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Universität Basel

Wie geht es weiter nach der Schule?

Thomas Meyer

Wie vollziehen junge Menschen den Übergang von der obligatorischen Schule in weiterführende Ausbildungen und ins Erwachsenen- und Arbeitsleben? Wie ergeht es ihnen dabei, auf welche Schwierigkeiten stossen sie? Gesicherte Antworten darauf liefert TREE, die erste nationale Jugendlängsschnittuntersuchung der Schweiz.

Seit bald 20 Jahren ist das schweizerische Bildungswesen eine einzige grosse Baustelle. Aufbau der Fachhochschulen und Berufsmaturitäten, Reform der gymnasialen Maturität, Reform des Berufsbildungsgesetzes, dazu die Diskussionen um die Basisstufe und andere interkantonale Harmonisierungsprojekte wie Harmos: Kaum ein Teil des Bildungssystems ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten von Strukturreformen unberührt geblieben. Paradoxerweise wusste man bis vor wenigen Jahren wenig darüber, wie die jungen Lernenden das hiesige Bildungssystem durchlaufen. Die Jugendlängsschnittuntersuchung TREE (siehe Kasten Seite 8) hat hier wesentlich dazu beigetragen, Wissensund Forschungslücken zu schliessen.

Die Hälfte auf Umwegen
Der Übergang zwischen der obligatorischen Schule und weiterführenden nachobligatorischen Ausbildungen ist in der Schweiz seit längerer Zeit ein regelrechtes Nadelöhr. Der Lehrstellenbarometer des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie zeigt Jahr für Jahr, dass Tausende von Ausbildungsplätzen fehlen. Dies führt dazu, dass ein bedeutender Teil der Schulabgängerinnen und -abgänger Umwege und «Warteschlaufen» in Kauf nehmen müssen, bevor sie eine Lehrstelle oder einen Platz in einer weiterführenden Schule finden. Die Grafik rechts veranschaulicht dies deutlich. Auf der linken Seite des stilisierten Baums sind die «gradlinigen» Verläufe aufgetragen, also jene, die direkt in eine Berufslehre, eine Maturitätsschule oder eine vergleichbare Ausbildung einsteigen und sie ohne Unterbrüche oder Wechsel durchlaufen. Über drei Jahre nach Austritt aus der obligatorischen Schule hinweg beobachtet, sind es nur gerade etwas mehr als die Hälfte aller Schulabgängerinnen und -abgänger (55%), die solche gradlinigen Ausbildungsverläufe aufweisen. Fast ein Viertel aller Schulentlassenen können nicht damit rechnen, direkt in eine nachobligatorische Ausbildung einzusteigen. Sie absolvieren Zwischenjahre, Praktika oder Vorbereitungskurse und versuchen es ein Jahr später wieder – fast ein Drittel von ihnen wiederum ohne Erfolg. Andere wechseln nach einem oder zwei Jahren die Ausbildung oder steigen (vorübergehend oder definitiv) aus ihr aus. So durchläuft fast die Hälfte der Schulentlassenen (45%) in der Schweiz ihre nachobligatorische Bildungslaufbahn diskontinuierlich, mit Umwegen, Wechseln und Unterbrüchen.

Gemächliche Übergänge
Der hohe Anteil Jugendlicher mit diskontinuierlichen Bildungsverläufen wirkt sich auch auf die Übergangsdauer aus. Erst im zweiten Jahr nach Schulaustritt erreicht die Bildungsbeteiligung auf Sekundarstufe II (berufliche Grundbildung, Maturitätsschulen und vergleichbare Ausbildungen) mit 90% ihren Höhepunkt. Fünf Jahre nach Schulaustritt, also im Alter von durchschnittlich 21 Jahren, sind immer noch über ein Fünftel der Befragten in einer betrieblichen oder schulischen Erstausbildung auf Sekundarstufe II (Lehre, Gymnasium o.Ä.). So schreitet auch der Übergang an der sogenannten zweiten Schwelle (Übergang von der beruflichen Grundbildung oder vom Gymnasium ins Berufsleben oder in eine Ausbildung auf Tertiärstufe) eher gemächlich voran. 2007 – sieben Jahre, nachdem die Jugendlichen aus der Schulpflicht entlassen wurden – besuchen rund ein Viertel von ihnen eine höhere Fachschule, eine universitäre oder eine Fachhochschule. Mit durchschnittlich rund 23 Jahren haben 2007 erst rund die Hälfte das Ausbildungssystem verlassen und eine Erwerbstätigkeit aufgenommen. Der Übergang ins Erwachsenen- und Erwerbsleben ist nach sieben Jahren noch längst nicht bei allen vollzogen.

