x
Loading
+ -

Universität Basel

Telemedizin: Globaler Wissensaustausch

Martin Oberholzer

Medizinisches Wissen wird über Internet ausgetauscht , damit bessere und schnellere Diagnosen mögl ich sind: Telemedizin zeigt einen neuen Weg zu einer Globalisierung in der Medizin.

Diagnose nach Konsultation per Internet: Patient mit Tumor und Gewebeschnitt.
Diagnose nach Konsultation per Internet: Patient mit Tumor und Gewebeschnitt. © Hermann Oberli

«Knowledge transfer», «Networking», «Adding value» und «Globalization» sind Begriffe, die derzeit gross in Mode sind. Effizienter «Knowledge transfer» erfordert präzise Inhalte und eine klare Organisation des Prozesses. «Networking» steht und fällt mit der Sozialkompetenz der Personen im Netz. Und «Globalization » bedeutet eine «weltweite Verteilung von Gütern und Teilnahme von unbekannten Partnern an neuen Entwicklungen ». Zu den wichtigsten Gütern in der Medizin gehören Kenntnisse und Erfahrungen in Diagnostik und Therapie. Diagnosen werden immer häufiger anhand von Bildern oder Videosequenzen gestellt. Eine Diskussion über Diagnosen lässt sich deshalb auf einen Austausch von Meinungen zu Bildern oder anderen Objekten reduzieren. Wenn Patienten und Patientinnen irgendwo auf der Welt davon profitieren sollen, muss das für die Diskussion benützte «Gefäss» benutzerfreundlich, einfach, schnell, mit beliebigen Partnern, zu beliebigen Themen und jederzeit einsetzbar sein. Diesem Anspruch genügt das am Institut für Pathologie des Universitätsspitals Basel (Pathologie Basel) entwickelte Telemedizinsystem «iPath». Dabei stellen sich Partner gegenseitig ihr Wissen zur Verfügung. Ein solcher Wissensaustausch dient der Qualitätssicherung in Diagnostik und Therapie sowie einer nachhaltigen Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten, Pflegepersonal und Studierenden. Ein Beispiel für eine «elektronische Krankengeschichte», wie sie heute durch Telemedizin möglich wird: Ein 41-jähriger Mann auf den Salomon- Inseln im Südpazifik leidet an einer schmerzhaften Verdickung des rechten Augenunterlids. Im National Referral Hospital in der Hauptstadt Honiara wird dem Patienten eine Gewebeprobe entnommen. Bilder und eine Beschreibung der Erkrankung werden ins Internet gestellt, worauf Fachkollegen aus aller Welt den Fall kommentieren. 36 Stunden später liegt den Ärzten die Diagnose vor: leider ein bösartiger Tumor des Augenunterlids (siehe Bilder rechts).

Einer fragt, viele antworten
Für die Diskussionen auf Distanz müssen die zu besprechenden Objekte (Bilder, Videosequenzen und andere Dokumente) von einer Datenbank auf einem Server den Partnern bereitgestellt werden. Neu am Konzept des Telemedizinsystems der Pathologie Basel ist, dass die Partner ihre Beiträge an einen Server übermitteln und nicht mehr persönlich an die andern Partner. Damit sich ein erfolgreicher Dialog entwickeln kann, muss der Prozess minimal strukturiert und organisiert sein. Auf diesem Hintergrund entspricht Telemedizin einem «geordneten, strukturierten und nachhaltigen Dialog auf Distanz über Befunde von Patienten». Das Konzept der in Basel entwickelten Telemedizin sieht so aus: Die Konversation über medizinische Befunde wird zwischen einem Nichtexperten, der fragt, und mehreren Experten, die antworten, geführt. Der Nichtexperte muss über eine Bildquelle, einen Computer, einen Anschluss ans Internet und eine Registrierung in einer Diskussionsgruppe verfügen, der Experte über einen Computer, eine Registrierung und einen Internetanschluss. Alle am Dialog Beteiligten entsprechen Clients, die ihre Informationen auf einer gemeinsamen Plattform, dem Server, deponieren. Die Telemedizin startete in der Schweiz 1991 im Rahmen des Projekts »Modellkommunikationsgemeinden» der damaligen PTT. Dabei wurde zwischen der Pathologie Basel und dem Kreisspital Oberengadin in Samedan eine intraoperative Schnellschnittdiagnostik etabliert. Nachdem 2000 das Internet verfügbar war, wurde das Telemedizinsystem überarbeitet und vollständig neu entwickelt. Dies war der Start für eine Intensivierung des Forschungsprojekts in Basel, bei dem die Grundlagen für eine Telemedizin gelegt wurden, die gleichzeitig in industrialisierten und in Entwicklungsländern kostengünstig einsetzbar ist. Das System basiert auf einer Open-source-Software. Die Datenbank ist in Diskussionsgruppen unterteilt, denen die einzelnen Patientinnen und Patienten zugeordnet sind. Seit dem Start haben sich über alle Kontinente verteilt zahlreiche Diskussionsgruppen gebildet; derzeit am aktivsten sind solche Gruppen in Deutschland, Kambodscha, Bangladesh, Palästina, Tansania und Malawi. Die meisten davon arbeiten auf dem Server des Universitätsrechenzentrums Basel. Telemedizin wird von der Pathologie Basel seit mehreren Jahren auch in der Mongolei gefördert: Wegen der grossen Distanzen und fehlender Verkehrswege verbessert sie die Kooperation zwischen der Universität in Ulaanbaatar und weit entfernten Provinzspitälern.

Leicht adaptierbar
Das Telemedizinsystem wurde in den letzten Jahren sehr gut akzeptiert. Im Moment werden täglich 120 Logins verzeichnet, über 4000 aktive Benutzer sind registriert und über 20’000 Fälle mit 160’000 Bildern und mehr als 45’000 Kommentaren von Experten abgelegt. Das System wird inzwischen nicht mehr nur in der Telepathologie zur Unterstützung der Diagnostik verwendet, sondern auch in andern Bereichen der Medizin wie Lehre, Weiterbildung und Dokumentation. Das Internet hat die volle Entfaltung der Telemedizin möglich gemacht. Das Konzept der Pathologie Basel entspricht einem Paradigmenwechsel: Es führt zu einem Umdenken weg von isolierten, »monolithischen» Telemedizinsystemen hin zu modularen, leicht adaptierbaren und frei organisierbaren Systemen – weg von der «E-Mail-Vorstellung» zur «Client-Server-Optik». Garantie für eine erfolgreiche Anwendung von Telemedizin gewährt nur eine weitsichtige und transparente Organisation der Zusammenarbeit der Partner untereinander, eine permanente Administration des Systems und die Sicherung der Kompetenz für den Unterhalt und die Weiterentwicklung. Wenn diese Grundbedingungen konsequent umgesetzt werden, können weltweit zahlreiche Patientinnen und Patienten unabhängig von ihren Standorten von den Fortschritten der Medizin profitieren. In den bisherigen Projekten ging es um Forschungspartnerschaften in zwei grundsätzlich verschiedenen Umfeldern: zum einen in informatiktechnisch gut versorgten Regionen und zum andern in Weltregionen mit minimaler Kommunikationsinfrastruktur. Es liess sich nachweisen, dass eine flexible, an die realen Bedürfnisse adaptierbare und modular aufgebaute Telemedizin in beiden Umfeldern das zu leisten vermag, was sich die Benützer von ihr versprechen. Alle am Netzwerk Beteiligten («Networking») können einen Mehrwert («Adding value») generieren und dabei gewinnen («Win-Win-Situation»).

nach oben