x
Loading
+ -

Universität Basel

Warum macht Stress vergesslich?

Dominique de Quervain

Viele Menschen haben Gedächtnisblockaden, wenn sie unter Stress stehen. Eine wichtige Rolle spielen dabei bestimmte körpereigene Stresshormone namens Glucocorticoide. Ihre Wirkungen müssen aber nicht nur ein Fluch, sondern können auch höchst segensreich sein.

Wer kennt das nicht? Man befindet sich gestresst in einer Prüfung und kann sich beim besten Willen nicht mehr an das Gelernte erinnern. Kaum aber ist die Prüfung vorbei, gelingt der Abruf des Wissens meist problemlos wieder. Stress löst bei Lebewesen eine ganze Reihe biologischer Reaktionen aus. So werden beispielsweise bei uns die Stresshormone Adrenalin und die Gruppe der Glucocorticoide – darunter vor allem Cortisol – aus den Nebennieren freigesetzt, aber auch viele andere Prozesse werden durch Stress beeinflusst. Welche dieser Faktoren sind nun für die Abrufblockade unter Stress verantwortlich?

Von Ratten zum Menschen
Wir sind dieser Frage zunächst in einer tierexperimentellen Studie nachgegangen, und zwar bei Ratten, deren Gedächtnisaufgabe darin bestand, sich die Lokalisation einer Plattform in einem Wasserbecken zu merken. Gezeigt werden konnte in der Untersuchung, dass die Glucocorticoide für die stressinduzierten Gedächtnisdefizite verantwortlich sind. So liessen sich diese Defizite mit einer Substanz verhindern, welche die Synthese der Glucocorticoide hemmt – und umgekehrt verursachte die Injektion von Glucocorticoiden die gleichen Erinnerungslücken wie Stress. Lassen sich solche Erkenntnisse aber überhaupt auf den Menschen übertragen? Dies wollten wir in einer nächsten Studie mit gesunden Versuchspersonen herausfinden. Die Gedächtnisaufgabe bestand darin, 60 Wörter in einer vorgegebenen Zeit zu lernen und am nächsten Tag so viele davon wie möglich wiederzugeben. Eine Stunde vor diesem Abruftest erhielten die Probanden entweder Glucocorticoide oder ein Scheinpräparat (Placebo). In der Tat zeigte sich, dass erhöhte Glucocorticoidwerte den Gedächtnisabruf auch beim Menschen behindern. In weiteren tier- und humanexperimentellen Studien fanden wir dann zusätzlich Hinweise darauf, dass dieser Hormoneffekt durch eine temporäre Hemmung des Hippocampus – einer für das Gedächtnis wichtigen Hirnstruktur – zustande kommt. Wenn wir das stressbedingte Vergessen in der Prüfung vor Augen haben, dann sind diese gedächtnishemmenden Hormoneffekte selbstverständlich höchst unerwünscht. Doch diese Hormoneffekte könnten uns auch davor bewahren, dass negative Gedächtnisinhalte wie beispielsweise traumatische Erinnerungen allzu sehr Überhand nehmen. Aufgrund dieser Überlegungen stellten wir die Hypothese auf, dass eine Erhöhung der Glucocorticoidspiegel bei Erkrankungen, die durch negative Gedächtnisinhalte geprägt sind, von therapeutischem Nutzen sein könnte – wie beispielsweise bei der posttraumatischen Belastungsstörung oder bei Phobien.

Traumata und Phobien vermindert
Die posttraumatische Belastungsstörung ist gekennzeichnet durch intensive, schmerzhafte Erinnerungen an ein traumatisches Erlebnis, zum Beispiel an einen Unfall oder eine Vergewaltigung. Bis heute gestaltet sich die Therapie dieser Störung als äusserst schwierig und oft unbefriedigend. In einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie konnten wir nun zeigen, dass die Behandlung mit Glucocorticoiden während eines Monats tatsächlich zu einer Reduktion der traumatischen Erinnerungen führt. Die Glucocorticoidtherapie bewirkt allerdings nicht ein gänzliches Vergessen des traumatischen Ereignisses, vielmehr wird durch die Hormonwirkung die Intensität der traumatischen Erinnerung vermindert. Phobien wie beispielsweise die Spinnenphobie oder die soziale Phobie sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Gemeinsames Merkmal aller Phobien ist eine ausgeprägte und unverhältnismässige Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen. Da dieses Reaktionsmuster im Gehirn als phobiespezifisches Angstgedächtnis gespeichert ist, erschien es möglich, dass sich Glucocorticoide ebenfalls hemmend auf diesen Gedächtnistyp auswirken und dadurch die phobische Angst zu reduzieren vermögen. In zwei weiteren doppelblinden, placebokontrollierten Untersuchungen studierten wir daher die Effekte von Glucocorticoiden bei Patienten mit Phobien. Ergebnis davon war, dass Glucocorticoide sowohl bei Patienten mit sozialer Phobie als auch bei jenen mit Spinnenphobie zu einer signifikanten Verminderung der Angst in den gefürchteten Situationen führten. Es ist wichtig zu betonen, dass diese klinischen Studien zunächst als erste Hinweise auf eine positive Wirkung von Glucocorticoiden bei der posttraumatischen Belastungsstörung und bei Phobien zu verstehen sind. Nun braucht es weitere, gross angelegte klinische Studien, um die therapeutische Wirksamkeit von Glucocorticoiden in der Behandlung von Angsterkrankungen zu untersuchen. Als besonders vielversprechend könnte sich auch eine kombinierte Behandlung mit Glucocorticoiden und Psychotherapie erweisen. Die Effekte einer solchen Kombinationstherapie werden derzeit in Basel bei Patienten mit Höhenangst untersucht. In Zusammenarbeit mit der Abteilung Molekulare Psychologie (Prof. Andreas Papassotiropoulos) untersucht die Abteilung Kognitive Neurowissenschaften der Universität Basel in einem interdisziplinären Forschungsansatz nun die molekularen Mechanismen, die den negativen Auswirkungen von Stress auf das Gehirn zugrunde liegen. Im Zentrum stehen dabei die Glucocorticoid- und Mineralocorticoid- Rezeptoren, also die Andockstellen für das Stresshormon Cortisol. Es wird vermutet, dass ein gestörtes Gleichgewicht dieser beiden Rezeptortypen die Anfälligkeit für stressbedingte Erkrankungen erhöht. Durch die Erkenntnisse dieses Forschungsansatzes dürften sich neue Einblicke in die Mechanismen der gesundheitsschädlichen Auswirkungen von Stress gewinnen lassen.

nach oben