x
Loading
+ -

Universität Basel

Basler Kunstsammlungen und ihre Geschichte

Axel Gampp

Die Geschichte des Sammelns wird in verschiedene Phasen unterteilt. Basel stellt kulturgeschichtlich ein einzigartiges Phänomen dar, weil die Sammlungen der Stadt zu jeder Phase einen prominenten eigenen Beitrag bereithalten.

Sammeln muss eine anthropologische Grundhaltung sein. Schliesslich war der Homo sapiens zunächst nicht nur Jäger, sondern auch Sammler, und zwar lange bevor er sesshaft wurde. Das Sammeln der Frühzeit dürfte vornehmlich dem Überlebenskampf geschuldet sein. Aber frühe Zeugnisse menschlichen Lebens deuten darauf hin, dass nicht alles nur auf diesen Zweck ausgerichtet war.

Die Antike kannte Sammlungen um des reinen Anhäufens gleicher oder besonders kostbarer Gegenstände willen. «Eikones», das berühmte Werk des Philostrat aus dem 2./3. Jahrhundert n. Chr., das einem Nationalen Forschungsschwerpunkt an der Universität Basel den Namen gegeben hat, ist im Grund nichts anderes als die Beschreibung einer privaten Bildergalerie. Ein weiterer Hinweis kann mit Blick auf die Region gegeben werden: Der spätrömische Silberschatz von Kaiseraugst mit seinen wunderbaren Gefässen und Platten wird kaum zur täglichen Nutzung vorgesehen gewesen sein, sondern war doch eher als Prunk- und Schau- und damit als Sammelobjekt gedacht.

Von Kunst- und Wunderkammern

In christlicher Zeit übernahmen die Kirchen eine führende Rolle im Sammelwesen. Natürlich interessierte vor allem, was dem christlichen Kult diente. Der Basler Münsterschatz legt davon sprechend Zeugnis ab. Doch bald kamen auch Objekte in die Sammlungen, die vermehrt ihres kuriosen Charakters wegen interessierten. Im Basler Münsterschatz findet sich davon nichts, sieht man einmal von der Verwendung einer antiken Medusen-Kamee in der «Goldenen König-David- Figur» ab. Andernorts aber gab es mehr zu bewundern: etwa Stosszähne wie jener berühmte «Olifant», ein Signalhorn aus Elfenbein, das sich ehedem im Kloster Muri befand und heute im Wiener Kunsthistorischen Museum zu sehen ist.

Als im ausgehenden Mittelalter die Fürsten nicht nur ihre Macht, sondern auch ihre Residenzen ausbauten, bildeten sie ihre Sammlungen nach dem Vorbild der kirchlichen – allerdings mit umgekehrter Gewichtung: Die kuriosen Objekte traten in den Vordergrund, sakrale hingegen wurden stetig zurückgedrängt und allenfalls wegen eines besonderen Interesses an einem bestimmten Objekt berücksichtigt. Viel entscheidender wurde nun der Unterschied zwischen den Naturalia und den Artificialia, also zwischen den von der Natur und den von Menschenhand geschaffenen Stücken.

Diese Einteilung hat auch eine bekannte Basler Sammlung geprägt: das Amerbach-Kabinett. Aufbauend auf dem Nachlass des Erasmus von Rotterdam, haben vier Generationen der Familie Amerbach seit dem 16. Jahrhundert die Sammlung kontinuierlich auf- und ausgebaut. Kunstwerke wie auch Merkwürdigkeiten aus dem Reich der Natur gaben sich hier ein munteres gemeinsames Stelldichein, an das die neue Dauerausstellung im Historischen Museum Basel anknüpft.

Dort sind im zentralen Kabinett zwar nicht nur Stücke aus dem Amerbach-Kabinett zu sehen, sondern auch aus andern frühen Sammlungen der Stadt. Aber die Einteilung entspricht noch jener des 16. Jahrhunderts: Verschiedene Schaukästen sind den Artificialia, andere den Naturalia gewidmet. Ergänzungen bieten die Scientificia, Gegenstände zur wissenschaftlichen Erforschung wie etwa Globen, und die Antiquitates, die antiken Fundstücke, die allerdings bei Amerbach wohl den Artificialia zugeschlagen worden wären.

Ziel der damaligen Kunst- und Wunderkammern muss es gewesen sein, den gesamten Mikro- und Makrokosmos jener Zeit möglichst umfassend darzustellen, gelegentlich basierend auf einem höchst subjektiven und individuellen Zugang. Das Amerbach-Kabinett bildete den Kern der ersten öffentlichen Kunstsammlung überhaupt: 1661 wurde es auf die Empfehlung des Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein vom Rat der Stadt angekauft und der Universität übergeben.

