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Universität Basel

Hirnspezialistin und Sprachforscherin

Christoph Dieffenbacher

Sie erforscht, wie das Gehirn funktioniert, und dabei vor allem, wie es Sprachen verarbeitet. Als eine der ersten Frauen an der Medizinischen Fakultät hatte die Neuroanatomin Cordula Nitsch einige Hürden zu nehmen.

Cordula Nitsch
Cordula Nitsch ist Extraordinaria für Neuroanatomie am Anatomischen Institut. © Andreas Zimmermann

Fotos von Nervenzellen und Gewebeschnitten, Gehirnmodelle und Schemazeichnungen wechseln sich auf dem Bildschirmschoner in bunter Reihenfolge ab. Der dazugehörende Computer steht in einer Ecke zuhinterst im zweiten Stock des Gebäudes, das über dem Eingang mit «Anatomische Anstalt» angeschrieben ist. Das Büro erreicht der Besucher erst, nachdem er einen langen Korridor und zwei Durchgangszimmer durchquert hat. Hier arbeitet die Neuroanatomin Cordula Nitsch, die sich vor allem mit dem menschlichen Gehirn befasst und damit, wie es sich ein Leben lang verändern kann. «Schon als Mädchen wollte ich den Dingen auf den Grund gehen und zum Beispiel genauer wissen, wie ich und meine Mitmenschen funktionieren», erzählt sie. Geboren und aufgewachsen im Schwarzwald mit norddeutschen Eltern und zwei Geschwistern, studierte sie Medizin – und nicht etwa Biochemie, die damals gerade aufkam. Ihr Vater, ein renommierter Neurologe und Psychiater, hat ihr das Medizinstudium empfohlen. Rasch war für sie klar, nicht Ärztin, sondern Wissenschaftlerin zu werden. Besonders als die erste Tochter zur Welt kam, sei damals ein anderer Weg als eine akademische Laufbahn kaum vorstellbar gewesen, wie sie sagt.

Neurochemie und Rollenbilder
Nach dem Studium und der Promotion in Epilepsieforschung gings erst einmal in Labors nach Übersee, nach Japan und an die Ostküste der USA; hier betrieb Nitsch Grundlagenforschung über die Disziplinengrenzen hinweg, so etwa zu Schlaganfällen. «Persönlich prägend war für mich die Zeit in Tokio, wo ich erstmals direkt mit der Geschlechterproblematik konfrontiert wurde, mit all den Vorurteilen und Rollenbildern, die Frauen erleben mussten und heute noch müssen», sagt sie. Zurück in Europa, wechselte Nitsch an die Universität München. Für die Lehre hatte sie sich hier in der allgemeinen Anatomie weiterzubilden, konnte aber ihre Studien zur Anpassungsfähigkeit des Nervengewebes nach Verletzungen weiterführen. Als die zweite Tochter zur Welt kam, gab ihr Mann seine Stelle zwischendurch ganz auf. Bei ihren Bewerbungsgesprächen an anderen Hochschulen sei es damals «nicht ganz einfach» gewesen, zu erklären, dass sie als Frau die Familie ernähre, erzählt die Professorin lachend. Doch solche Auftritte hätten ihr eigentlich mehr Spass gemacht als Ärger bereitet. Nach Basel wurde sie 1987 als erste Frau von aussen an die Medizinische Fakultät berufen. Über das damals neue Thema Gleichstellung und durch ihr Engagement in der Leitbildkommission der Universität gab es rasch Kontakte zu andern Dozentinnen. So konnte sie ihre Beziehungen über ihre Fakultät hinaus ausweiten: Sie leitete ab 2000 das Projekt «Multilingual Brain», das zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus Romanistik und Neuroradiologie die Mehrsprachigkeit untersucht.

