x
Loading
+ -

Universität Basel

Wenn Schriftlernen trotzdem gelingt

Annelies Häcki Buhofer, Christine Beckert

Der Umgang mit Schrift und der Aufbau schriftlicher Kompetenzen hängen stark mit der sozialen Herkunft zusammen. Doch auch Jugendliche aus bildungsfernen Milieus können im Lesen und Schreiben erfolgreich sein.

Ana ist mit elf Jahren aus Portugal gekommen – sie hält sich zunächst nicht legal in der Schweiz auf und muss daher in der Wohnung der Eltern bleiben. Zur Schule darf sie erst nach einem halben Jahr. Zwei Jahre später spricht sie nicht nur ein geläufiges Schweizerdeutsch, sondern hat auch für das Lesen und Schreiben des Deutschen persönliche Funktionen und Sinngebungen ausserhalb der Schule gefunden. Schriftlichkeit (Literalität) ist nicht nur in der Schule wichtig, sondern kann allgemein als Ressource der Lebensgestaltung verstanden werden. Besonders Jugendliche aus schriftfernen Umgebungen, für die sich Klüfte zwischen den Erfahrungen in der Familie und den Erwartungen der Schule auftun, erwerben oft nicht genügende literale Kompetenzen. Aus den Pisa- Studien lässt sich deutlich ablesen, dass unter den schlechten Leserinnen und Lesern sozial benachteiligte, männliche und Jugendliche aus Zuwandererfamilien stark übervertreten sind. Im Umgang mit ihnen ist die Schule einigermassen hilflos.

Stichwort Resilienz
Dem Phänomen des unerwarteten Erfolgs in Lesen und Schreiben bei Jugendlichen aus bildungsfernen Umgebungen ging das vom Nationalfonds finanzierte Forschungsprojekt «Literale Resilienz – wenn Schriftaneignung trotzdem gelingt» nach. Im Hinblick auf mögliche Ressourcen, die diesen Jugendlichen zur Verfügung stehen, interessierte besonders die sogenannte Resilienz, also die Befähigung zum Widerstand gegenüber Einflüssen, die eine gewünschte Entwicklung hemmen, gefährden oder ihr einen negativen Verlauf geben. Welche spezifischen Schutzfaktoren gleichen die genannten Risiken der Jugendlichen aus und verhelfen ihnen zu einer erfolgreichen Schullaufbahn? Konkret wurde zum einen das Zusammenspiel von Bedingungen (Schule, Familie, Gleichaltrige, Medien) ausgeleuchtet, durch das literale Sozialisation und literale Leistungen der sozial unterprivilegierten Jugendlichen, also der «Risikogruppe», charakterisiert sind. Zum andern wollte das Projekt wissen, welchen Umgang diese Jugendlichen mit Schrift haben und wie sich die dabei beobachtbaren unterschiedlichen Qualitäten von Lesen und Schreiben erklären lassen. Resilienz wird in der Bildungsforschung nicht primär als eine individuelle Eigenschaft einer bestimmten Person gesehen. Deshalb betrachtet man in entsprechenden Untersuchungen zahlreiche Faktoren des Umfelds und der Interaktionen mit ihm. Wir haben Faktoren der Lese- bzw. Schreibsozialisation untersucht, die Jugendliche mit ungünstigen Voraussetzungen in ihrer Entwicklung stützen – Sozialisation verstanden als der Prozess, in dem sich die Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt entwickelt. Dabei geht es um die Frage, wie der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt wird.

Was ist Erfolg?
Für das Projekt wurden im Jahresabstand zweimal Daten erhoben: Von rund 1500 Jugendlichen des 8. und 9. Schuljahrs aus allen Schulstufen liegen Fragebogendaten zu verschiedenen Aspekten der Lese- und Schreibsozialisation sowie Tests der Lesekompetenz vor. In einer Teilstichprobe wurden Schreibprodukte ausgewertet. Die kleinste Teilstichprobe setzte sich aus Paaren von Jugendlichen gleichen Geschlechts zusammen, die einander in Alter, sozialer und sprachlicher Herkunft sowie nonverbaler Intelligenz sehr ähnlich waren, sich aber in der Leseleistung deutlich unterschieden. So besteht ein Paar immer aus einer resilienten Person – also einer, die trotz tiefem sozioökonomischem Status eine hohe Leseleistung aufweist – und einer nichtresilienten Person. Hier wurden mittels einer SMS-Befragung der literale Alltag durchleuchtet und Interviews zur literalen Entwicklung geführt. Die Analysen der Interviews hatten zum Ziel, Faktoren zu identifizieren, die als Indikatoren für Resilienz in Frage kommen. Im Projekt war nicht nur erfolgreich, wer schnell und genau liest sowie orthografisch und grammatisch richtig schreibt. Wer sich mit Lesen und Schreiben intensiv beschäftigt und schriftliche Aktivitäten als wichtigen Teil seines Lebens versteht, entwickelt auch umfassendere Kompetenzen. Wie Jacqueline, die sich in einer selbstgeschriebenen Geschichte den Wunsch nach einer Zwillingsschwester erfüllt. Oder Manuel, der sich von der Lektüre von Fantasygeschichten zum Schreiben von eigenen Erzählungen anregen lässt. Schliesslich Susanne, die sich beim Tagebuchschreiben Erleichterung von ihrer als problematisch empfundenen Lebenssituation verschafft. Deshalb wurde für ein mehrschichtiges Verständnis von Kompetenz plädiert und entsprechend Entwicklungen in verschiedenen Bereichen untersucht – etwa emotionale, motivationale und kommunikative Zugänge zur Schriftlichkeit. Diese erweiterte Sichtweise erzeugt allerdings ein Spannungsfeld zu den Kriterien, die in der Schule selektionsrelevant sind.

