur solche hauswirtschaftlichen Verrichtungen weg, sondern es verschwand auch das Bewusstsein, den Materialien Sorge zu tragen. Erst in den letzten Jahren haben wieder ökologische Fragen im Spitalbetrieb Eingang gefunden. Die Pflegesammlung bewahrt für eine ganze Epoche die praktische Tätigkeit eines wichtigen Berufs im Gesundheitswesen und bietet sich als reichhaltige Quelle für die wissenschaftliche Forschung an. Der Bestand gewinnt bedeutend an Wert durch die zahlreichen Bilddokumente aus dem Pflegealltag und der Ausbildung sowie durch die aufgezeichneten Gespräche mit pensionierten und inzwischen verstorbenen Pflegepersonen. Wie sich Objekte, Abbildungen und Interviewausschnitte zu einer publikumswirksamen Schau verbinden liessen, konnte in der Ausstellung «wohl & weh. Vom Kinderspitäli zum UKBB» im Frühjahr 2011 in der Poliklinik des alten Kinderspitals am Rhein gezeigt werden.

Zukunftsperspektive
Heute befasst sich der «Verein Basler Spitalgeschichte» mit der Frage der adäquaten Aufbewahrung und Erschliessung der Basler Spital- und Pflegesammlungen. Gemeinsam mit den Instituten für Medizingeschichte der Universitäten Bern, Lausanne und Zürich ist es sein Anliegen, dass diese Bestände für die Medizin-, Pflege- und Sozialgeschichte fruchtbar gemacht und in den Studiengängen von Geschichte, Medizin und Pflegewissenschaft eingesetzt werden. Derzeit wird auf einer gesamtschweizerischen Ebene nach finanziell tragbaren Lösungen für die Aufbewahrung solcher Sammlungen gesucht, die grundsätzlich gebührende Beachtung verdienen. Über Jahrzehnte gewachsen, dokumentieren sie nicht nur die Modernisierung des Gesundheitswesens, sondern auch die interne Entwicklung der Institutionen und das Bedürfnis der beteiligten Mitarbeitenden, den erlebten Wandel ihres Umfelds zu veranschaulichen und begreifbar zu machen.

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