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Universität Basel

Fisch gegen Sex

Sonja Merten

In Sambia verkaufen Fischer ihre Fänge an arme Händlerinnen im Tausch gegen Sex. Gegen die drohende Stigmatisierung grei fen die Frauen auf traditionelle Bräuche zurück.

Fischhändlerin in Sambia.
Fischhändlerin in Sambia: Von Stigmatisierung bedroht, bestehen sie auf ihren materiellen und sexuellen Rechten. © Sonja Merten

Im abgelegenen Kafue-Flussgebiet in Sambia südlich der Hauptstadt Lusaka leben Fischer und Bauern – sogenannte Agropastoralisten mit Landwirtschaft und Viehhaltung –, die miteinander einen regen Handel betreiben. Vor allem die Bauersfrauen verkaufen regelmässig Fisch, den sie in den teils weit von ihren Dörfern entfernten Fischcamps erstehen. Fehlt ihnen das Geld dazu, ist der Tausch «Fisch gegen Sex» eine Möglichkeit, dennoch zu Fisch zu kommen. In vielen Regionen Afrikas ist, wer in Fischerei, Fischverarbeitung und Handel tätig ist, einem erhöhten Risiko ausgesetzt, sich mit HIV zu infizieren. Gründe dafür sind etwa die Mobilität der Fischer und Händler sowie die Verfügbarkeit von Geld, Alkohol und Prostitution auf den Marktplätzen; zudem sind Kondome kaum erhältlich. Frauen, die mit Fisch handeln, selbst wenn sie nicht in sexuelle Transaktionen verwickelt sind, werden zunehmend für die Verbreitung von Aids verantwortlich gemacht. Besonders solche in prekären Verhältnissen, oft verwitwet, geschieden oder unverheiratet, geraten in Verdacht, Fisch durch Sex zu erwerben. Da der Fischhandel das wohl einträglichste Einkommen darstellt, werden gerade die Ärmsten sozial und ökonomisch weiter marginalisiert.

Frauen unter Druck
Die zu erwartenden Gewinne sind für die Frauen zu interessant, als dass sie den Fischhandel aufgeben würden. Gegen die drohende Stigmatisierung versuchen sie, ihre sexuellen Beziehungen zu den Fischern zu legitimieren, indem sie mit ihnen nach lokalen traditionellen Heiratsregeln leben: Oft gehen sie mit einem Fischer eine temporäre Beziehung ein, bleiben eine Woche bis mehrere Monate im Camp und verarbeiten den grössten Teil seiner Fänge; den getrockneten Fisch verkaufen sie dann auf eigene Rechnung. Diese Form des Tausches basiert auf gegenseitigem Einverständnis. Doch häufiger setzen die Fischer die Händlerinnen unter Druck, indem sie sich weigern, Fisch ohne sexuelle Gefälligkeiten zu verkaufen. Gerade Frauen mit wenig Ressourcen können es sich nicht leisten, das «Angebot» auszuschlagen, und riskieren so, sich mit sexuell übertragbaren Infektionen anzustecken. Die Fischer müssen ihr sexuelles Verhalten nicht legitimieren, da es sozial akzeptiert ist. Reputation und der Wunsch, ihr Leben im Camp mit einer Frau zu teilen, sind die häufigsten Gründe, die sie für diese Beziehungen anführen. Frauen dagegen insistieren darauf, sich nur wegen ihrer finanziellen Notlage mit den Männern einzulassen. Diese Sicht entspricht dem gängigen Entwicklungsdiskurs, nicht jedoch der Wahrnehmung der Beteiligten selbst. Ist der Tausch immer gleichzusetzen mit Prostitution als Folge von Armut? Oder gibt es spezifische kulturelle und soziale Hintergründe, die den Frauen in diesen Beziehungen Handlungsmacht verleihen können? Welche Möglichkeiten haben Frauen, einer Stigmatisierung entgegenzutreten? Während der Entwicklungsdiskurs auf Armut und Ungleichheit zwischen den Geschlechtern setzt, wird auf lokaler Ebene angenommen, dass auch traditionelle Regeln und Praktiken bei der Verbreitung von HIV mit eine Rolle spielen. So stehen moderne, christliche Normen den Traditionen der Bauern gegenüber, welche die Witwenverheiratung kennen, Ehebruch finanziell kompensieren und aussereheliche Beziehungen auch von Frauen formalisieren. Der Tausch «Fisch gegen Sex» wird entweder mit Prostitution gleichgesetzt oder als lubambo bezeichnet, eine transformierte «traditionelle» Regel, die aussereheliche Beziehungen von Frauen legitimierte. Solche Beziehungen wurden unter gewissen Bedingungen sozial akzeptiert und werden es teils noch heute. Lubambo hat sich im letzten Jahrhundert fundamental gewandelt. Nach einem Bericht des ersten Verwalters der British South African Company von 1902 konnte eine verheiratete Frau im Distrikt einen offiziellen Liebhaber (mambakwe) haben, der öffentlich eingesetzt wurde. Die Zeremonie umfasste die Übergabe von Geschenken an den Ehemann, in der Regel ein Stück Vieh; die Frau übergab dem Mann Speere, die speziell dafür hergestellt wurden. Diese Formalisierung verlieh der Beziehung Verbindlichkeit, allerdings nicht unbedingt Legitimität. Noch heute wird ein mambakwe einer Frau materielle Zuwendungen zukommen lassen, die sich ihr Ehemann nicht leisten kann; nur noch selten geschieht dies mit dessen Einverständnis.

«Gefährlicher» Wandel
Bereits spätere Kolonialverwalter betrachteten lubambo als Prostitution, bei welcher der Ehemann als Zuhälter figurierte. Beunruhigt waren die Beamten ebenso darüber, dass Frauen dadurch an ökonomischer Macht gewannen, und orteten einen gefährlichen Wandel der afrikanischen Gesellschaft, der die Autorität der Älteren und damit auch ihre eigene in Frage stellte – weibliche Promiskuität als Indikator sozialer Instabilität. Diese Haltung setzte sich zum Teil in die heutige lokale Gesellschaft fort, was sich in der Stigmatisierung geschiedener oder verwitweter Frauen zeigt. In den Arrangements der Frauen mit den Fischern lebt heute die Institution lubambo in modifizierter Form weiter. Frauen bestehen auf ihren materiellen und sexuellen Rechten und setzen sie auch vor Gericht durch. Während in den frühen Kolonialjahren die weibliche Sexualität sicher nicht permissiv war, sondern stark kontrolliert wurde, war es den Frauen dennoch möglich, Beziehungen, auch aussereheliche, zu leben, sofern sie sozial sanktioniert und damit moralisch legitimiert waren. Diese Beziehungen umfassten immer auch den Tausch materieller Güter. Erst als sich die Autonomie der Frauen verstärkte und sie von den materiellen Zuwendungen ihrer Liebhaber profitierten, wurde der Brauch in die Nähe der Prostitution gerückt und zusehends stigmatisiert. Durch die lokale Interpretation sexueller Transaktionen als lubambo können die Frauen diese Beziehungen moralisch legitimieren und die Stigmatisierung abschwächen. Die steigende Bedeutung nationalistisch orientierter Gruppierungen verleiht diesen «traditionellen» Werten und Normen vermehrt Gewicht. Selbst wenn dem Tausch «Fisch gegen Sex» letztlich ökonomische Ursachen zugrunde liegen, wird dadurch die Handlungsfähigkeit der Frauen in der lokalen Gesellschaft gestärkt.

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