Schule für wen?
Ein wichtiges Resultat: Die sogenannte Risikogruppe ist punkto Lesesozialisation sehr heterogen und lässt sich etwa nach Geschlecht und Migrationsstatus kategorisieren. Resiliente deutschsprachige Mädchen beispielsweise orientieren sich tendenziell an schulischen Erfolgskriterien. Für resiliente Mädchen aus Zuwandererfamilien dagegen ist hauptsächlich die Zuteilung in einen höheren Sekundarschultypus massgebend. Die problematischste Gruppe bilden die mehrsprachigen Jungen mit tiefem Sozialstatus: Bei ihnen ist schriftbezogene Resilienz kaum vorhanden. Und wenn doch, dann sind ausschliesslich ausserschulische Faktoren für den Erfolg massgebend. Lehrpersonen können gerade die sozial schwächeren Jugendlichen nicht in ihrem auf Schriftkompetenzen bezogenen literalen Selbstkonzept stärken – in der Vorstellung also, welche die Jugendlichen von sich selbst als Schreiberinnen und Leser haben. Nichtresiliente können kaum je von sich sagen: «Ich bin ein Leser» oder «Ich bin eine Schreiberin». Dagegen haben resiliente Jugendliche in ihrem Leben wichtige Funktionen für Schriftlichkeit gefunden. Dazu gehören soziale und kommunikative Bedürfnisse ebenso wie die erwähnte Psychohygiene von Susanne, aber auch Unterhaltung und Erfolgsorientierung. Diese erfüllt sogar eine wichtige Scharnierfunktion: Für resiliente Jugendliche ist die Einstellung typisch, dass ihre privaten Schreib- und Lesetätigkeiten auch für die Schule nützlich sind – so ist Sabrina davon überzeugt, dass ihr das sorgfältige Schreiben und Gestalten ihres Tagebuchs beim Schreiben in der Schule den Vorteil grösserer Routine bringt. Gleichzeitig charakterisieren sie sich durch ein gutes literales Selbstkonzept.

Familie und Gleichaltrige
Immerhin ist die Schule nicht die einzige Sozialisationsinstanz für das Lesen und Schreiben, und ihr Einfluss ist daher auch begrenzt. Literale Aktivitäten und Gespräche über Schriftliches in der Familie sind, so eine Erkenntnis des Projekts, ausserschulische Faktoren für Resilienz: Wo Lesen und Schreiben fest zum Alltag gehören, werden Jugendliche literal besonders aktiv, und sie werden dabei von ihrer Familie unterstützt. Tiefer Sozialstatus ist also nicht dasselbe wie Bildungsferne. Auch im sozialen Rahmen der Gleichaltrigengruppe sind Lesen und Schreiben bedeutsam. Jugendliche unter sich pflegen eine reichhaltige literale Praxis – die nicht unbedingt den Normen entspricht: von Brieffreundschaften über SMS zum Chat im MSN. Zudem unterhalten sich Freundinnen und Freunde aber auch über Geschriebenes: Man besucht mit der besten Freundin regelmässig die Bibliothek und bespricht selbst verfasste Gedichte mit ihr. Oder man spekuliert mit seinem Freund über den Inhalt des nächsten Harry-Potter-Bandes.

Motivation stärken
Die Art, wie Schriftlichkeit in der Schule vermittelt wird – dies eine Schlussfolgerung des Projekts –, zielt an der Lebenswelt vieler Jugendlicher mit tiefem Sozialstatus vorbei. Lehrpersonen wird empfohlen, auf deren besondere Lage zu reagieren. Zunächst sollten sie versuchen, festzustellen, welche Funktionen Jugendliche für Lesen und Schreiben finden. Dabei dürften nicht die Normen und der Kanon der Schule im Zentrum stehen, sondern die funktional-sozialen Zusammenhänge von Schriftlichkeit im Alltag. Wenn die private Schriftlichkeit auch im Unterricht wahrgenommen und anerkannt wird, ist eine wichtige Voraussetzung dafür gegeben, dass gerade Jugendliche, die in ihrem privaten Umfeld wenig Wertschätzung für die Schrift erfahren, ein stabiles literales Selbstkonzept aufbauen können. Und erst wenn bekannt ist, was Schülerinnen und Schüler aus welchen Gründen schriftlich tun, können weitere, differenziertere Funktionen zum Unterrichtsgegenstand werden. Es ist eine der wichtigen Erkenntnisse des Projekts, dass Jugendliche mit bildungsfernem Hintergrund besonders auch in ihrer Motivation gestärkt werden sollten sowie darin, Schriftlichkeit als etwas Kommunikatives und emotional Zugängliches zu erfahren.

nach oben