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Universität Basel

«Fördermaximum des Erdöls ist bald erreicht»

Christoph Dieffenbacher

Nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko stellt sich erneut die Frage nach der Abhängigkeit vom Erdöl. Antworten des Historikers Daniele Ganser.

Daniele Ganser
Daniele Ganser © Andreas Zimmermann

Nach der Explosion der Plattform «Deepwater Horizon» ist während Monaten unkontrolliert Rohöl aus einem Bohrloch ausgelaufen – mit noch unbekannten Folgen für die Umwelt. Werden wir solche Katastrophen in Zukunft vermehrt erleben?
Ich fürchte, ja. Typisch an dieser Katastrophe ist, dass man immer tiefer nach dem wertvollen Rohstoff sucht. Die neu entdeckten Gebiete im Atlantik liegen seit ein paar Jahren bis zu fünf Kilometer unter dem Meeresboden. Es wird einfach nicht zu vermeiden sein, dass es häufiger zu Unfällen kommt. Um die Erdölproduktion von derzeit täglich 85 Mio. Fass halten zu können, muss immer mehr in Risikogebieten gebohrt werden. Nur ein kleiner Teil davon wird heute von privaten Unternehmen gefördert – BP zum Beispiel bringt nur gerade zwei Mio. Fass –, der grosse Rest kommt von staatlichen Firmen wie etwa jenen in Saudi-Arabien, Russland oder Mexiko. Da lässt sich von aussen nichts beeinflussen, ausser durch einen Krieg wie jenen in Irak.

Wie sieht die bisherige Geschichte des Erdölabbaus aus, wie eine mögliche Zukunft?
Nach Erdöl wird seit etwa 1850 gebohrt, zuerst in Pennsylvania in den USA, dann kamen früh Russland und Rumänien dazu. Inzwischen sind weltweit immer mehr Fördergebiete entdeckt worden. Noch 1950 wurden sechs Mio. Fass im Tag gewonnen – wenig im Vergleich zu den heutigen 85 Mio. Das Fördermaximum wird bald erreicht werden. Ich schätze, dass dieser weltweite Peak Oil – der Punkt, an dem die Ölförderung wieder zurückgeht – zwischen 2010 und 2020 kommen wird. Danach wird es zwar noch Erdöl geben, aber es nimmt jedes Jahr ab. In Norwegen, Grossbritannien und Indonesien ist die Förderung schon seit mehreren Jahren rückläufig – trotz weiterhin steigendem Eigenverbrauch in diesen Ländern. Die USA haben ihr Maximum schon 1970 erreicht. So werden immer mehr Förderländer zu Konsumentenländern, die Erdöl importieren müssen. Dann dürfte es auch zu mehr Konflikten um die Verteilung dieser Ressource kommen.

Könnte eine verbesserte Technologie oder der Fund von neuen Vorkommen den Peak Oil weiter hinausschieben?
Natürlich hat sich die Fördertechnik in den letzten Jahrzehnten immer weiter entwickelt. Man kann nicht nur immer tiefer bohren, sondern auch den Ausbeutungsgrad stetig erhöhen. Es lässt sich also auch aus alten Feldern noch mehr herausholen. Das bringt zwar mehr Rohstoff aus dem Boden, hat aber den Nachteil, dass dieses Gebiet später nichts mehr hergibt und der Rückgang nach dem Peak viel steiler ist. Eine derart starke Ausbeutung ist der falsche Weg und nicht nachhaltig. Die Ölvorkommen sind und bleiben begrenzt.

Sind wir diesen Entwicklungen im Kampf um diese Ressource einfach ausgeliefert? Was kann bei uns die Politik dagegen tun, was die Einzelnen?
In der Schweiz etwa ist der Anteil des Erdöls am Energieverbrauch mit 57% sehr hoch. Mit geeigneten Massnahmen liess sich dieser in den Bereichen Wärme und Mobilität verringern: So kann man heute durch Solarthermie und Isolationen Häuser bauen, deren Heizung ohne Öl und Gas auskommt, auch Autos, die auf 100 km unter vier Liter Benzin verbrauchen, gibt es schon; zudem müssten Fahrzeuge bedeutend leichter werden. Allgemein wird der Preisdruck beim Öl zunehmen. Ein weiteres Problem ist, dass riesige Länder wie China oder Indien vor einer Industrialisierung stehen, was Wohlstand für grosse Bevölkerungsteile bringt – aber auch einen drastisch höheren Energieverbrauch.

Dr. Daniele Ganser (*1972 in Lugano) forscht am Historischen Seminar der Universität Basel am Projekt «Peak Oil» zum globalen Kampf ums Erdöl und zur Versorgungssicherheit der Schweiz. Er ist auf Zeitgeschichte und internationale Politik spezialisiert.

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