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Universität Basel

Heilmittel früherer Zeiten im Pharmazie-Historischen Museum

Michael Kessler-Oeri, Flavio Häner

Keramikgefässe, alte Heilmittel und Medikamente, Waagen und Gewichte, Kräuterbücher, Amulette und ganze Laboratorien und Apotheken: Das Pharmazie-Historische Museum Basel bietet einen Überblick über die Geschichte der Heilmittel – und damit der Frühgeschichte der modernen Medizin und Naturwissenschaften. An den Anfängen des Museums, heute weltweit eines der grössten und bedeutendsten seiner Art, stand eine Lehr- und Privatsammlung.

Wer das Pharmazie-Historische Museum der Universität Basel betritt, fühlt sich in eine andere Welt versetzt. Bereits der Innenhof der Liegenschaft «zum vorderen Sessel» am Totengässchen, in dem im 16. Jahrhundert die Buchdrucker Johannes Amerbach und Johannes Froben tätig waren und Gäste wie Erasmus von Rotterdam und Paracelsus beherbergt wurden, lädt zu einer Reise durch die Zeit ein. Kommt man ins Museum, befindet man sich vor der Kulisse der alten Barfüsserapotheke aus der Zeit um 1900. In der historischen Sammlung erwarten einen dann unzählige Objekte aus den letzten zwei Jahrtausenden der Geschichte der Pharmazie.

Pharmaziegeschichte bewahren
Das Pharmazie-Historische Museum stammt aus einer Zeit, als Sammlungen materieller Objekte noch einen zentralen Bestandteil der wissenschaftlichen Lehre und Forschung bildeten. Seinen Ursprung hat es in der Privatsammlung des Apothekers und Lektors für praktische Pharmazie und Pharmaziegeschichte Josef Anton Häfliger (1873–1954). Dieser übergab 1925 seine Sammlung von alten Apothekergefässen, obsoleten Medikamenten, Rezepten, Holzschnitten, Bildern und Büchern der Universität. Der Direktor der 1917 gegründeten pharmazeutischen Anstalt, Prof. Heinrich Zörnig, stellte dafür mehrere Räume zur Verfügung. Mit der Einrichtung der Sammlung in der pharmazeutischen Anstalt konnte Häfliger die Studierenden über die historischen Entwicklungen an die praktische Pharmazie heranführen. Die Objekte dienten als Lehrmittel zur Vermittlung von Pharmaziegeschichte und zu den Techniken der Arzneimittelherstellung. Die Sammlung entstand in direkter Verbindung mit den historischen Entwicklungen in der pharmazeutischen Praxis. Denn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befand sich der gesamte Bereich der Pharmazie – von der Forschung über die Produktion bis zum Verkauf von Arzneimitteln – in einem tiefgreifenden Wandel. Die Herstellung von Medikamenten ging von der Apotheke in die Fabriken der grossen Unterneh-men über. Auch die Ausbildung der Apotheker fand seit Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr ausschliesslich in der Apotheke, sondern immer mehr an der Universität statt. Von diesen Veränderungen war Häfliger als Apotheker und Lektor für praktische Pharmazie an der Universität doppelt betroffen. Ihm fiel auf, dass die traditionellen Herstellungstechniken mehr und mehr durch neue Verfahren abgelöst wurden. Damit benötigte man auch zahlreiche Objekte, Werkzeuge und Instrumente der klassischen Arzneimittelzubereitung nicht mehr und gliederte sie aus den Laboratorien aus. Durch die Zusammenstellung seiner Sammlung versuchte er, nicht nur die Objekte, sondern auch ihre Verwendung und mit ihnen die gesamte Geschichte des Arzneimittelwesens zu bewahren.

