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Universität Basel

Jugendliche in der Familie

Beate Schwarz

Wie ergeht es Familien mit Kindern im Übergang zum Jugendalter? Wichtig für das Wohlbefinden ist , wie mit Konflikten umgegangen wird.

Wenn Kinder zu Jugendlichen werden, ist dies eine spannende, aber oft auch anstrengende Zeit für alle Beteiligten. Die Kinder müssen sich mit körperlichen Veränderungen auseinandersetzen, sich aus ihren Abhängigkeiten von den Eltern lösen und eigenständiger werden. Die Eltern sollten lernen, ihrem Nachwuchs mehr Freiräume zu lassen und ihm trotzdem als Stütze zur Verfügung zu stehen.

Besonders anfällig
Die Grundidee des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekts «Familienstress im Übergang zum Jugendalter» der Fakultät für Psychologie war, dass diese Phase die Kinder besonders anfällig für Einflüsse von familiären Belastungen macht, wie etwa ungünstige Erziehung oder Elternkonflikte. Erforscht werden soll, inwieweit personale Voraussetzungen der Kinder (wie ihre Verarbeitung von Emotionen und ihre Persönlichkeit) diese Einflüsse erklären können und welche Rolle die Gleichaltrigen spielen. Für die Studie werden Kinder und ihre Familien über zwei Jahre dreimal befragt. Im Frühling und Sommer 2008 wurden 246 Viertklässler und ihre Mütter sowie 130 Väter zu verschiedenen Aspekten der Familienbeziehungen sowie zu Befinden und Verhalten interviewt; die Kinder auch zu ihren Freundschaften und die Eltern zu ihrer beruflichen Situation. Alle Familien stammen aus Basel-Stadt und Baselland. Eine der wichtigsten Fragen des Projekts ist, wie sich Konflikte zwischen den Eltern auf die gesamte Familie auswirken. Natürlich kommen Meinungsverschiedenheiten und Konflikte bei vielen Paaren vor, ohne dass sie gleich negative Folgen haben müssen. Aus der Forschung weiss man aber, dass häufige, andauernde und ungelöste Konflikte für die Entwicklung der Kinder sehr schädlich sein können. Dies hat teilweise damit zu tun, dass die Kinder zwischen die Fronten der Eltern geraten und sich im Zwiespalt befinden, zu wem sie nun halten sollen.

