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Universität Basel

Lungenspezialist und Forscher mit langem Atem

Katharina Truninger

Michael Tamm leitet die Lungenklinik des Universitätsspitals Basel und hat dabei oft alle Hände voll zu tun. Mit innovativer Forschung an menschlichen Zellkulturen versucht der passionierte Arzt, Klinik und Wissenschaft miteinander zu verbinden.

Suche nach besseren Prognose- und Therapiemöglichkeiten: Pneumologe Michael Tamm.
Suche nach besseren Prognose- und Therapiemöglichkeiten: Pneumologe Michael Tamm. © Andreas Zimmermann

Auf dem Korridor der Pneumologie im ersten Stock des Klinikums 2 des Basler Universitätsspitals ist an diesem ganz normalen Vormittag einiges los: Patienten melden sich zum Lungenfunktionstest, eine ältere Frau spaziert mit einem Infusionsgerät hin und her, Assistenzärzte und Pflegepersonal gehen von Zimmer zu Zimmer. Im allgemeinen Gewusel geht der unkompliziert wirkende Mann, der sich der wartenden Besucherin mit raschem Schritt nähert, fast unter. Ihm sei noch ein dringendes Patientengespräch dazwischengekommen, entschuldigt sich Michael Tamm. Es sei schon so, dass es im Klinikalltag manchmal recht turbulent zugehe und er sein Tagesprogramm oft kurzfristig umdisponieren müsse. «Dafür wird es mir nie langweilig», meint der 54-jährige Professor lächelnd. Und man spürt rasch, dass er mit der breiten Aufgabenpalette, die er als Arzt, Klinikleiter und Forscher hat, gut zurechtkommt: Eben noch im Patientenzimmer, kann er sich nun in seinem ruhigen Büro ganz auf das Gespräch über seine Forschung und den Alltag auf der Pneumologie einlassen.

Täglich neue Patienten
Es sind Patienten mit Atem- und Lungenproblemen aller Art, die sich hier behandeln lassen. Die Lungenklinik am Universitätsspital Basel ist die grösste der Schweiz, was die Anzahl untersuchter Patienten betrifft. Das Spektrum der Erkrankungen reicht von Asthma über Personen mit der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) – einem Syndrom, das man landläufig als Raucherlunge bezeichnet und das in den letzten Jahren massiv zugenommen hat – bis zu Lungentumoren und schwerwiegenden Lungenentzündungen. Tamm selbst betreut in seinen Sprechstunden vorwiegend die komplizierteren Fälle, etwa Patienten nach einer Lungentransplantation oder Patienten mit Cystischer Fibrose, die wegen ihrer Stoffwechselkrankheit, verbunden mit zähem Körpersekret und geschwächtem Immunsystem, häufig an schweren Lungeninfekten leiden. «Es ist gerade die Vielfalt der Fälle, mit denen wir es hier zu tun haben, aber auch die Vielfalt der Tätigkeiten insgesamt, die mich im Berufsalltag faszinieren und herausfordern», meint Tamm.

Ganz ohne Tierversuche
So laufen im Alltag des Klinikleiters meist mehrere Dinge parallel: Es gilt, heikle Patientengespräche zu führen, Untersuchungen zu machen, aber auch Vorträge oder Kongresse vorzubereiten und Forschungsprojekte zu koordinieren: «Manchmal ist es schon schwierig, alles unter einen Hut zu bringen», gibt er zu. «Man stösst an seine Grenzen.» Ab und zu bleibe dann Administratives liegen oder eine Deadline für eine Projekteingabe werde verpasst. «Die Klinik ist mir wichtiger», so Tamm. Die hohe Arbeitsbelastung scheint seine Freude am vielfältigen Berufsalltag jedoch selten trüben zu können. Besonders schätzt er es, dass sich dabei intellektuelle Tätigkeiten mit manuellen Herausforderungen – etwa bei einer komplizierten Lungenspiegelung – auf ideale Weise abwechseln. Die Lungenspiegelung oder Bronchoskopie ist eines der Spezialgebiete der Basler Pneumologen. Sie erlaubt es, unter Videosicht mittels feinster Sonden Untersuchungen an den Bronchien und der Lunge durchzuführen. Auf diese Weise können seltene Infekte gefunden oder etwa Proben von vermuteten Lungentumoren mit Punktionsnadeln oder kleinen Biopsiezangen entnommen werden. Mittels Bronchoskopie lassen sich auch Lasertherapien oder kleine Implantationen durchführen, ohne dass der Patient etwas spürt. Neuerdings gibt es sogar Bronchoskope, die mit Ultraschall kombiniert sind. Abgesehen von der direkten Diagnosemöglichkeit liefern entnommene Gewebeproben auch wertvolles Zellmaterial für die Erforschung, das bessere Verständnis und die Therapie von Krankheiten. Grundlagenforschung mit Lungengewebe ist denn auch einer der Forschungsschwerpunkte Tamms, an dem er gemeinsam mit dem Basler Molekularbiologen Prof. Michael Roth seit 15 Jahren forscht. Mit Gewebeproben von Asthmapatienten gelang dem Team vor einiger Zeit ein wissenschaftlicher Durchbruch: Die beiden fanden heraus, weshalb sich die Zellen im bronchialen Muskelgewebe von Asthmatikern ungewöhnlich verhalten, also rascher wachsen, sich verdicken und sich in der Folge zusammenziehen, was letztlich zu den Beschwerden führt. Verantwortlich dafür ist ein grundsätzlicher Defekt eines sogenannten Transkriptionsfaktors in den Zellen, den die Basler Forscher erstmals nachweisen konnten. Dieser ist für die Kontrolle des Zellwachstums verantwortlich. «Damit sind wir nicht nur den Ursachen von Asthma einen Schritt näher gekommen, wir erhoffen uns dadurch mittelfristig auch eine verbesserte Asthmatherapie», so Tamm. Einen schönen Nebenumstand seiner Forschungen erwähnt er im Übrigen nicht ohne Stolz: «In all den 15 Jahren, seit wir Zellforschung betreiben, sind wir ganz ohne Tierversuche ausgekommen.» Dies sei in der medizinischen Grundlagenforschung mit Zellkulturen überhaupt keine Selbstverständlichkeit und dem persönlichen Engagement der beiden Forscher zu verdanken: «Wir arbeiten einzig mit Proben von menschlichem Lungengewebe.»