Ausbau und internationale Ausstrahlung
An der Jahresversammlung des Schweizerischen Apotheker- Vereins 1927 in Basel wurde die Lehrsammlung offiziell in «Schweizerische Sammlung für historisches Apothekenwesen» umbenannt. Dadurch erhielt sie auch eine zunehmende Bedeutung als Museumseinrichtung, mit dem Ziel der Bewahrung historischer Objekte aus der Pharmazie. In den Jahren 1928/29 wuchs die Kollektion dank zahlreichen Schenkungen und Ankäufen stetig an. Einer der wichtigsten Käufe war die Übernahme der Sammlung des Apothekers und Präsidenten der Naturhistorischen Kommission, Dr. Theodor Engelmann. Mit dem Kauf der umfassenden Sammlung wurde der Raum für die Ausstellung immer knapper. Ab 1930 bemühten sich Häfliger und Zörnig um einen Ausbau der Räumlichkeiten. Noch im selben Jahr konnten die Räume übernommen werden, in denen sich bis dahin eine Webschule befand. 1931 stellten die beiden einen Antrag, um weitere Räume der Liegenschaft zwischen dem Totengässlein und dem Nadelberg, die bis dahin vom Arbeitsamt für das Arbeits- und Wohnungsnachweisbüro verwendet wurden, an die Sammlung anzuschliessen. Dies bewilligte die Regierung, und es konnte mit einer Neuaufstellung der Kollektion begonnen werden. 1934 fand die Hauptversammlung der internationalen Gesellschaft für die Geschichte der Pharmazie in Basel statt und verhalf der erst zehn Jahre alten Sammlung bereits zu internationaler Bekanntheit. 1937 trat Zörnig, langjähriger Vorsteher des pharmazeutischen Instituts, zurück, und die Universität berief Prof. Tadeus Reichstein als Professor und Institutsvorsteher nach Basel. Darauf kam es im Sammlungsbereich zu strukturellen Veränderungen; er wurde nach und nach auf das ehemalige Gebäude des Arbeitsamts beschränkt. Dies hatte zur Folge, dass ab den 1940er-Jahren Institut und Sammlung nicht nur räumlich voneinander getrennt wurden, sondern auch immer weniger Lehrveranstaltungen mithilfe der Sammlungsobjekte durchgeführt wurden.

Von der Sammlung zum Museum
Nach dem Tod Häfligers 1954 öffnete sich eine Debatte um die Zukunft der Sammlung, wobei unter anderem auch eine Angliederung an das Historische Museum Basel vorgeschlagen wurde. Die pharmaziehistorische Sammlung konnte aber ihre Selbständigkeit bewahren. Nun leitete sie der Apotheker und Freund Häfligers Dr. Alfons Lutz unter Aufsicht einer Museumskommission. Ab Mitte der 1950er-Jahre wurde offiziell von einem pharmaziehistorischen Museum gesprochen. Seit dieser Zeit erfuhr der Ausstellungsbereich der Sammlung keine besonderen Veränderungen mehr. Pharmaziehistorische Vorlesungen fanden erst wieder nach 1965 statt, als Alfons Lutz zum Ehrendozenten ernannt wurde. Im selben Jahr begann eine umfangreiche Katalogisierung und Beschriftung der Museumsgegenstände durch die Kunsthistorikerin Lydia Mez-Mangold. Aufgrund ihrer reichen Kenntnisse über die Sammlung wurde ihr 1972 als erster Nichtpharmazeutin die Stelle als Museumskonservatorin im Museum übergeben. In Würdigung ihres langjährigen Einsatzes für das Museum verlieh ihr die Universität Basel 1992 die Ehrendoktorwürde. Ihr folgte 1979 die Archäologin Laurentia Léon, die dem Museum bis 1986 vorstand. Im Anschluss ging dessen Leitung an den Pharmazeuten und Pharmaziehistoriker Michael Kessler über. 1999 kam es zum Auszug des Pharmazeutischen Instituts, da die alten Laboratorien den Anforderungen eines zeitgenössischen pharmazeutischen Unterrichts und der ständig steigenden Anzahl an Studierenden nicht mehr genügen konnten. Zwar war die Sammlung nun räumlich vom pharmazeutischen Unterricht getrennt, aber die Universität Basel richtete wieder eine Vorlesung in Pharmaziegeschichte ein, die bis heute von Michael Kessler gehalten wird. Die Erhaltung der Struktur des Pharmazie-Historischen Museums als wissenschaftlicher Lehrsammlung ist derzeit ein zentraler Punkt seiner Museumspolitik. Heute existieren aufgrund von museologischen Neuorientierungen in Richtung didaktischer Ausstellungen kaum noch akademische Schausammlungen, wie sie im Pharmazie-Historischen Museum der Universität Basel gezeigt werden. Das Museum ist damit eigentlich selber zu einem musealen Objekt geworden – und erfreut sich beim Publikum heute höchster Beliebtheit.

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