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Universität Basel

Die Schweizer «Spanienkämpfer»

Peter Huber

Der durch einen Militärputsch ausgelöste Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 gilt als Vorstufe zum Zweiten Weltkrieg. Der Konflikt polarisierte die europäischen Zeitgenossen, von denen viele mitkämpften. Eine Studie am Historischen Seminar dokumentiert nun das Helfermilieu in der Schweiz.

Juli 1936: Milizionäre verteidigen die Stadt Barcelona gegen die Akteure des Militärputschs.
Juli 1936: Milizionäre verteidigen die Stadt Barcelona gegen die Akteure des Militärputschs. © Rotpunktverlag

Von der Schweiz aus zogen gegen 800 Freiwillige – zur überwiegenden Mehrheit Männer – nach Spanien und kämpften in den Milizen oder als Brigadisten gegen die Truppen der putschenden Generäle um Francisco Franco. Die Tragik dieser Freiwilligen war erstens jene der Republik: Von den westlichen Demokratien, besonders Grossbritannien und Frankreich, im Stich gelassen, kämpfte sie mit dem Rücken zur Wand. Die Tragik der Freiwilligen war auch jene von rund 40’000 Menschen, die aus einer Bewegung stammten, die Krieg und Militarismus ablehnte. Ein Freiwilliger brachte das Problem auf den Punkt: «Als Antimilitaristen erzogen, war uns das Soldatenleben anfangs schwer.» Und die dritte Tragik war jene der vermeintlichen «Freiwilligkeit», die sich bald in die Zwänge eines ganz normalen Kriegsdienstes verwandelte. Die Basler Studie will unter anderem zur Entmythologisierung der Beweggründe der damaligen Freiwilligen aus der Schweiz beitragen: Denn die politische Rechte verteufelte sie als irregeführte Handlanger im Dienst von Stalin, während sie die politische Linke im Gegenzug als Heroen der Freiheit romantisierte.

Faschismus stoppen
Die Beweggründe der Freiwilligen für den Wegzug nach Spanien waren vielfältig und ineinander verquickt. Bei allen spielte die politische Motivation mit, aber in sehr unterschiedlichem Ausmass. Der Aufstand der Generäle wurde als weitere Etappe im Vormarsch des Faschismus wahrgenommen, der Freiheit, Demokratie und Frieden in Spanien und mittelfristig auch in der Schweiz bedrohe. In Spanien wurde somit auch, sozusagen als Nebeneffekt, die Freiheit der eigenen Heimat verteidigt. Diese Argumentation war den Schweizer Militärrichtern völlig fremd, zumal sie den Gesetzen hierzulande zuwiderlief: «Der Einwand des Angeklagten Wilhelm Wyss, er habe in Spanien auch für die schweiz. Demokratie gekämpft, ist vollständig unbegründet», heisst es in einer Akte. «Die Schweizer haben ihre Demokratie auf ihrem eigenen Boden zu verteidigen.» Als weiteres politisches Motiv für den Aufbruch nach Spanien gaben Freiwillige auch ganz lapidar «Solidarität mit der spanischen Arbeiterklasse» an. Solidarität wurde dabei als Interessengemeinschaft verstanden, mit dem moralischen Imperativ, dem Angegriffenen beizustehen – zum Wohl von beiden. Andere Freiwillige erwähnten politische und wirtschaftliche Gründe in einem Zug und gewichteten beide Motive gleichwertig: «Ich bin aus Idealismus hingegangen, muss aber hinzufügen, dass ich in der Schweiz ohne feste Stelle und mehrmals teilarbeitslos war», berichtete einer.

Hier Trostlosigkeit …
Die Hälfte der Freiwilligen erwähnte als Grund für den Aufbruch in den Bürgerkrieg nach Spanien auch die als unerträglich empfundene berufliche und gesellschaftliche Lage. Neben der Arbeitslosigkeit wurde immer wieder dem Gefühl Ausdruck gegeben, in der Schweiz nicht aufgehoben zu sein und keinen Platz zu finden. Freiwillige mit prekären Saisonstellen wie Bauarbeiter, Hilfsgärtner und Kellner fühlten sich hier als Parias und projizierten in den Wegzug nach Spanien die Möglichkeit eines persönlichen Neubeginns. Eine Folge der prekären Lebenslage war oft das Unvermögen, den Familienpflichten nachzukommen. Viele geschiedene Freiwillige erwähnten als Auslöser für den Wegzug Schwierigkeiten beim Bezahlen der monatlichen Unterhaltsbeiträge. Die Hoffnung auf einen schnellen Sieg im Bürgerkrieg liess viele von einer Zukunft in Spanien träumen: Man malte sich bereits aus, die Familie, der man bisher in der Schweiz wenig bieten konnte, in den Süden zu holen und ihr eine neue Heimat zu geben. Der Basler Lorenz Salvetti schrieb bei der Einreise nach Spanien seiner Frau in der Schweiz, Franco habe jetzt schon verloren, und ermuntert sie, sich und die Kinder bereitzumachen.

