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Universität Basel

Ethiker, Theologe und Organisator

Christoph Dieffenbacher

Georg Pfleiderer beschäftigt sich nicht nur mit Fragen der Theologie und der Ethik, sondern auch etwa damit , wie man an der Universität ein neues Fach aufbaut oder ein Forschungszentrum einrichtet. Dabei versucht er immer wieder, Verschiedenes miteinander zu vernetzen.

Georg Pfleiderer
Georg Pfleiderer © Andreas Zimmermann

Dass in einem schmucklosen Fünfzigerjahre-Hinterhaus an der verkehrsreichen Missionsstrasse Theologen arbeiten, würde der Besucher nicht gleich vermuten. Doch kaum hat er den Innenhof überquert und ist die Treppen auf komplizierten Wegen bis zum Dachgeschoss hinaufgestiegen, spürt er unter den abgeschrägten Wänden jene Atmosphäre der Ruhe und Kontemplation, die man gemeinhin mit Theologen verbindet. Die Abteilung Systematische Theologie/Ethik ist etwas abseits vom Theologischen Seminar untergebracht, was den Professor aber wenig stört: «Es sieht hier zwar nicht gerade einladend aus, doch wir können hier sehr gut arbeiten.»

Gegenwartsfragen
Dabei beschäftigen ihn neben Ethik und Theoriegeschichte der Theologie durchaus auch Fragen der Gegenwart: so zum Beispiel das Verhältnis und die Wechselwirkungen zwischen politischer Macht und Religion. «Grundsätzliche gesellschaftstheoretische Begriffe wie Souveränität, Menschenwürde oder Leben haben nämlich zahlreiche religiöse Aspekte», sagt er und findet es spannend, sie aufzuschlüsseln. So macht er sich auch über Wirtschaft und Werte Gedanken und greift dabei auf Max Webers These von der Entstehung des «Geistes des Kapitalismus» aus der protestantischen Ethik zurück. Andere Forschungsgebiete sind die Bioethik (etwa mit Fragen der Sterbehilfe oder der Tierethik), Fundamentalethik und politische Theologie sowie andere Projekte, darunter die Edition des Karl-Barth-Nachlasses. Derzeit beschäftigt er sich vor allem mit Grundlagen einer Ethik der Individualität.

Umsetzen, verbinden
Internationale Kontakte pflegt Pfleiderer vor allem zu Fachkollegen in den USA, die er als die heutige «theologische Leitkultur» bezeichnet, welche die deutschsprachige inzwischen abgelöst habe. Überhaupt gehört das Vernetzen zu seinem Metier als «philosophischer Theologe» sowohl innerhalb seines Fachs als auch zu andern Disziplinen. Darüber hinaus versucht er seine Forschung aktuell umzusetzen. Praktisch engagiert er sich etwa für das gemeinsam mit andern Universitäten und dem Collegium Helveticum entwickelte «Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik», dessen neues, multidisziplinäres Forschungskolleg er leitet. Auch hier geht es um das Zusammenführen von unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen. Aktiv war er weiter bei der Umstrukturierung der Theologischen Fakultät, als das Fach Religionswissenschaft aufgebaut wurde und es auch zu einer inhaltlichen Öffnung der Theologie kam. Pfleiderer ist unter anderem Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich oder auch der Basler Synode, dem «Parlament » der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons. Aufgewachsen ist Pfleiderer als Ältester von vier Geschwistern in Tübingen und Freiburg. Dass er überhaupt dazu gekommen ist, Theologie zu studieren, war ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt: Ein Urgrossvater war zwar Pfarrer, aber der Vater arbeitete als Mediziner an verschiedenen Universitätskliniken und die Mutter war Philologin. Die Studienwahl fiel dem jungen Mann nicht leicht, Medizin oder Recht kamen zeitweise ebenfalls in Frage. «Weil meine Interessen vor allem in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften lagen, erschien mir die Theologie als die umfassendere Disziplin», sagt er heute. Für den jungen Sinnsucher war das Fach damals am besten geeignet, seine eigenen Ideen unterzubringen, die Welt zu verbessern. Ausschlaggebend war dann wohl auch ein sehr intellektueller und charismatischer Pfarrer, dem er als Jugendlicher in der Kirchgemeinde begegnet war und der ihn stark beeindruckt hatte. Zunächst wollte Pfleiderer eigentlich ebenfalls Pfarrer werden, denn er konnte sich als 20-Jähriger nicht vorstellen, als Wissenschaftler «ein Leben lang Bücher zu lesen und Bücher zu schreiben».

Gemeindeleben und Wissenschaft
Nach einem Kibbuzaufenthalt studierte er in München; diesen Studienort wählte Pfleiderer vor allem wegen der Grossstadtluft und der nahe gelegenen Alpen. Er kam dort aber auch mit wichtigen Vertretern der Systematischen Theologie in Kontakt, die ihn prägten. Auf die Promotion folgte die Pfarrausbildung. Wichtig seien ihm heute noch die Erfahrungen des dreijährigen Vikariats, denn die Arbeit in der ländlichen Gemeinde habe ihm persönlich sehr viel gebracht. Hier konnte man in kürzester Zeit, sagt der Professor, einen «sagenhaften Einblick» in das Leben vieler Menschen gewinnen wie wohl in keinem andern Beruf. «Wenn ich eine Zeitspanne aus meinem Leben streichen müsste, diese drei Jahre wären es wohl am wenigsten. Ich könnte Ihnen wohl noch heute fast jeden einzelnen Tag nacherzählen», meint Pfleiderer lachend. Seine Habilitationsschrift schrieb er darauf als Forschungsstipendiat in London und als Assistent in München; dabei arbeitete er vor allem über Grundprobleme der Theologie im 20. Jahrhundert. Ihn interessierte vor allem, wie die evangelische Theologie im deutschsprachigen Raum mit den grossen zeitgeschichtlichen und kulturellen Brüchen zurechtgekommen ist. Diese habe nämlich wie keine andere Theologie der Welt sämtliche Entwicklungen der Geisteswissenschaften mitgemacht – und umgekehrt lange Zeit auch mitgeprägt: «Jede Generation des neuzeitlichen Christentums hat im Grunde wieder neue Frömmigkeitsformen hervorgebracht.» Pfleiderer lebt heute in Riehen, er ist mit einer berufstätigen Juristin verheiratet und Vater von drei kleinen Kindern. Beruf und Familie prägen seinen Alltag. Wenn ihm daneben noch Zeit bleibt, fährt er ins Familienferienhaus in den Schwarzwald oder betätigt sich sportlich, jedoch «ohne allzu grosse Ambitionen». Meist reiche es nur zum Joggen oder Velofahren, seltener zum Bergsteigen – sein Leistungsfeld sei eindeutig der Beruf.

Prof. Georg Pfleiderer ist seit 1999 Ordinarius für Systematische Theologie/Ethik an der Universität Basel. 1960 in Stuttgart geboren, studierte er evangelische Theologie an den Universitäten München, Tübingen und Heidelberg und war darauf wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen der Universität Augsburg. 1991 wurde er in München an der Evangelisch-Theologischen Fakultät promoviert, wo er nach einem Lehr- und einem Pfarrvikariat in der Evangelischen Landeskirche in Baden (1992 bis 1995) sowie einem Forschungsaufenthalt am King’s College in London (1995/96) Assistent wurde und sich 1998 habilitierte. An der Universität Basel war er von 2004 bis 2006 Dekan der Theologischen Fakultät. 2004 und 2008 führten ihn Forschungsaufenthalte nach Princeton und Berkeley (USA). Pfleiderer ist verheiratet und hat drei Kinder.

 

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