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Universität Basel

Über das Sammeln in der Kulturwissenschaft

Walter Leimgruber

Sammlungen von Alltagsobjekten früherer Zeiten und ferner Kulturen waren von unterschiedlichen Ansätzen geprägt – von der Neugier und der Identitätsstiftung über die Erforschung von Zusammenhängen bis zur Belehrung und Machtdemonstration. Die kulturgeschichtlichen Sammlungen der Zukunft werden das Objekt stärker mit dem Menschen und seiner Gesellschaft verbinden.

Die Wissenschaften, die sich seit der Aufklärung und Romantik mit dem Leben der einfachen Menschen beschäftigt haben – mit den Bauern und Landleuten hier, mit den Fremden und Exoten in fernen Ländern –, standen vor einem besonderen Problem. Diese Menschen produzierten in der Regel keine eigenen Texte, das eigentliche Kerngebiet der Geisteswissenschaften, die sich primär mit Philosophie und Religion, mit Sprache und Literatur beschäftigten. Man konnte diese Menschen also beschreiben, aber direkte Zeugnisse waren in der Regel materiell: Gegenstände aller Art, die im Alltag oder für Feste und Rituale gebraucht wurden, Kleidungsstücke und Haushaltgeräte, Werkzeug und Waffen.

Kulturgeschichte zur Identitätsbildung
Für die Volks- und Völkerkunde stellte daher das Anlegen von Sammlungen, seit der Renaissance ohnehin ein Motor zur Befriedigung von Neugier und Wissensdurst, ein besonderes Desiderat dar. Der Sammeleifer der ethnografischen Fächer erreichte am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert einen Höhepunkt, schien es doch, als ginge eine ganze Welt mit all ihren Zeugen verloren: die vorindustrielle Welt der Bauern und Bergler, des Handwerks und der manuellen Fertigung. Gleichzeitig dienten Gegenstände des Alltags und des einfachen Menschen zunehmend der Herausbildung regionaler oder nationaler Identitäten. Die Wissenschaft spielte daher eine wichtige Rolle bei der Konstruktion von Zugehörigkeit auf lokaler bis nationaler Ebene. Es entstanden kulturhistorische Museen aller Art, die der wissenschaftlichen Erkenntnis wie der Herausbildung einer kollektiven Identität gleichermassen verpflichtet waren. Mit dem Ausgreifen der Europäer auf die ganze Welt wuchs gleichzeitig das Interesse, die fremden Kulturen der heimischen Bevölkerung vorzuführen. Expeditionen trugen riesige Mengen an Materialien aus allen Erdteilen zusammen. Mit Objekten glaubte man Zusammenhänge und Entwicklungen zu erkennen, die nicht in den Texten und Erzählungenzu finden waren, und man versuchte, Verwandtschaften von Kulturen und Diffusionswege des Fortschritts, kulturelle Entwicklungsstufen und Gesetzmässigkeiten aufzuzeigen. Die Entwicklung der Kultur wurde meist der gleichen Systematik der Evolution unterworfen, wie sie die naturwissenschaftlichen Sammlungen bestimmte. Wie die Natur gegliedert und systematisiert wurde, galt es auch, die Kultur und Geschichte des eigenen Volks zu ordnen und zu strukturieren, die Zeugnisse seines Wirkens zusammenzutragen und als identitätsstiftendes Moment zu nutzen. Die Museen transportierten die Mythen und die Geschichte der Völker, ihr Selbstverständnis und ihren Machtanspruch; die Sammlungen wurden zu Orten der Belehrung wie auch der Indoktrination der Massen.

