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Universität Basel

Speicher und Schatzkammern des Wissens

Barbara Orland

Ein im 19. Jahrhundert aufgekommenes Vorurteil besagt, Geisteswissenschaftler seien historisch interessierte Menschen, Naturwissenschaftler dagegen zukunftsorientierte Empiriker. Geschichte würden sie höchstens für Jubiläen und Lebensbeschreibungen gebrauchen. Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte lehrt anderes. Sammeln, Konservieren und Archivieren sind für alle Disziplinen wichtig.

Wissenschaftler sammeln alles, was sie für ihr Studium der Natur benötigen: Pflanzen und Körperpräparate, Bücher und Bilder, Daten und Instrumente. Speicher und Schatzkammern des Wissens sind mit Worten und Dingen angefüllt. Die besondere Eigenart der Dinge besteht darin, dass sie als dreidimensionale Objekte ein Eigenleben entwickeln. Einmal in die Welt gesetzt, verändern sie ihre Bedeutung, wandern von Ort zu Ort und befriedigen verschiedenste Interessen.

Archivare und Stifter
Nicht nur Fächer wie Meteorologie und Astronomie, die auf überzeitliche Daten angewiesen sind, benötigen ein Gedächtnis. Manche Disziplinen wie die Geologie oder die biologische Evolutionstheorie verdanken ihre Herkunft überhaupt dem Sammeln historischer Objekte: den Fossilien. Andere – wie Botanik, Zoologie, Mineralogie und Anatomie – sind damit beschäftigt, möglichst aussagekräftige Exemplare einzelner Gattungen zu archivieren. Denn Stabilität ist Voraussetzung für standardisierte Taxonomien, Nomenklaturen, aber auch Krankheitsdefinitionen. Selbst älteste Herbarien sind von unschätzbarem Wert für die Forschung. Und alle Wissenschaften greifen auf Überliefertes zurück, wenn anormale Erscheinungen nach einer Erklärung verlangen. Mag auch das Gedächtnis der Disziplinen verschieden ausgeprägt sein, es gibt nicht nur Feierabendhistoriker unter Naturwissenschaftlern. Wissenschaftliche Sammlungen wie die im 18. Jahrhundert errichtete Senckenberg-Stiftung in Frankfurt belegen zudem, dass das Zusammentragen von Papieren, Instrumenten, Gebäuden und Labors schon zu Lebzeiten als Projekt für die Zukunft betrieben wurde. Der kinderlose Stadtphysicus und Naturforscher Johann Christian Senckenberg verfügte im «Haupt-Stiftungs-Brief» von 1763, sein Besitz solle zum Wohl des Frankfurter Gesundheitswesens und zur Förderung der medizinischen Wissenschaft eingesetzt werden. Im zum Stiftungsgebäude umgewidmeten Wohnhaus mit Bibliothek und Sammlungen wurde ein Collegium medicum installiert – um die Frankfurter Ärzteschaft zu mehr Zusammenarbeit zu bewegen und der «Wissenschaft einen Tempel» zu schaffen.

Wissenschaft für den Fortschritt
Im 19. Jahrhundert traten Stifter und Werk zunehmend auseinander. Die Anonymisierung des Sammlungswesens spiegelt den Wandel der Wissenschaften. Das Studium diente immer weniger einem ästhetischen, aufklärerischen und philosophischen Genuss der «Einheit der Natur». Die in Einzeldisziplinen aufgeteilte Naturwissenschaft und Technik wurde vielmehr als Motor für den Fortschritt angesehen. Seit der ersten Weltausstellung 1851 in London sollten die Panoramaschauen zeigen, dass der freie Handel auch die Wissenschaften erfasst hatte. «Schauet auf die Werke (...) der zivilisierten Welt!», so überschlug sich förmlich der deutsche Industrielle Friedrich Harkort. «Er hat in London einen Kristallpalast erbaut, grösser als die Wohnung eines Königs auf Erden. Nicht mit Raub ist der lichte Raum erfüllt, sondern mit den herrlichsten Schätzen des Gewerbefleisses und der Künste, den Trophäen der Zivilisation.» Die Sehnsucht nach Spitzenleistungen veränderte das Bild des Wissenschaftlers ebenso. Geniekult griff um sich, bürgerliche Symbole wurden in die eigene Geschichtsbetrachtung integriert. Viele Wissenschaftler begannen, sich selbst durch Objekte zu verewigen. So liess sich der deutsche Bakteriologe und Diphtherieforscher Emil von Behring nach dem Vorbild des Mausoleums von Louis Pasteur schon zu Lebzeiten eine Grabstätte gestalten. Aus Ehrerbietung wurden Privatwohnungen und Labors mitsamt Interieur und Apparaturen zum Museum umgewandelt. Noch 1953 bestückte das Deutsche Museum in München mit dem Einverständnis von Otto Hahn einen groben Holztisch mit Instrumenten, die er angeblich für die Arbeiten zur Uranspaltung gebraucht haben soll. 40 Jahre lang wurde das Exponat mit dem Titel «Der Arbeitstisch von Otto Hahn» einem gutgläubigen Publikum vorgeführt, bis die Geschichtsklitterung nach Protesten beseitigt wurde. Meistens jedoch verschwanden die über Jahre hinweg als Lehr- und Forschungsmittel in Labor und Hörsaal eingesetzten Gegenstände nach dem Ableben der Besitzer in Schränken und Kellern, wurden zerstört und weggeworfen. Oder aber die Erben und Institutsvorsteher verschenkten die Sammlungen der Verstorbenen an die Universitäten und an die seit Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend gegründeten naturhistorischen Museen. Spätestens hier wurden die aus ihrem ursprünglichen Nutzungskontext genommenen Sammlungen zur inszenierten Natur und Naturforschung.