Folgen des Rauchens
Ein anderer Schwerpunkt des Teams liegt in der Erforschung und besseren Therapiemöglichkeit von COPD, die in den letzten Jahren massiv zugenommen hat. Die Krankheit werde häufig unterschätzt, sei aber in Wirklichkeit ein schweres Leiden, das mit stark eingeschränkter Lungenleistung, chronischem Husten bis hin zu lebensbedrohlicher Atemnot, verminderter Lebensqualität und stark verkürzter Lebenserwartung einhergeht. «Wichtigste Therapiemassnahme ist natürlich der Rauchstopp», sagt Tamm. Dies allein reiche allerdings zur Linderung der Symptome oft nicht aus und gelinge zudem nicht allen Patienten. «Wir suchen in einer gross angelegten europäischen Studie nach verbesserten Prognose- und Therapiemöglichkeiten», so Tamm, «und erhoffen uns dadurch für die Betroffenen quasi eine Verschnaufpause von ihrem Leiden.» Die klinische Forschungsgruppe der Pneumologie wird von seiner Mitarbeiterin Prof. Daiana Stolz geleitet, die kürzlich mit einer SNF-Förderungsprofessur ausgezeichnet wurde. «Das gibt uns enormen Auftrieb», freut sich Tamm, der fast alle seiner Forschungsprojekte über Drittmittel finanzieren muss. Eine Tatsache, die er äusserst unbefriedigend findet, denn: «Das kostet Zeit und Nerven.» Beim Stichwort «Rauchverbot in Beizen» muss der Pneumologe nicht lange überlegen. «Klar bin ich dafür», sagt er, ohne zu zögern. Wer wie er täglich mit den gesundheitlichen Folgen des Rauchens konfrontiert sei, könne gar nicht anders. «Das hat nichts mit Moralisieren zu tun», ergänzt er, und man nimmt es ihm ab. Jede Woche wird am Universitätsspital Basel bei mindestens zwei Patienten neu Lungenkrebs diagnostiziert, und COPD sei mittlerweile fast schon zur Epidemie geworden. «Die Folgen des Rauchens zeigen sich eben oft erst Jahre später», sagt er. «Selbst wenn alle Leute heute ganz aufhören würden zu rauchen, wären wir hier im Spital noch zwanzig Jahre lang damit beschäftigt.» Für den Mediziner ist es eine Selbstverständlichkeit, dass er sich zu seinen Forschungsthemen nicht nur an Fachkongressen, sondern auch an öffentlichen Vorträgen und Podien äussert. «Neutrale Information ist mir wichtig», sagt er. «Die Leute sollen zudem wissen, was wir an den Universitäten machen.» Sogar bei der Kinder-Uni hat er schon mitgemacht. «Das ist eine ganz gute Sache», findet er: Man werde dabei gezwungen, sich auf das wirklich Wesentliche zu konzentrieren und alles ganz einfach und logisch zu erklären. «Vor Kindern zu sprechen, ist die grössere Herausforderung, als einen wissenschaftlichen Vortrag vor Fachkollegen zu halten.» Bleibt da neben dem grossen beruflichen Engagement überhaupt noch Platz für private Interessen? Tamm lacht und überlegt: «Ich lese gerne Zeitungen, besonders politische Artikel, ich mag Reisen und Skifahren.» Doch es sei schon so, dass der Beruf sehr viel Raum einnehme und abends wenig Zeit für ausgiebige Hobbys und Privatleben bleibe. «Natürlich wühle ich zum Abschalten ganz gerne im Garten», sagt er, und im Übrigen sei auch ein spannender Krimi oder ein Fussballmatch im Fernsehen zum Abschalten vom Berufsalltag genau das Richtige. Zum Reisen kommt er allerdings schon, sowohl beruflich als auch privat. Begeistert erzählt er etwa von Sydney, wo er ein Jahr lang Gastprofessor war. «Abgesehen von der faszinierenden Stadt, die kulturell spannend und landschaftlich einmalig gelegen ist, hat mich der Aufenthalt in Australien nachhaltig geprägt. Die Lebensfreude und Lockerheit der Australier sind ansteckend.» Gerade für Schweizer, die alles oft mit einem etwas zu verbissenen Perfektionismus angehen, könne so ein Aufenthalt heilsam sein. Man lerne, vieles etwas lockerer zu nehmen. «Auch den eigenen Arbeitsalltag», meint der Professor und muss sich verabschieden – sein nächster Termin wartet.

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