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Universität Basel

Für wen die Nachtigall singt

Valentin Amrhein

Bei der Nachtigall haben Männchen, die mehr flöten als ihre Konkurrenten, mehr Chancen bei den Weibchen. Deren Partnersuche beobachteten Forschende der Universität Basel mithilfe kleiner Radiosender. Nun wollen sie mit neuen Geräten das Zugverhalten der Tiere studieren.

Nachtigall beim Singen.
Lebt im Verborgenen und macht sich in der Regel nur durch ihren Gesang bemerkbar: Nachtigall beim Singen. © Peter Buchner

Frankreich beherbergt mit rund einer Million Vögeln die grösste Nachtigallenpopulation Europas. Etwa 200 davon leben in einem Gebiet von 20 Quadratkilometern um die Petite Camargue Alsacienne bei Saint-Louis, wenige Kilometer hinter der Landesgrenze bei Basel. Verantwortlich für die grosse Nachtigallendichte sind unter anderem die zahlreichen Büsche, die hier recht unaufgeräumt vor sich hin wuchern. Die Forschungsstation Petite Camargue liegt inmitten singender Nachtigallen, und ein Schwerpunktprojekt der Station gilt denn auch der Biologie dieser Vögel. Von Mitte April bis Ende Mai ist es fast unmöglich, sie zu überhören: Mit einem Schallpegel von über 90 Dezibel, gemessen in einem Meter Entfernung, erzeugt die Nachtigall einen Lärm, der nach Europäischer Richtlinie zum Schutz der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz eigentlich verboten ist.

Gesang rund um die Uhr
Nun kommen auch Nachtigallenforscher selten bis auf einen Meter an singende Nachtigallen heran. Die Vögel sind zwar nicht sehr ängstlich, verbergen sich aber gern im dichten Gebüsch. Jedes Tier hat ein Gesangsrepertoire von etwa 200 verschiedenen Strophentypen; die einzelnen Strophen dauern drei Sekunden und bestehen aus variabel angeordneten Trillern, Flötentönen und geräuschartigen Elementen. Während der Periode des Nachtgesangs singen die Vögel pro Stunde etwa 500 dieser Strophen, und das fast rund um die Uhr, denn Nachtigallen singen auch tagsüber. Wozu dieser Aufwand? Da bei der Nachtigall wie bei den meisten Singvögeln nur die Männchen singen, liegt es nahe, dass der Gesang etwas mit der Anlockung von Weibchen oder mit der Verteidigung eines Brutreviers zu tun hat. Ein erster Hinweis darauf, dass es wirklich der Nachtgesang ist, auf den die Weibchen fliegen, ergab sich aus der Korrelation des Familienstandes der Männchen mit dem Auftreten des Gesangs: Im Allgemeinen singen nur unverpaarte Männchen nachts. Sobald sich ein Weibchen im Revier eines Männchens niedergelassen hat, hört dieses auf, nachts zu singen. Tagsüber hingegen singen auch verpaarte Männchen munter weiter. Daraus kann man folgern, dass der Nachtgesang wohl zur Anlockung von Weibchen dient. Weitere Aufklärung über die weibliche Partnerwahl brachte die Benutzung kleiner Telemetriesender, die auf die Rücken der Vögel geklebt werden. Damit ausgestattete Nachtigallen senden einmal pro Sekunde ein Radiosignal, das mit einer tragbaren Antenne empfangen werden kann. Aus der Lautstärke des Signals kann man schliessen, wie weit der Busch entfernt ist, in dem die Nachtigall gerade sitzt. Nun ist die Zeitperiode, in der sich Weibchen einen Partner suchen, bei sogenannten Langstreckenziehern wie der Nachtigall äusserst kurz. Zwischen der Ankunft vom Heimzug aus dem afrikanischen Winterquartier bis zur Verpaarung vergehen nur wenige Stunden oder Tage, und es ist fast aussichtslos, ein Weibchen gerade während dieser kurzen Zeit zu fangen und mit einem Sender zu bestücken.