Vom kennerschaftlichen Sammeln

Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts verloren die Kunst- und Wunderkammern mit ihrem Anspruch auf allumfassende Repräsentation an Bedeutung. Im Zug der Herausbildung des modernen Sammlers entwickelten sich Kriterien der Kennerschaft. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung vollzog sich in Paris um 1670 nach dem Bankrott des aus Köln stammenden Bankiers Eberhard Jabach. Als dessen umfassende Sammlung versteigert wurde, kaufte der Minister Ludwigs XIV., Colbert, einzig die Gemälde und Zeichnungen für den Staat an, während Skulpturen, Druckgrafiken und Kunsthandwerke zurückgewiesen wurden. Mit der Trennung der Gattungen wurden auf einmal kennerschaftliche Kriterien für das Sammeln konstitutiv.

In Basel lässt sich dieser Prozess im Fall des Markgrafen von Baden-Durlach nachzeichnen, der ab dem frühen 18. Jahrhundert im Markgräflerhof in der Hebelstrasse residierte und vom Maler und Ratsherr Johann Rudolf Huber (1668–1748) beraten wurde. Während sich in frühen Inventaren des fürstlichen Besitzes noch Gemälde und Kunsthandwerk beieinander fanden, wurden laut späteren alleine Gemälde ausgestellt. Dabei spielte ihr Inhalt ebenso eine Rolle wie ihr ästhetischer oder erotischer Genuss: Ahnenreihen und Darstellungen der eigenen Gebiete haben mit Herrschaftsanspruch zu tun, Gemälde von Holbein, Cranach, Rubens oder den Caracci hingegen dienten wohl dem Kunstcharakter. Markgraf Karl Wilhelm, ein rechter Schwerenöter auf erotischem Gebiet, liess um die Mitte des 18. Jahrhunderts hinter seinem Schlafzimmer ein Nuditätenkabinett anlegen, wo sich zahlreiche seiner Mätressen leicht bekleidet im Bild ein Stelldichein gaben – eine Kennerschaft sui generis.

Der gleiche Berater Huber dient als Vermittler zu den Privatsammlungen reicher Basler Patrizier, die in jener Zeit beträchtlich anwuchsen. Ein 1782 anonym veröffentlichter, von einem Mitglied der Basler Oberschicht, Achilles Ryhiner- Delon (1731–1788) verfasster Itinéraire alphabétique de la Ville de Bâle, de ses environs et de son canton, à l’usage des voyageurs curieux erwähnt sämtliche private Sammlungen in der Stadt. Unter ihnen ragte jene des Ratsherrn Samuel Heussler- Burckhardt (1713–1770) hervor, denn diese war als einzige kennerschaftlich angelegt. Der Sammler hatte sich bemüht, Gemälde aller wichtigen nationalen Schulen, das heisst aus den Niederlanden, Deutschland, Frankreich sowie Italien zu erhalten, wobei die italienische Schule noch zusätzlich differenziert wurde in oberitalienische, venezianische, florentinische und römische Werke. Für den Aufbau dieser Kollektion liess Heussler seine internationalen Beziehungen spielen: Ein Agent aus Venedig bot ihm eines Tages eine «Verstossung Hagars in die Wüste» des römischen Barockmalers Pietro da Cortona an, die heute im Theologischen Seminar der Universität hängt. Heussler liess sich vor dem Kauf nicht nur eine Zeichnung des Werks schicken, die im Kupferstichkabinett erhalten ist, sondern auch dessen Authentizität von mehreren venezianischen Malern attestieren.

Das Museum als zentraler Ort

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Aufbewahrung des Amerbach-Kabinetts im Haus «zur Mücke» am Münsterplatz für ungenügend erachtet. Nach der Kantonstrennung von 1832/33 gingen in Basel vor allem private Förderer daran, die finanzielle Grundlage für den Bau eines Museums zu schaffen, das 1849 an der Augustinergasse eröffnet werden konnte.

Den ersten veritablen Museumsbau der Schweiz hat Melchior Berri entworfen. Noch waren hier Kunstgewerbe und Kunstwerke nicht getrennt. Erst allmählich wurden Objekte an das 1894 gegründete Historische Museum abgetreten, bis schliesslich die reine, freilich durch Ankäufe und Stiftungen stark angewachsene Öffentliche Kunstsammlung zurückblieb. Sie fand ab 1936 im Kunstmuseum ihren Platz.

Die Picasso-Ausstellung dieses Jahres markiert einen weiteren Schritt in der Geschichte des Sammlungswesens der Stadt: Zum ersten Mal erfuhr 1967 ein lebender Künstler die breite Unterstützung der Bevölkerung. Damit ist dem Sammeln erstmals eine demokratische Grundlage gegeben worden.

nach oben