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Universität Basel

Ein Wörterbuch der festen Wendungen

Annelies Häcki Buhofer

«Leise Töne«, «Abschied nehmen«, «zu vorgerückter Stunde», «Glück bringen»: Solche festen Wortverbindungen nehmen wir selten bewusst wahr, sie können aber beim Deutschlernen ziemlich Mühe bereiten. An der Universität Basel entsteht ein Wörterbuch der wichtigsten Wendungen dieser Art.

Feste und typische Wendungen und Wortverbindungen – sogenannte Kollokationen – sind in der an Phraseologie interessierten Linguistik derzeit sehr präsent, nicht jedoch ausserhalb des engeren wissenschaftlichen Umfelds und schon gar nicht im pädagogischen Bereich. Es liegt aber nahe, sich verstärkt mit ihnen zu beschäftigen. Die Sprechenden müssen sie richtig verwenden, um keinen Fehler zu machen – wenn etwa jemand sagt, er «nehme eine Entscheidung», anstatt er «fälle eine Entscheidung», gilt dies als nicht richtig. Ebenso ist es falsch, wenn jemand sagt: «Die Industrie könnte wieder Fuss nehmen» (statt «Fuss fassen»). Man kann davon reden, dass «jemand schwierig zu erreichen ist», geläufiger und häufiger ist aber, dass «jemand schwer zu erreichen ist».

Im Alltag unauffällig
Eine Definition der Kollokationen verlangt eine Abgrenzung in zwei Richtungen: Zum einen sind sie von Wortkombinationen zu unterscheiden, deren Miteinandervorkommen nicht vorherbestimmt ist (Beispiel: «ein hässlicher Stuhl»). Und zum andern sind sie von den übertragenen Wortverbindungen abzugrenzen, deren Gesamtbedeutung sich nicht aus den wörtlichen Bedeutungen ergibt, etwa in den Wendungen «starker Tobak» und «kalter Kaffee». Von einer Kollokation kann man dann reden, wenn ein Sachverhalt durch mehrere Wortkombinationen ausgedrückt werden könnte, aber überwiegend ein und dieselbe Wortverbindung gewählt wird oder sogar gewählt werden muss. Weitere Beispiele sind etwa «Abhilfe schaffen» und «Amok laufen». Alternative, frei kombinierte Konstruktionen werden dagegen als weniger passend oder unpassend empfunden, obwohl sie semantisch und syntaktisch ebenso korrekt sein könnten – etwa «ruhige Töne» statt «leise Töne». Es gibt daneben Typen von Kollokationen, die weniger vor dem Hintergrund der sprachlichen Norm und der Fehlervermeidung als dem der bevorzugten stilistischen Ausdrucksweise identifizierbar sind. Kollokationen werden eher von der Üblichkeit als von der Semantik her definiert. Sie sind in der festen Form in der Alltagskommunikation unauffällig, aber in der fachnahen und fachinternen Kommunikation spielen sie für den Eindruck der Professionalität eine wesentliche Rolle: also wenn etwa von medizinischen, psychologischen oder administrativen Dingen die Rede ist, ohne dass die Beteiligten als Fachleute ausgebildet sind. Zum Beispiel macht die Wendung «Jemanden mit Verdacht auf einen Herzinfarkt ins Spital einliefern», die gleich zwei Kollokationen enthält, einen professionelleren Eindruck als «Jemanden ins Spital bringen, weil die Ärztin vermutete, dass er/sie einen Herzinfarkt gehabt haben könnte».

Ökonomie der Sprache
Wörter können beim Sprechen oder Schreiben oft nicht frei gewählt und aneinandergereiht werden. In vielen Fällen macht ein Vergleich zwischen unterschiedlichen Sprachen die Willkürlichkeit einer Wortverbindung besonders deutlich sichtbar. Denn was man in der eigenen Sprache für selbstverständlich hält, ist es in einer Fremdsprache plötzlich nicht mehr – so etwa beim «eingefleischten Junggesellen», der auf Englisch confirmed bachelor («erklärter» Junggeselle) und auf Französisch célibataire endurci («verhärteter» Junggeselle) heisst. «Starke Raucher» sind im Englischen «schwer» (heavy smokers), im Französischen eher «gross» (gros fumeurs). Das auf Deutsch selbstverständliche «in Gang setzen» heisst auf Spanisch poner en marcha. In der Sprachdidaktik werden Kollokationen sowohl positiv als auch negativ bewertet: Einerseits werden gerade sie zunehmend als wichtige Bestandteile des Sprachlernens gewürdigt, und zwar auch ausserhalb des Englischunterrichts. Im Englischen mit seinen vielen phrasal verbs (to put off mit der Bedeutung «verschieben», to run into im Sinn von meet) ist man nämlich zuerst auf die Bedeutung von collocations gestossen. Anderseits tauchen sie – etwa in neuen Lehrmitteln – als «Floskeln» auf, die es zu vermeiden gelte. Didaktisch ist jedoch eine Position anzustreben, welche die Bewusstmachung von Kollokationen als Sprachwissen fördert, das wiederum als Grundlage von Sprachkönnen dienen kann. Es werden heute in kaum einem Bereich so viele Fehler gemacht – auch in professionellen journalistischen Texten – wie in jenem der Kollokationen. Die kollokativen Wortverbindungen sind auch auf der zeichentheoretischen Ebene interessant. Sie haben sprachgeschichtlich mit der Ökonomie der Sprachproduktion zu tun und können textgeschichtlich als Musterentwicklungen erfasst werden. Weiter sind sie mit der Wissensorganisation und -strukturierung verbunden und bilden sich ontogenetisch in der Erstsprache als feste Einheiten heraus. Hier werden sie zwar nicht notwendigerweise so gelernt, müssen aber in der Zweit- oder Fremdsprache oft bewusst und in Abweichung von der Erstsprache regelrecht «gepaukt» werden. Am Deutschen Seminar der Universität Basel entsteht zurzeit ein Wörterbuch der typischen und gebräuchlichen Wortverbindungen des Deutschen: das Kollokationenwörterbuch. Ein vergleichbares, gebrauchsorientiertes Wörterbuch von Kollokationen im Grundwortschatz gibt es auf dem deutschsprachigen Markt noch nicht. Mit dem neuen Werk soll sich eine Lücke für Deutschlernende schliessen, wie dies etwa im Englischen mit dem viel genutzten Oxford Collocations Dictionary längst geschehen ist. Ein separates Wörterbuch der Kollokationen dürfte zeigen, dass systematische Korpusanalysen der Standardsprache viel zusätzliches Material zutage fördern. Es stellte sich dabei die Frage, wie dieses aufbereitet werden soll und für welche Benutzenden welche Kenntnisse über Kollokationen nützlich sind. Angesichts der grossen Zahl von Kollokationen im Deutschen haben sich die Mitarbeitenden des Projekts vorgenommen, zu differenzieren und zu gewichten. Der lexikografischen Umsetzung wird ein Konzept zugrunde gelegt, das die Kollokationen in eine Basis – oft (aber nicht immer und keineswegs ausschliesslich) ein Substantiv – und in näher bestimmende Kollokatoren aufteilt. Als Stichwort wird die Basis angesetzt, also werden sich die Kollokationen «die Zähne putzen» und «in der Sonne sitzen» unter «Zahn» und «Sonne» finden.