Konfliktlösestrategien
Die Studie fragte sich, ob die Art, wie Eltern mit ihren Konflikten umgehen, mit dem Befinden und Verhalten der Familienmitglieder zusammenhängt. Unterschieden wurden aggressive Konfliktlösestrategien wie Beleidigungen und Ausraster sowie Rückzugsverhalten wie Schweigen, nicht Hinhören und Desinteresse, aber auch ein konstruktiver Problemlösestil, bei dem man dem andern zuhört, Kompromisse eingeht und beim Thema bleibt. Zunächst wurden die Folgen für das Befinden der Eltern betrachtet, genauer ihre depressive Verstimmung, also wie traurig, niedergeschlagen und antriebslos sie in der letzten Zeit waren. Sowohl aggressive Konfliktlösungen wie auch der Rückzug gingen mit mehr depressiver Verstimmung einher, und zwar sowohl bei der Person, die dieses Verhalten zeigte, wie auch beim Partner oder der Partnerin. Wie erwartet, war konstruktives Problemlösen mit weniger depressiver Verstimmung begleitet, doch waren diese Zusammenhänge weniger stark. Negative Konfliktlösestile verschlechtern offenbar das Befinden stärker, als es konstruktive Problemlösestile verbessern. Wie aber geht es den Kindern, je nachdem, zu welchen Konfliktlösestilen die Eltern greifen? Kinder, deren Eltern bei Konflikten eher zu Aggression und Rückzug neigen, zeigen mehr Traurigkeit, Ängstlichkeit und körperliche Beschwerden, aber auch problematischeres Verhalten wie Aggression und Unbeherrschtheit waren häufiger zu beobachten. Erklärt wird dieser Zusammenhang dadurch, dass Kinder, die solche negativen Konfliktlösestile der Eltern erleben, weniger fähig sind, ihre Wut und ihren Ärger zu regulieren: Sie neigen dann eher dazu, sich selbst die Schuld zu geben, ziehen sich zurück, resignieren oder agieren ihre Wut aus, statt dass sie sich positiven Dingen zuwenden oder die Ursache von Wut und Ärger angehen. Diese mangelnde Kompetenz zur Emotionsregulation ist sowohl für das Befinden der Kinder wie für Tendenzen zu problematischem Verhalten ungünstig. Die negativen Konfliktlösestile der Eltern hängen aber auch mit der Angst der Kinder zusammen, dass ihnen selbst oder ihren Eltern durch den Streit etwas Schlimmes passiert oder dass es zur Trennung kommt. Dies wiederum befördert besonders die Traurigkeit, Ängstlichkeit und die körperlichen Beschwerden der Kinder. Was könnte solche ungünstigen Einflüsse familiärer Belastungen abfedern? Im Jugendalter werden die Gleichaltrigen immer wichtiger (ohne dass die Eltern unbedeutend werden). Die Jugendlichen suchen Spass, Gemeinschaft und Anerkennung in der Gruppe. Freunde können unterstützen, und man kann ihnen Geheimnisse anvertrauen. Positive Erfahrungen mit Freunden könnten also eine Quelle der Kraft für Jugendliche sein, den familiären Belastungen zu widerstehen.

Freundschaften sind wichtig
Die Kinder aus der Studie zählen im Durchschnitt etwa acht Kinder zu ihrem erweiterten Freundeskreis, fast ausschliesslich des gleichen Geschlechts. Jungen und Mädchen unterscheiden sich nicht in der Grösse ihrer Netzwerke von Freund/innen und Spielkamerad/innen und auch nicht in der Qualität der Beziehungen, also wie viel Spass sie zusammen haben, wie sehr sie unterstützt werden und wie wenig Streit sie haben. Die Anzahl Freund/innen und Kamerad/ innen spielt keine Rolle für die positive Selbstsicht der Kinder – aber wer qualitativ gute Freundschaftsbeziehungen pflegt, bewertet sich selbst als positiver. Zu vermuten ist, dass die Bedeutung von Freundschaftsbeziehungen in den nächsten Jahren für die Kinder steigen wird. Betrachtet man das Verhältnis zum besten Freund oder zur besten Freundin genauer, erweist sich die Qualität dieser Beziehung als Schutzfaktor gegen ungünstige Bedingungen in der Familie. Werden die Kinder von ihren besten Freunden unterstützt, spielt ein geringer Zusammenhalt der Familienmitglieder keine Rolle für eine depressive Verstimmung. Ist die Qualität der Freundschaften aber schlecht, dann geht geringer Zusammenhalt in der Familie mit mehr depressiver Verstimmung der Kinder einher. Besonders schlecht dran sind Kinder, die weder über guten Zusammenhalt in der Familie noch über unterstützende und konfliktfreie Freundschaften verfügen. Umgekehrt kann die Familie schlechte Erfahrungen in einer Freundschaftsbeziehung abfedern: Wenn der Familienzusammenhalt hoch ist, gehen Konflikte und geringe Unterstützung in der Freundschaft nicht mit mehr depressiver Verstimmung einher. Es scheint also, dass Freunde Belastungen in der Familie, dass aber auch die Familie Belastungen in den Freundschaftsbeziehungen der Kinder abpuffern. Der weitere Verlauf der Studie wird zeigen, ob sich dies ändert, wenn die Kinder älter werden, ob etwa die Bedeutung der Familienbeziehungen gegenüber jenen zu Gleichaltrigen geringer wird und ob Belastungen in der Familie auch langfristig wirken.

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