… dort verheissenes Land
Zu den eng verzahnten wirtschaftlichen und politischen Beweggründen gesellte sich noch ein «Pull-Faktor», der in die bisherige Forschung noch keinen Eingang gefunden hat: Spanien besass eine Aura, die faszinierte, und das Land war in der Schweiz omnipräsent. Es war «die Heimat der natürlichen Grazie und der besten Tänzerinnen» – so hiess es in einem der ersten Berichte in der Schweiz zum Bürgerkrieg. Spanien galt als Magnet, war in aller Munde und in der entstehenden Massenkultur stark präsent. Dieses positive Bild Spaniens in der schweizerischen Lebenswelt musste sich auch auf die Motivation der Freiwilligen abgefärbt haben. Der Zürcher Hans Hutter jedenfalls meinte: «Sicher gingen mein Bruder und ich nach Spanien wegen der Demokratie und der Freiheit; aber noch etwas anderes spielte mit: Wir wären zum Beispiel nicht nach Polen gezogen, um uns den Nazis entgegenzustellen. Wir gingen nach Spanien, weil wir für dieses Land eine gewisse Hinneigung hatten, und wir fühlten uns im Innersten verbunden mit dem, was dort unten passierte.» Spanien wurde mit dem Militärputsch vom Juli 1936 nicht nur ein Opfer, dem man zu Hilfe eilte, es war auch eine Art verheissenes Land, eine neue, in Fluss geratene Gesellschaft, in der die Arbeiter zu Protagonisten erwacht waren. Das Land wurde zu einem neuen Amerika, zu einer neuen Sowjetunion und hatte diesen Projekten erst noch vieles voraus: Spanien galt als warmherzig, verlockend – und lag erst noch nicht allzu weit weg.

Nach 70 Jahren rehabilitiert
Mit den Bundesratsbeschlüssen vom August 1936 verbot die Schweiz jegliche «Teilnahme an den Feindseligkeiten in Spanien». Keine andere Demokratie zeigte eine solche Härte gegenüber der Solidaritätsbewegung mit der Spanischen Republik. Bundesanwaltschaft und Bundespolizei setzten der Bewegung mit Hausdurchsuchungen, Festnahmen und Postüberwachungen sowie politisch motivierten Prozessen enge Grenzen. Alle heimkehrenden «Spanienfahrer », derer man habhaft werden konnte, wurden wegen fremden Kriegsdiensts und Schwächung der Wehrkraft vor Militärgericht gestellt. Ein erster Vorstoss für eine Amnestie scheiterte bereits 1939. Zur Zeit des Kalten Kriegs hatte die von der Linken geforderte Rehabilitierung keine Chance, galt doch Franco-Spanien als antikommunistisches Bollwerk. Erst im März 2009 haben nun Bundesrat und Parlament einer Gesetzesvorlage zugestimmt, welche die Gerichtsurteile gegen die politischen und militärischen Helfer der Spanischen Republik in globo aufhebt. Von den damals rund 500 Verurteilten waren zu diesem Zeitpunkt gerade noch fünf am Leben.

«Helfer an vorderster Front»
Die nun in Buchform vorliegenden Resultate sind eine notwendige Ergänzung zu jenen wissenschaftlichen Studien, welche die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ausgelotet haben. Das Interesse am Konglomerat von «Helfern», die bereits von 1936 bis 1939 für die bedrohte (und schliesslich besiegte) Spanische Republik einstanden, war seit dem Dokumentarfilm «Schweizer im Spanischen Bürgerkrieg» von Richard Dindo (1974) im Wachsen. Das Forschungsprojekt hat nun eine Lücke geschlossen, indem die von der Schweiz aus geleistete Hilfsarbeit in all ihren Facetten rekonstruiert wurde. Zugleich werden in Biografien jene Personen vorgestellt, die damals «Helfer an vorderster Front» waren, aber bisher im Dunklen geblieben sind. Die Arbeit liegt schliesslich auch auf der Linie der durch die Bergier-Kommission ausgelösten Debatte um «Les justes», das heisst jene Menschen, die – meist nur ihrem Gewissen gehorchend – den Notleidenden halfen und dabei in Kauf nahmen, behördliche Vorschriften zu übertreten. Die Strafakten der Militärjustiz im Bundesarchiv mit Verhörprotokollen, Leumundsberichten und Zeugenaussagen sind eine einmalige Fundgrube zur Erstellung des Profils der Freiwilligen. Es handelt sich um «parteiliche Akten», die durch einen zweiten Fundus – hinterlegt in Moskau – relativiert und angereichert werden: das Archiv der internationalen Brigaden mit den in Spanien angelegten Personalakten. Beim Verfassen der Biografien bemühten sich die Autoren der Studie, zwischen den Zeilen der ideologisch aufgeladenen Akten zu lesen und das soziobiografische Profil des Helfermilieus herauszuschälen.

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