x
Loading
+ -

Universität Basel

Arbeit mit digitalen Manuskripten: Beispiel Robert Walser

Elias Kreyenbühl

Das Imaging & Media Lab der Universität Basel hat die Handschriften des Schweizer Schriftstellers Robert Walser digitalisiert – und unterstützt damit ihre Erforschung mit Mitteln der wissenschaftlichen Fotografie und der digitalen Bildbearbeitung.

Robert-Walser-Mikrogramm 61 recto im sichtbaren Licht (links) und im Infrarot (rechts). Im Infrarot ist nur noch Bleistift sichtbar, Tinte und rote Markierung verschwinden.
Robert-Walser-Mikrogramm 61 recto im sichtbaren Licht (links) und im Infrarot (rechts). Im Infrarot ist nur noch Bleistift sichtbar, Tinte und rote Markierung verschwinden. © Imaging & Media Lab, Robert-Walser-Archiv

Das Digitalisieren von Manuskripten und Archivalien erlebt derzeit eine Hochkonjunktur. Es gibt kaum eine Bibliothek, die sich nicht mit einem oder mehreren Digitalisierungsprojekten hervortut. Doch wird die Frage, wie Forschende mit den digitalisierten Dokumenten arbeiten sollen, noch recht wenig diskutiert. Die digitale Revolution hat sich bisher vorwiegend auf die Art der Verbreitung ausgewirkt. Im Imaging & Media Lab werden daneben derzeit auch Methoden erprobt, wie aus dem elektronisch verfügbaren Dokument auch ein erkennungstheoretischer Mehrwert gewonnen werden kann. Für das Robert-Walser-Archiv gab es handfeste Argumente, die wertvollen Manuskripte des Schriftstellers zu digitalisieren. Sie wurden in den letzten Jahrzehnten nämlich so intensiv genutzt, dass sie nun aus konservatorischen Gründen vor weiteren Zugriffen geschützt werden müssen. Um die Originale so schonend wie möglich zu erfassen, wurden die rund 4000 Handschriften im Archiv digitalisiert. Dank einer hoch auflösenden Sinar-Kamera mit Makrooptik wurde eine atemberaubende Bildqualität erreicht: Auf den 130 Megabyte grossen Bilddateien sind selbst noch winzige Papierfasern gestochen scharf erkennbar. Zahlreiche Texte Walsers sind als sogenannte Mikrogramme erhalten: äusserst verdichtete Textentwürfe auf kleinstem Raum in einer winzigen Bleistiftschrift. Neben der Digitalisierung wollten die Forscher wissen, wie die Lesbarkeit dieser Mikrogramme mithilfe der wissenschaftlichen Fotografie unterstützt werden kann. Dabei wurden zwei unterschiedliche Zugänge erprobt: Zum einen untersuchte man, welche zusätzliche Information sich über andere fotografische Aufnahmetechniken (Infrarot- und UV-Fotografie) erschliessen liess; zum andern wurden an den elektronischen Dateien Methoden der digitalen Bildverarbeitung ausprobiert. Als besonders aufschlussreich erwies sich dabei die Technik der Hauptkomponentenanalyse: In der Darstellung liess sich die Tinte viel klarer vom Papierhintergrund abheben, und die verschiedenen Überarbeitungsschritte des Schreibprozesses traten deutlicher zum Vorschein. Somit fand sich ein einfaches Werkzeug, auf das die Literaturwissenschaft für die Kritische Robert-Walser-Ausgabe Elias Kreyenbühl ist Doktorand und Assistent am Imaging & Media Lab der Universität Basel. www.iml.unibas.ch, www.robertwalser.ch bei Bedarf zugreifen kann. Gegenwärtig zeichnen sich weitere neue Verfahren der Bilderfassung ab. Die wissenschaftliche Fotografie, wie sie etwa bei forensischen Fragen oder in der kunsthistorischen Bildanalyse angewendet wird, hat in den letzten Jahren Methoden der multispektralen Fotografie entwickelt, die eine noch viel tiefere Erschliessung von Gemälden und Dokumenten ermöglicht. Indem sie das Licht auch in den für das Auge unsichtbaren Bereichen erfassen, geben sie den Blick unter die Oberfläche frei. Wie sich dies für die quellenkritische Arbeit mit Manuskripten auswirken kann, zeigt die Infrarotaufnahme eines Walser-Mikrogramms (Bild rechts). Die Vorderseite ist mit winziger Bleistiftschrift beschrieben, auf der Rückseite stehen ein paar wenige Wörter in grober Tintenschrift, die später mit unzähligen Kringeln übermalt wurden. Diese Tinte drückte so stark auf die Vorderseite durch, dass sie hier einige Textpassagen unleserlich machte. In der Infrarotaufnahme ist die Tinte nicht mehr sichtbar, weil sie, im Gegensatz zum Bleistift, das Licht in diesem Spektralbereich nicht absorbiert Dieses Beispiel gibt einen Hinweis, in welche Richtung sich die künftige Quellenarbeit mit digitalen Faksimiles erweitern könnte. Es ist gut denkbar, dass Historikerinnen und Literaturwissenschaftler ihre Quellenkritik mit einem analytischen Zugriff auf das Bild erweitern werden. Die neuen Methoden nutzen das digitale Bild anders als bisher: nicht in seiner dokumentarischen Eigenschaft, sondern in seiner erkenntnistheoretischen Funktion. Bisher hat die digitale Verfügbarkeit von Quellen noch nicht zu einem qualitativen Sprung geführt, und die Zweifel bei schwer lesbaren Passagen sind am Bildschirm meist grösser als vor dem Original. Zudem unterliegt das Faksimile noch stark dem Dogma der Originaltreue – ein Versprechen, dem das digitale Bild nur mit Mühe nachkommen kann. Statt der Identität der digitalen Kopie wird man künftig aber vielleicht vielmehr ihre Differenz und Variabilität zu schätzen und zu nutzen wissen. Die originalgetreue Kopie ist nämlich nicht mehr als ein ganz bestimmtes Moment der digitalen Simulation.

nach oben