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Universität Basel

Eine Forscherin mit Bodenhaftung

Anna Wegelin

Ihr Interesse gilt der Biogeochemie des Bodens und dessen Veränderungen durch die Landnutzung und den Klimawandel: Eine Begegnung mit Christine Alewell, die das Institut für Umweltgeowissenschaften leitet – und sich mehr Zeit für die Forschung wünscht.

Ideale Verbindung von Schreibtisch und Feldforschung: Umweltgeowissenschaftlerin Christine Alewell.
Ideale Verbindung von Schreibtisch und Feldforschung: Umweltgeowissenschaftlerin Christine Alewell. © Andreas Zimmermann

Das Bernoullianum schräg gegenüber der Universitätsbibliothek Basel ist viel grösser, als man von aussen auf den ersten Blick denkt. Der weitläufige, denkmalgeschützte Bau aus dem 19. Jahrhundert beherbergt neben einem rege genutzten Hörsaal unter anderem die drei Institute des jetzigen Departements Umweltwissenschaften der Universität, darunter das Institut für Umweltgeowissenschaften. Dessen Leiterin, Prof. Christine Alewell, hat ihr Büro im dritten Stock des Bernoullianums. Der Gang dorthin führt durch lange Korridore, um viele Ecken und über mehrere Treppen. Das verwinkelte Gebäude und die permanente Baustelle im Haus sind symptomatisch für ein Institut, das in den letzten Jahren gleich zwei grosse Umstrukturierungen erfahren hat. Seitdem die Professorin im März 2003 nach Basel berufen wurde, beanspruchen die Reorganisation des Departements innerhalb der Universität und der Aufbau von Studiengängen einen wesentlichen Teil ihrer Arbeitszeit. Zuerst galt es, die damaligen Departemente Geografie und Erdwissenschaften zu einem einzigen Departement Geowissenschaften zusammenzuführen. «Das war ein sehr konstruktiver Prozess», sagt sie rückblickend. Denn vorher hätten sich die beiden verwandten Disziplinen gegenseitig eher behindert. Kaum war jedoch diese Fusion vollzogen, stand der noch grössere Zusammenschluss zum neuen Departement Umweltwissenschaften an. Sie sei zwar zufrieden mit dem Resultat, meint die Ordinaria: «Doch das ständige Restrukturieren verschleisst unheimlich viele Ressourcen – und man verliert so den Kontakt zur Forschung.» Nur wenn dafür genügend Zeit am Stück zur Verfügung stehe, könnten jene Freiräume und jene Kreativität entstehen, die ebenso wichtig seien wie die geeignete wissenschaftliche Methodik.

«Reaktionsgefäss des Ökosystems»
Aufgewachsen ist Christine Alewell in Laubach, einer Kleinstadt bei Giessen im deutschen Bundesland Hessen. «Ich war schon immer sehr viel in der Natur», erzählt die passionierte Reiterin, die den norddeutschen Dialekt ihrer Eltern bis heute bewahrt hat. Als junge Frau wollte sie zunächst entweder Tiermedizin oder Biologie studieren, entschied sich dann aber für letzteres Fach. Die Tiermedizin, wie sie damals auf dem Land praktiziert worden sei, sei ihr zu materialistisch und zu wenig wissenschaftlich geprägt gewesen: «Es ging nur darum, den Gewinn aus dem Tier zu optimieren.» Während ihres Biologiestudiums in Göttingen begann sie mit der Waldschadensforschung, die sich unter anderem mit dem sauren Regen befasste. Von dort war der Weg zur forstlichen Bodenkunde nicht mehr weit. Der Boden habe sie schon damals fasziniert, weil er von verschiedenen Disziplinen her erforscht wird, sagt die Professorin: «Hier kommen die verschiedensten Bereiche der Natur zusammen: die Atmosphäre, das Wasser, die Tiere und Pflanzen, die Gesteine …» Christine Alewells Faszination für den Boden hält bis heute an. Den Boden könne man als «das Reaktionsgefäss des Ökosystems» bezeichnen. Wenn beim Menschen die inneren Organe streiken, gehe ja auch nichts mehr. Der Boden steht auch im Zentrum fast aller ihrer früheren und aktuellen Forschungsprojekte, wobei sie sich selbst nicht als klassische Bodenkundlerin sieht, sondern eher als Biogeochemikerin mit Schwerpunkt Boden. Wie im Krimi Als Beispiel für ein interdisziplinäres Vorgehen nennt die Forscherin eines ihrer Projekte, das kurz vor dem Abschluss steht. Es galt, im Auftrag der Energieversorgung Saarland sogenannte Pflanzenkläranlagen zu untersuchen – Bodenfilter in der freien Natur, in denen das Abwasser gereinigt wird. Dabei verwenden die von Christine Alewell und ihren Kollegen und Kolleginnen untersuchten Anlagen verschiedene Lavasande als Filtersubstrat. Die Fragestellung lautete: Weshalb reinigen Sande mit fast genau gleicher Zusammensetzung nicht gleich gründlich? «Es war wie im Krimi», erzählt die Umweltgeowissenschaftlerin, «bis wir herausfanden, dass es das Mineral Zeolith war, welches die grossen Unterschiede in der Reinigungskapazität erzeugte». Christine Alewell erwähnt ein zweites von ihr geleitetes Forschungsprojekt (vgl. UNI NOVA 107/2007): ein vom Schweizerischen Nationalfonds und vom Bundesamt für Umwelt unterstütztes Projekt zu den Ursachen der Bodenerosion im urnerischen Urserental, das inzwischen auf das Goms im Wallis auf der anderen Seite des Furkapasses erweitert worden ist. «Bei der Frage, wie es zur Erosion des Bodens gekommen ist, stösst man plötzlich auf Prozesse, die in fachliches Neuland führen; diese verlangen damit nach Methoden, an die man vorher gar nicht gedacht hat», sagt Christine Alewell. Das mache eine weitere Faszination ihres Berufs aus, der idealerweise die Schreibtischarbeit – von der computergestützten Geoinformatik bis zur Isotopenanalyse im Labor – mit der Feldforschung verbinde.