Funktion, Symbol, Praxis
Die Bewertung sowohl der eigenen Alltagskultur wie auch der Kultur fremder und exotischer Gruppen hat sich im Lauf der Zeit gewandelt. Das Interesse an den Artefakten aber ist geblieben. Lange Zeit dominierten nach dem Zweiten Weltkrieg funktionalistische und instrumentelle Ansätze, die den Gebrauch in den Mittelpunkt stellten, sowohl die Sammlungstätigkeit wie auch die Forschung. Doch der Mensch benützt die ihn umgebenden Dinge nicht nur in einer zweckrationalen Weise, sondern er lädt sie mit positiven oder negativen Eigenschaften auf, schreibt ihnen Eigenwilligkeit zu. Objekte haben Zeichencharakter, sind Vehikel für Ideen. Mit dieser Sicht wurde zunehmend ein semiotischer Untersuchungsansatz privilegiert, mit dem Dinge vor allem als Ausdruck «dahinterliegender», verursachender kultureller Werte, Normen und Bedingungen analysierbar werden. Objekte werden als Indikatoren, als Schlüssel für das Verständnis von Zeitströmungen und Mentalitäten, als Symbole für Lebensstile, als Zeichen für komplexe Sachverhalte gedeutet. Für den deutschen Kulturwissenschaftler Gottfried Korff stellt die Sachkulturforschung daher ein «Klettergerüst in die Geschichte sozialer und mentaler Strukturen» dar, die zeigt, wie sehr Sachbesitz und emotionales Verhalten miteinander zu tun haben, wie materielles Substrat als «Inkarnation eines Affekt- und Peinlichkeitsstandards » (Norbert Elias) analysiert werden kann.

Semiotischer vs. semantischer Zugang
Der semiotische Zugang zur Sachkultur erbrachte zwar einen beträchtlichen Erkenntnisgewinn, erschwerte jedoch gleichzeitig die Thematisierung der materiellen Seite der Dinge, weil die Semiotik die Bedeutung der Gegenstände untersucht, ein Analyseverfahren, bei dem die Materialität des Zeichens zum Verschwinden gebracht wird. Semiotische Ansätze vernachlässigen zudem die spezifische Alltagskompetenz der Nutzer sowohl zur Entschlüsselung als auch zur eigenständigen Generierung solcher Kommunikationscodes. Hier ist es für die Forschung wichtig, sich vermehrt mit den objektbesitzenden Individuen und der Nutzung und Weitergabe von Dingen zu beschäftigen und die Ebene des Alltaghandelns zu thematisieren. Aktuelle Ansätze konzentrieren sich daher auf semantische Aspekte; der Sinn wird nicht länger «dahinter», sondern im situativen Kontext gesucht. Der Fokus verschiebt sich damit von der Analyse der kulturellen Strukturen und Systeme auf die der jeweils entfalteten kulturellen Praxis, die zwar innerhalb dieser Strukturen operiert, aber nicht darauf reduziert werden kann. Mit einem solchen Ansatz wird der Handlungsaspekt des Objektgebrauchs betont und die Kreativität und Handlungsfähigkeit der Akteure im Umgang mit vorgefundenen Strukturen herausgestellt.

Vervielfachung der Objekte, globaler Konsum
Die Erforschung der materiellen Welt hat in einer Zeit, in der mehr Güter produziert, verteilt, konsumiert und angehäuft werden als je zuvor, an Bedeutung gewonnen. In den letzten Jahren ist die Erforschung der materiellen Kultur unter diesen Gesichtspunkten erneut zu einem Schwerpunkt geworden. Neben vielen anderen turns wie dem cultural, dem iconic oder dem spatial turn wird deshalb von einigen Forschenden auch ein material turn beschworen. Haben Menschen früher vielleicht einige hundert Gegenstände besessen, kommt man heute leicht auf fünfstellige Zahlen, wenn man die Besitztümer eines Haushalts zusammenträgt. Aber nicht nur eine Vervielfachung der Objekte ist zu konstatieren, sondern auch eine immer feinere Ausdifferenzierung. Was aus dieser Fülle heraus kann man denn überhaupt noch sammeln? Die Menge an Gegenständen ist derart gigantisch geworden, dass man im Gegensatz zu historischen Kulturen nur noch ganz exemplarische Objekte in die Sammlung aufnehmen kann. Hatten die Fachvorfahren versucht, möglichst umfassend und vollständig zu sammeln, sind jetzt neue Strategien gefragt, die der Schwerpunktsetzung, Beschränkung und Fokussierung dienen. Und was sagen Gegenstände überhaupt noch aus über spezifische Verhaltensweisen, wenn immer mehr Dinge für einen globalen Markt produziert werden, alle Menschen die gleichen Jeans kaufen, den gleichen Schmuck tragen und das gleiche Handy benutzen? Doch umgekehrt bilden gerade diese Objektentwicklungen kulturelle Prozesse ab, die Globalisierung und Durchmischung, die Aufhebung von Grenzen, aber bei genauer Betrachtung auch die noch immer vorhandenen Unterschiede in der Nutzung und Bedeutungszuschreibung durch verschiedene Gruppen.