Faszinierende Bildgebung
Über die Fortschritte in den Methoden ihres Fachs kommt die Wissenschaftlerin ins Schwärmen: Während man früher erst nach Hirnverletzungen und Ausfällen indirekt beobachten konnte, welche Hirnregion welche Aufgabe hat, eröffneten sich heute mit den bildgebenden Verfahren faszinierende Möglichkeiten. Nun lassen sich Aktivierungen von Gehirnregionen lokalisieren, studieren und interpretieren – was allerdings noch immer sehr anspruchsvoll sei. Nitsch befasst sich mit der Fähigkeit des Gehirns, sich an Veränderungen der inneren und äusseren Umgebung anzupassen. Die Sprache sei jene Fähigkeit des Menschen, die am schwersten zu untersuchen sei, da es dafür keine biologischen Modelle gebe. Bei «Multilingual Brain» verglich Nitsch Aktivierungsmuster von gesunden Probanden, die als Kind entweder ein- oder mehrsprachig aufgewachsen waren. Ungewöhnlich war dabei der Forschungsansatz: «Statt einzelne Aspekte der Sprache zu testen, haben wir die Leute eine Geschichte erzählen lassen, weil Sprache doch viel mehr umfasst als einzelne Wörter. Nach Auffassung vieler naturwissenschaftlich geprägter Kollegen ist dieser Ansatz nur schwer kontrollierbar», sagt sie. So habe es relativ lange gedauert, bis das Projekt «Multilingual Brain» in der Fachwelt anerkannt wurde. Einen Königsweg zur Untersuchung der Sprachverarbeitung im Gehirn gebe es nicht. Erst eine Gesamtschau der Daten aus vielen ganz unterschiedlichen Versuchen erlaube es, so die Forscherin, Aussagen über die Mechanismen zu machen, wie das Gehirn eine oder mehrere Sprachen verarbeitet.

Vielfalt als Chance
«Ein Neugeborenes kann sämtliche Sprachlaute der Welt wahrnehmen – später verengt sich dieses Spektrum auf die Sprache(n) seiner Umgebung», erläutert die Professorin. Wenn ein Kind mehrere Sprachen lernt, bildet sich dies in den neuronalen Netzwerken seines Gehirns ab: «Dort bilden sich früh die Strukturen für Sprache. Bei frühen Mehrsprachigen sind diese Strukturen nahe beieinander, während bei späten Mehrsprachigen die aktivierten Sprachregionen weiter auseinanderliegen.» Das könnte vielleicht ein Grund dafür sein, warum Sprachenlernen für viele Erwachsene so viel schwieriger ist. Wenn sie von Eltern um Rat gefragt wird, gibt Nitsch meist denselben Tipp: «Je vielfältiger die sprachliche Umgebung, desto bessere Chancen hat ein Kind.» Da sie mit ihrer Familie in verschiedenen Ländern lebte, sind ihre beiden Töchter mehrsprachig aufgewachsen. Die eine ist heute ebenfalls Medizinerin, die andere Mathematikerin. Und auch wenn Nitsch Mitte 2010 emeritiert wird, will sie weiterhin in der Forschung auf dem Laufenden bleiben und Vorträge in der Öffentlichkeit halten. Dann hofft sie auch, häufiger Wanderungen unternehmen zu können und in ihrem Garten endlich «etwas mehr Ordnung » zu schaffen, wie sie mit einem Lachen meint.

Prof. Cordula Nitsch ist Extraordinaria für Neuroanatomie am Anatomischen Institut der Universität Basel. 1945 in Neustadt (Schwarzwald) geboren, besuchte sie die Schulen in Freiburg/Br. und studierte Medizin in Frankfurt/M. und Wien. Ihre Dissertation schloss sie 1975 am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt ab, wo sie über Epilepsie, Parkinson und Schlaganfälle forschte. Nach Aufenthalten in Tokio und am National Institute of Health in Bethesda (Maryland, USA) ging sie 1982 an die Anatomische Anstalt der Universität München und habilitierte sich dort 1983 in Neuroanatomie und 1984 in Anatomie. Nach ihrer Berufung nach Basel 1987 beschäftigte sie sich zunehmend mit der sogenannten Plastizität des Gehirns nach Hirnschädigungen und durch Lernen und Gedächtnis. Seit 2000 leitet sie «Multilingual Brain», ein Projekt zur Mehrsprachigkeit. Nitsch ist mit einem Psychologen verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

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