Vom wertlosen zum musealen Objekt
Paris war wie so oft das Vorbild. Die durch die Französische Revolution bewirkte Neuorganisation der wissenschaftlichen Institutionen hatte die königlichen Gärten, Naturalienkabinette und Menagerien im Muséum national d’histoire naturelle zusammengeführt und eine Forschungsstätte angegliedert. Im Nationenwettkampf wollten die europäischen Nachbarn nicht nachstehen. Ehemals private wissenschaftliche Sammlungen wandelten sich zu öffentlich begehbaren Stätten der Populärwissenschaft und der bildungsbürgerlichen Erbauung. Die Objekte in den Museen waren nun abhängig von der Vorstellung, die Lehrer, Amateurwissenschaftler und Museumskuratoren von der Geschichte haben. Die Musealisierung hatte noch eine weitere Wirkung, die besonders bei wissenschaftlichen Instrumenten von Nachteil sein konnte. Im Museum müssen Exponate nach ästhetischen Gesichtspunkten und nur noch in zweiter Hinsicht nach ihrer Funktionsweise oder Bedeutung im Experiment beurteilt werden. Ausserdem müssen die «hochgespannten Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft herabtransformiert werden auf eine Form, dass sie dem Volke und der Jugend zugänglich werden», wie es ein Gründungsmitglied des Leipziger Naturkundlichen Heimatmuseums 1913 formulierte. Gerade naturhistorische und technische Museen verstehen sich als Werkstätten populären Wissens. Alle Dinge, die dort hineingeraten, werden zu ästhetischen Attraktionen und handwerklichen Kunstobjekten verwandelt, mit musealen Modellen, Lichteffekten und szenischer Dramatik ergänzt. Man kann nicht unterstellen, dass Museumsmacher fachwissenschaftliche Standards ignorieren, doch in einer Schausammlung herrschen andere Gesetze der Repräsentation.

Handwerk und Ästhetik, Konkurrenz und Kommerz
Die öffentliche Wissenspräsentation rückt schliesslich die ökonomische Dimension des Sammelns in den Vordergrund. Geld spielte schon beim Aufbau von Sammlungen eine Rolle. Der Fossilienhandel ebenso wie die in rassebiologischen Forschungen verwendeten menschlichen Skelette brachten Sammlern und Grabräubern bares Geld. Oft erzeugten Forscher Präparate zum Zweck des Verkaufs. Die zoologische Station in Neapel finanzierte sich zum Beispiel teilweise über die Herstellung von in Spiritus konservierten Meerespflanzen, die an pflanzenphysiologische Labors versandt wurden. Vor allem aber entschied der Wert der Objekte darüber, was als aufbewahrungswürdig erachtet wurde und was nicht. Die filigranen Injektionen von Geweben und Gefässen, die der Berliner Arzt und Anatom Johann Nathanael Lieberkühn im 18. Jahrhundert mit gefärbtem Wachs und anderen Stoffen für mikroskopische Untersuchungen anfertigte, waren so kunstvoll, dass sie in aller Herren Länder verkauft wurden. Nach seinem frühen Tod im Jahre 1756 erreichten sie astronomische Summen. Die russische Zarin Katharina II. gab 7000 Rubel für ein «Präparate-Cabinet» aus. Der grössere Teil aber ging in den Besitz des Helmstädter Chemikers Gottfried Christoph Beireis über, der als Mäzen auch über ein Exemplar der berühmten mechanischen Ente des französischen Erfinders Jacques de Vaucanson verfügte; dieser Automat bestand aus mehr als 400 beweglichen Einzelteilen, konnte mit den Flügeln flattern, schnattern und Wasser trinken. Nach dem Tod Beireis’ verscherbelten die Erben die grosse Sammlung. Die medizinischen Teile wurden an mehrere anatomische Museen verkauft. Einiges fand auf diesem Wege wieder zurück nach Berlin.

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