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Universität Basel

Geschlechtersegregation im Beruf

Andrea Maihofer

Andrea Maihofer
Andrea Maihofer

Die Geschlechtersegregation in der Arbeitswelt ist in der Schweiz stärker ausgeprägt als im übrigen Europa: Frauen arbeiten meist in frauen-, Männer in männertypischen Berufen. Von 6000 Jugendlichen einer repräsentativen Längsschnittstudie üben nur 22 Frauen und 20 Männer, die sich als 16-Jährige einen geschlechtsuntypischen Beruf gewünscht haben, heute einen solchen aus. Problematisch ist dies, weil frauentypische Berufe einen geringeren gesellschaftlichen Status haben, kaum Aufstiegschancen bieten und meist sehr niedrig entlöhnt werden. Die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern werden damit stets erneut reproduziert. Zudem können die Jugendlichen ihr Potenzial nicht wirklich entfalten und die Berufe ergreifen, die ihnen am meisten lägen. Nicht zuletzt fehlen Frauen in den Naturwissenschaften oder Ingenieurberufen, Männer in der Pflege oder der Primarschule. Die Bemühungen auch in der Schweiz, die Geschlechtersegregation im Beruf zu überwinden, sind bisher recht erfolglos. Wieso? Bislang sind die Massnahmen zu punktuell angesetzt, obwohl viele Mechanismen und Faktoren über den gesamten Bildungsverlauf hinweg ineinandergreifen. So sind von Kindheit an nur geschlechtstypische, als dem eigenen Geschlecht angemessene Berufe im Blick. Dies erweitert sich – trotz Berufsberatung – kaum. Zudem muss in der Schweiz die Ausbildungs- und Berufswahl schon sehr früh und damit in einem Alter stattfinden, in dem die Orientierung an geschlechtsspezifischen Normen sehr stark ist. Die Jugendlichen sehen sich ausserdem in einem untypischen Beruf mit der Schwierigkeit konfrontiert, nicht nur gegen Geschlechternormen zu verstossen; sie müssen sich auch gegen hartnäckige Vorurteile durchsetzen, die für den Beruf nötigen Fähigkeiten wegen ihres Geschlechts nicht zu besitzen und auch nicht erwerben zu können. Einen geschlechtsuntypischen Be-ruf zu ergreifen, braucht grosses Selbstbewusstsein und hohe Motivation. Eine stetige Ermutigung vor allem von Eltern oder Lehrern ist nötig, um den täglichen Druck auszuhalten, nicht den Geschlechternormen und -bildern zu entsprechen. So verfügen die wenigen Jugendlichen in untypischen Berufen über überdurchschnittliche Schulleistungen (etwa in Lesen und Mathematik) und hohes Selbstbewusstsein. Folgenreich für die Berufswahl sind auch die – trotz des Wandels der familialen Arbeitsteilung – anhaltenden traditionellen Vorstellungen von der Hauptaufgabe von Frauen und Männern in der Familie. So beschäftigen sich Frauen meist früh mit der Frage, wie sie Familie und Beruf vereinbaren können. Zwar streben sie anders als früher auf jeden Fall eine Berufstätigkeit an, doch sehen sie sich nach wie vor als hauptverantwortlich für die Betreuung besonders der kleinen Kinder. Sie nehmen von Anfang an meist nur frauenspezifische Berufe in den Blick, die ihnen das am ehesten zu ermöglichen scheinen. Männer sehen ihre Hauptverantwortung vor allem als Familienernährer. Bei ihrer Berufswahl sind entsprechend der Lohn und die Karrieremöglichkeiten entscheidend. Der Beruf muss erlauben, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Trotz der Pluralisierung familialer Lebensformen und geschlechtlicher Existenzweisen ist der gesellschaftliche Druck auf junge Erwachsene also noch immer sehr hoch, sich sowohl bei der Ausbildung bestimmter Kompetenzen an den herrschenden Geschlechternormen zu orientieren als auch bei der Ausbildungs- und Berufswahl. Verstärkt wird dies in der Schweiz durch das weitgehende Fehlen der für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen wie Männer nötigen Infrastruktur wie Kinderkrippen und Ganztagsschulen. Erstaunlich hoch scheint das Misstrauen gegenüber der Fähigkeit von Staat und Kantonen, für eine optimale Kinderbetreuung zu sorgen.

Prof. Dr. Andrea Maihofer (*1953) ist seit 2001 Professorin für Geschlechterforschung und Leiterin des Zentrums Gender Studies an der Universität Basel. Sie studierte Philosophie, Germanistik und Pädagogik in Mainz, Tübingen und Frankfurt/M., wo sie 1996 in Soziologie habilitierte.

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