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Universität Basel

Lechts und rinks

Helma Wennemers

Helma Wennemers
Helma Wennemers

Lechts und rinks – manch einer mag sagen, da gibt es heutzutage doch kaum noch etwas zu verwechseln … Dabei sind links und rechts für unser Leben enorm wichtig. Aber fangen wir im Alltag an: Wie oft habe ich versucht, einen Flaschenverschluss im Uhrzeigersinn aufzudrehen, jedesmal vergeblich – Flaschengewinde wie auch Schrauben sind bis auf wenige Ausnahmen rechtsgängig. Ebenso ist der Grossteil aller Schneckenhäuser rechtsgängig. Dafür schlängeln sich die Ranken jeder Knöterichpflanze auf dieser Welt linksherum um einen Stab, also gegen den Uhrzeigersinn. Und auch die Treppenhäuser in Ritterburgen sind zumeist linksgängig, was den rechtshändigen Verteidigern der Burg einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Angreifern verschaffte. Nette Anekdoten, mögen Sie sagen, aber wieso sollen links und rechts so wichtig für unser Leben sein? Nun, von den meisten Molekülen, die unseren Körper aufbauen, kann man sich auch zwei Formen vorstellen, die sich wie Bild und Spiegelbild zueinander verhalten, sich aber nicht zur Deckung miteinander bringen lassen. Die beiden Formen sind also vergleichbar mit einer linken und einer rechten Hand. Von derartigen «händigen» Molekülen kommt in unserem Körper nur jeweils eine der beiden Sorten vor. Bei den Aminosäu- Helma Wennemers: Alltagsbetrachtungen III Lechts und rinks ren, aus denen die Eiweisse aufgebaut sind, ist das die linke Form, bei den Zuckern die rechte. Die gleichen Formen von Aminosäuren und Zuckern treten auch bei Pflanzen und Tieren auf und können von unseren Eiweissen, die oft als Enzyme agieren, gut verdaut werden. Nahrung mit «spiegelbildlichen » Zuckern und Aminosäuren wäre im besten Fall unverdaulich, da sie in die Form unserer Verdauungsenzyme nicht hineinpassen und daher nicht abgebaut werden können. Die bestimmte dreidimensionale Form von Eiweissen in unserem Körper ist aber nicht nur bei der Verdauung von Nahrung wichtig, sondern auch bei einer grossen Zahl von Prozessen der Informationsübertragung und daher bei der Entwicklung von Medikamenten. So passt bei einem gängigen Mittel gegen Heuschnupfen zum Beispiel die «linke Hand» des Medikaments deutlich besser in die Passform des Zieleiweisses und ist daher wirksamer als die rechte. Ebenso wirkt sich die definierte Passform der Eiweisse auf unseren Geruchssinn aus: Wenn wir Kümmel und Pfefferminze riechen, so riechen wir nichts anderes als das Bild und das Spiegelbild zweier Verbindungen, die sich ansonsten in nichts voneinander unterscheiden. … und da soll noch jemand sagen, es mache nichts aus, links und rechts miteinander zu verwechseln.

Prof. Helma Wennemers (*1969) ist Extraordinaria für organische Chemie an der Universität Basel. Nach dem Studium in Frankfurt a. M. doktorierte sie an der Columbia-Universität in New York und war danach Postdoktorandin an der Nagoya-Universität in Japan. 1999 kam sie als Stiftungs-Assistenzprofessorin der Firma Bachem an die Universität Basel. In ihrer Forschung untersucht sie die Eigenschaften von Peptiden als Vermittlern von chemischen Reaktionen sowie Bausteinen supramolekularer Aggregate und entwickelt synthetisches Kollagen.
 

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