Erderwärmung in Nordschweden
Zeit haben für die eigene Forschung, das ist Christine Alewell neben der intensiven Begleitung ihrer Studierenden und Doktorierenden besonders wichtig. So berichtet sie noch immer gerne über ihren anderthalbjährigen Auslandaufenthalt Mitte der 1990er-Jahre in Upstate New York. An der Syracuse University suchte sie nach den Verursachern des Eintrags von atmosphärischen Schadstoffen in den White Mountains im Bundesstaat New Hampshire. Im letzten Jahr war es wieder Zeit für einen Auslandaufenthalt: Ihr halbjähriges Sabbatical benutzte Christine Alewell unter anderem dazu, im schwedischen Abisko 200 Kilometer nördlich des Polarkreises mit einem Team der Universität Umeå die Folgen der Erderwärmung in den sogenannten Palsas zu untersuchen, in Mooren über dem Permafrost, die ein einzigartiges Ökosystem bilden. «Wir wissen alle, dass vor allem der CO2-Ausstoss den Klimawandel verursacht, dass wir zu viel Fleisch essen, zu viel Auto fahren und zu viele fossile Brennstoffe verbrauchen», meint sie nüchtern: «Dazu müssen wir nicht mehr forschen.» Doch trotzdem sei es wichtig, die Reaktion der Ökosysteme zu verstehen. Und es müssten vor allem auch Menschen ausgebildet werden, die in ihrem Studium «ökosystemares Prozessverständnis» sowie «logisches, komplexes und naturwissenschaftliches Denken» lernen, sagt Christine Alewell: «Wenn man dann noch dem einen oder der anderen Studierenden ökologische und ethische Werte nahebringen kann, dann ist sehr viel erreicht.» Welche Rolle spielt eigentlich der Umweltschutz im Privatleben der Professorin, die sich gerne im Freien bewegt? Sie fahre viel Velo oder nehme den Zug, kaufe fast nur Bioprodukte und wenig Fleisch ein, erklärt sie. Sie lebt in Basel und im nahe gelegenen südbadischen Wiesental. Hier hat sie zusammen mit ihrem Partner, einem Biologen, einen alten Bauernhof gekauft. «Eigentlich hatten wir beabsichtigt, auf einem neuen Grundstück ein Minergiehaus zu bauen», erzählt sie. Das wäre bestimmt energiesparender gewesen als der alte Hof, den sie mit Holz heizen müssen und später mit einem Windrad und Solarpanels aufstocken wollen. Doch aus der Sicht der Bodenkunde sei der Kauf eines alten Hauses richtig. Denn die zunehmende Fleckenbesiedelung, gerade auch im Einzugsgebiet von Basel, wo es viel leerstehenden Wohnraum gibt, hält sie nicht für gut: «Es ist eigentlich unverantwortlich, immer mehr unbebautes Land zu versiegeln.»

Prof. Christine Alewell, geboren 1966 in Deutschland, ist seit 2003 Ordinaria für Umweltgeowissenschaften der Universität Basel und leitet das gleichnamige Institut im Departement Umweltwissenschaften. Studium der Biologie an den Universitäten Göttingen und Bayreuth, wo sie 1995 promovierte und sich 2001 im Fachgebiet Bodenkunde habilitierte. Hier war sie in verschiedenen Funktionen am Institut für Terrestrische Ökosystemforschung BITÖK tätig. Auslanderfahrungen sammelte sie im südlichen Afrika (Ciskei, 1987/88) und in den USA (Syracuse, New York State, 1996–1998). Ihr Forschungsgegenstand ist die Biogeochemie mit dem Schwerpunkt Boden. An der Universität Basel ist sie in mehreren Gremien engagiert, so unter anderem in der Kommission für Chancengleichheit.

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