Löhne und Wohnen
Von jenen, die bis 2006 das Ausbildungssystem verlassen und eine Erwerbstätigkeit aufgenommen haben, verdient die Hälfte weniger als 4200 Franken brutto monatlich. Bei der gesamten Erwerbsbevölkerung liegt dieser Medianwert bei 5700 Franken. Personen ohne nachobligatorischen Ausbildungsabschluss verdienen deutlich weniger als Lehrabgängerinnen und -abgänger. Junge Erwachsene in der West- und Südschweiz müssen sich zudem im Vergleich zur Deutschschweiz mit deutlich geringeren Löhnen begnügen. Eklatant sind schliesslich die Lohnunterschiede nach Geschlecht: Bei vergleichbaren Bedingungen und Qualifikationen verdienen Frauen im Durchschnitt monatlich fast 500 Franken (oder über 10%) weniger als Männer. Die Ergebnisse von TREE legen auch nahe, dass junge Erwachsene in der Schweiz keine Eile damit haben, von Zuhause auszuziehen. Bis 2006, also bis zu einem Alter von durchschnittlich etwa 22 Jahren, haben erst rund 40% der Befragten das Elternhaus verlassen. Dabei ist der Anteil der Frauen, die nicht mehr bei den Eltern wohnen, fast doppelt so hoch wie jener der Männer (49% gegen 28%). Andere wichtige Lebensereignisse wie Heirat oder Geburt des ersten Kinds betreffen nur eine verschwindend kleine Minderheit (5% und weniger).

Ziel : Nachhaltige Integration
Als erste nationale Jugend- Panel-Untersuchung ist TREE aus der Schweizer Bildungsforschung kaum mehr wegzudenken. Die Längsschnittanalyse eines ganzen Schulabgängerjahrgangs hat den Blick auf die nachobligatorischen Ausbildungsverläufe nachhaltig verändert. Frühere Längsschnittstudien beschränkten sich oft auf einen Teilübergang oder auf eine bestimmte Gruppe von Jugendlichen. Mit seiner synoptischen Betrachtung sämtlicher Ausbildungswege über einen längeren Zeitraum erlaubt TREE, etwa das Ausmass diskontinuierlicher Verläufe erstmals deutlich zu machen. In den nächsten Jahren wird der Forschungsfokus vor allem auf dem Einstieg ins Erwerbsleben und den ersten Jahren der beruflichen Laufbahn liegen. Hier wird erstmals für die Schweiz gezeigt werden können, welches die Bedingungen für eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt sind.

TREE – weltweit einzigar tig Die Jugendlängsschnittstudie TREE (Transitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben) verfolgt seit 2000 den Werdegang von über 6000 jungen Menschen aus der ganzen Schweiz, die damals an der Leistungsmessungsstudie Pisa teilnahmen und im gleichen Jahr die obligatorische Schule verliessen. Die Studie ist in der Schweiz die erste ihrer Art und auch weltweit einzigartig: Sie kann die schulische, persönliche und soziale Situation, in der sich die untersuchten jungen Menschen am Ende ihrer obligatorischen Schulzeit befinden, mit ihrem weiteren biografischen Verlauf verknüpfen. So lassen sich nicht nur die individuellen Ausbildungs- und Erwerbsverläufe detailliert nachzeichnen, sondern auch Chancen und Risikofaktoren bestimmen, die eine erfolgreiche Laufbahn begünstigen oder erschweren. Die gut 6000 jungen Menschen der Stichprobe wurden zwischen 2001 und 2007 jährlich detailliert über ihre Ausbildungs- und Erwerbstätigkeiten, ihre Gesundheit, Zufriedenheit und Befindlichkeit, aber auch über Aspekte wie Werthaltungen, soziale Unterstützung oder Drogenkonsum befragt. Eine weitere Befragung ist 2010 geplant, also zehn Jahre, nachdem die Untersuchten aus der Schulpflicht entlassen wurden. Die Stichprobe ist auf nationaler und sprachregionaler Ebene repräsentativ für den rund 80’000 Personen umfassenden Abgangsjahrgang des Schuljahrs 1999/2000. Zahlreiche Ergebnisse wurden bereits veröffentlicht, bisher vor allem zum kritischen ersten Übergang zwischen Schulaustritt und weiterführenden Ausbildungen; die Resultate sind grösstenteils auf der Projekt-Website verfügbar. TREE ist seit April 2008 am Institut für Soziologie der Universität Basel angesiedelt, wo Prof. Max Bergman zusammen mit Dr. Sandra Hupka und Thomas Meyer die Ko-Leitung des Projekts innehat. Das Projekt wird zur Hauptsache vom Schweizerischen Nationalfonds getragen, während die Universität Basel eine substanzielle Kofinanzierung leistet. Es koordiniert ein nationales Forschungsnetzwerk und eine Reihe von internationalen Kooperationen, damit die Daten auch ihrer Reichhaltigkeit angemessen ausgewertet werden; sie sind allen interessierten Forschenden zugänglich. Am 11. und 12. September 2009 veranstaltet TREE an der Universität Basel eine internationale wissenschaftliche Konferenz zum Thema «Transitionen im Jugendalter».
http://www.tree-ch.ch

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