Grundwortschatz als Basis
Wenn man von 2000 bis 3000 Wörtern des deutschen Grundwortschatzes ausgeht (dessen Zusammenstellung schon eine Aufgabe für sich ist), so gibt es eine, mehrere oder viele Kollokationen nur zu einem Teil dieser Wörter. Die Kollokationen mit einem Bestandteil aus dem Grundwortschatz gehören ihrerseits nicht notwendig zum Grundwortschatz, weder von der Form noch von der Bedeutung her. Ein zusätzliches Kriterium für die Aufnahme in das Wörterbuch ist die mehr oder minder ausgeprägte Bindung an eine alltagsrelevante Textsorte. Zur Erhebung der typischen und gebräuchlichen Wortverbindungen des Deutschen stützen sich die Forschenden vor allem auf Textkorpora. Für das Wörterbuchprojekt wird die Suche nach Kollokationen die wichtigen Rohdaten liefern und mit Sicherheit auf mehr solcher Wortverbindungen aufmerksam machen, als in bisherigen Wörterbüchern aufgeführt sind. Gesucht wird in verschiedenen Wörtersammlungen – etwa im (Deutsch-)Schweizer Textkorpus, das die Zeit von 1900 bis 2000, über 30 inhaltliche Domänen sowie Sachliteratur, Gebrauchs-, Zeitungs- und literarische Texte abdeckt und rund 20 Millionen Wörter enthält. Zum Vergleich: Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts umfasst über eine Milliarde Wörter. Kollokationen haben im Kontext der ambivalenten Faszination zwischen negativ zu beurteilender Vorfabrikation und Professionalitätsmerkmal bisher zu wenig Aufmerksamkeit von der Sprachwissenschaft erfahren. Ihre Kenntnis ist aber ein unverzichtbarer Baustein für ein unauffälliges, informiert daherkommendes, korrektes Sprechen und Schreiben und sollte systematisch in den Erst- sowie in den Zweit- und Fremdspracherwerb einbezogen werden. Das auf einen Basiswortschatz beschränkte Kollokationenwörterbuch wird einen systematischeren Umgang mit Kollokationen in Lehrund Lernmitteln ermöglichen. In der Praxis sollte es zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk für Sprachlernende werden.

Weitere Basler Wörterbuch-Projekte

  • Variantenwörterbuch: Das 2004 bei Walter de Gruyter, Berlin erschienene Variantenwörterbuch des Deutschen beschreibt erstmals die geografischen Varietäten der deutschen Standardsprache; es betrachtet Deutsch als plurizentrische Sprache.
  • Neues Baseldeutsch-Wörterbuch: Es erscheint dieses Jahr im Christoph Merian Verlag und erfasst den aktuellen baseldeutschen Wortschatz. Dabei wird sowohl dem traditionelleren Sprachgebrauch wie auch dem Sprachwandel adäquat Rechnung getragen. www.baseldeutsch.ch
  • Schweizer Textkorpus: Teil eines internationalen Forschungsvorhabens, das die deutsche Standardsprache des 20. Jahrhunderts ausgewogen erfasst und online zugänglich macht, indem deutschsprachige Texte aller Art digitalisiert werden.
    www.schweizer-textkorpus.ch, http://chtk.unibas.ch/korpus-c4
  • Hyperhamlet: Dokumentiert die Kulturgeschichte von Shakespeares «Hamlet» in Zitaten und Anspielungen; ein Online-Zitatenlexikon mit Tausenden von Einträgen, das nicht angibt, wo einzelne Wendungen herkommen, sondern wo sie hingegangen sind. www.hyperhamlet.unibas.ch
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