Simulierte Ankunft
Um sicherzugehen, dass tatsächlich unverpaarte Weibchen auf Partnersuche beobachtet werden können, wurde deshalb die Ankunft der Weibchen in einem für sie unbekannten Gebiet simuliert. In der Zeit vom 20. April, wenn die ersten Weibchen eintreffen, bis Anfang Mai, wenn die ersten Eier gelegt werden, wurden zehn Weibchen in der Gegend von Colmar gefangen und in die Petite Camargue verfrachtet. Vier Forscher blieben jedem dort ausgesetzten Weibchen zwei Tage lang auf den Fersen. Die Weibchen auf Partnersuche legten tatsächlich etwa ab Mitternacht bis in die frühen Morgenstunden mehrere Kilometer zurück. Sie liessen sich dabei immer wieder in Revieren von nachts singenden Männchen nieder, bis sie am Ende der ersten oder zweiten Nacht schliesslich bei einem der Sänger blieben und sich mit diesem verpaarten. Da der Nachtgesang der Männchen über mehrere 100 Meter hörbar ist, können die Forscher auf einfache Weise feststellen, welche Nachtigallenmännchen der Petite Camargue eben nachts singen und also unverpaart sind. Spannend ist nun, zu untersuchen, welche Faktoren die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, dass ein Männchen erfolgreich um eine Partnerin wirbt oder aber unverpaart bleibt. Studien aus der Petite Camargue haben zum Beispiel gezeigt, dass aggressivere Männchen, die öfter die Gesangsstrophen von Nachbarmännchen überlappen und ihnen dadurch ins Wort fallen, mehr Chancen bei den Weibchen haben. Auch sind jene Männchen am erfolgreichsten, welche besonders oft Strophen singen, die mit immer lauter werdenden Flötentönen beginnen – das berühmte «Schluchzen» der Nachtigall. Nun sind Nachtigallen nur von April bis August unsere Gäste. Der grössere Teil ihres Lebens spielt sich auf dem Zug und im Winterquartier südlich der Sahara ab. Auch das Verhalten während des Zuges hat wahrscheinlich grossen Einfluss auf den Verpaarungserfolg. So haben zum Beispiel Männchen, die nur wenige Tage früher im Brutgebiet eintreffen als andere, viel bessere Aussichten, ein Weibchen anzulocken und überhaupt brüten zu können.

Vögel mit Rucksäcken
Das bisherige Wissen über das afrikanische Leben unserer Singvögel beschränkt sich auf die wenigen Fälle, in denen ein Vogel, der bei uns mit einem Metallring markiert wurde, in Afrika wiedergefunden wurde. Eine neue Studie der Forschungsstation Petite Camargue in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Vogelwarte Sempach soll jetzt das Zugverhalten und die Lage der Winterquartiere individueller Nachtigallen untersuchen. Ein an der Vogelwarte entwickeltes Datenspeicherungsgerät macht es möglich, einmal pro Tag auf etwa 100 Kilometer genau den Aufenthaltsort eines Vogels zu ermitteln. Das etwa ein Gramm leichte Gerät wird mit einem Rucksack auf dem Vogelrücken befestigt, misst laufend die Intensität des Lichtes und speichert die Informationen ab. Aus den tageszeitlichen Änderungen der Lichtverhältnisse lassen sich die Uhrzeiten von Sonnenauf- und -untergang ermitteln, woraus man die Koordinaten errechnen kann, an denen sich der Vogel aufhält: Je weiter Richtung Äquator, desto kürzer wird der Tag, und je weiter Richtung Osten, desto früher geht die Sonne auf und wieder unter. Im Frühjahr 2009 haben 100 Nachtigallen aus der Petite Camargue ein solches Gerät erhalten. Zum Vergleich wurden je 100 weitere Tiere aus der italienischen Poebene und aus Bulgarien damit auf die Reise geschickt. Mit Spannung wird nun die Rückkehr der Tiere im April erwartet, wenn die Geräte abgenommen und die Datenspeicher ausgelesen werden können. Wenn alles gut geht, werden wir im Verlauf des Jahres nicht nur wissen, wo die Nachtigallen der verschiedenen europäischen Studiengebiete in Afrika überwintern. Die Daten könnten auch Aufschluss darüber geben, wie die Lage der Winterquartiere oder das Verhalten während des Zuges den Verpaarungserfolg im Brutgebiet beeinflussen. Wer Wüste und Mittelmeer besonders schnell überquert, muss vielleicht nur kurz nachts singen – und hat besonders schnell Erfolg bei den Damen.

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