Sehnsucht nach Überschaubarkeit
Die unendliche Menge verfügbarer Gegenstände scheint gleichzeitig das Bedürfnis nach Ordnung, Echtheit, Einzigartigkeit und Authentizität zu verstärken. Die gesteigerte Entwicklungsgeschwindigkeit der modernen Gesellschaft führt dazu, dass die Dinge früher «alt» werden, dass Vergangenes immer schneller von der Gegenwart abrückt und fremd wird. Wo der Horizont der individuellen Lebensgeschichte überschritten wird, entstehen Netze eines «kollektiven Gedächtnisses » (Maurice Halbwachs), in dem sich kulturelle Erinnerung materialisiert und in professionell angelegten Sammlungen in Museen, Galerien, Bibliotheken und Archiven bewahrt wird. Die Auflösung von Grenzen, die Betonung des Fluiden, Prozesshaften und Offenen, die Vielfalt an Kombinationsmöglichkeiten, die Bildung hybrider Identitäten und die zunehmende Komplexität kultureller Prozesse wird begleitet von einer Sehnsucht nach Überschaubarkeit und Zugehörigkeit, wie sie in der aktuellen Betonung des kulturellen Erbes zum Ausdruck kommt. Vielen Menschen erscheint ihr Umfeld immer stärker als Ort, an dem höchst unterschiedliche, einander im Extremfall widersprechende kulturelle Werte und Codes gelten, zu deren Verständnis ihnen ein Schlüssel fehlt. Und so wendet man sich Traditionellem zu, dem Erbe, dem Überlieferten. Dieses kann Halt geben, Orientierung, Verankerung und Stabilität bieten, es übernimmt die Funktion der Verständigung, ermöglicht ein Gefühl der Vertrautheit in einer als unübersichtlich empfundenen Umgebung. Begriffe wie «echt», «alt», «original» oder «authentisch» nobilitieren dann die Dinge, die wir sammeln.

Kontexte und Zusammenhänge
Die alten Gegenstände inspirieren aber auch das Neue, die Kreation. Sammelstücke geben Auskunft über Techniken und Fertigkeiten, die heute oft kaum jemand mehr beherrscht, die man sogar in manchen Fällen gar nicht mehr reproduzieren kann. Sie regen zum Nachdenken über Produktionsprozesse, über die Bedeutung von Arbeit, über Ästhetik, über Nachhaltigkeit an. Künstler und Modeschaffende, aber auch Techniker beschäftigen sich deshalb mit ihnen, nutzen sie als Quelle und Anregung. Dinge sind immer in Interdependenz zu ihren unterschiedlichen Bezugssystemen zu sehen: seien es die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen, seien es die geltenden Wert- und Normensysteme, seien es affektive und mentale Bindungen. Doch diese Zusammenhänge sind in den Sammlungen häufig kaum dokumentiert. Vielmehr sind diese oft nach materiellen Kriterien aufgebaut (Art des Materials oder besonders schöne, herausragende Stücke). Vollständigkeit der Sammlung und Qualität des Objekts werden höher gewichtet als Zusammenhänge. Die Dokumentation enthält in vielen Fällen nur technische Angaben, aber kaum solche zur kulturellen Einbettung. Eine der Herausforderungen der Zukunft werden daher kontextualisierende Sammlungskonzepte sein, welche das Objekt mit dem Menschen und dem umgebenden gesellschaftlichen Feld eng verbinden. Durch diesen Kontextbezug verschiebt sich das Interesse an den Dingen auf den Zusammenhang, in dem sie stehen. «Im Zwischenraum – zwischen Mensch und Material, zwischen Nutzern und Gerät und zwischen Besuchern und Exponat erwächst das Immaterielle», wie die Museumskuratorin Susanne Wernsing es treffend formuliert hat. Die wenig sinnvolle Trennung in materielle und immaterielle Kultur ist daher überholt. Sammlungen sind nicht mehr bloss Speicher materieller Güter, sondern Vermittler kultureller Perspektiven.

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