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Universität Basel

Vom Gewaltvirus befallen?

Peter Aebersold

Trotz hoher Medienpräsenz steigt die Jugendgewalt zurzeit nicht weiter an. Und doch muss die Prävention verstärkt werden.

Jugenddelinquenz war zu allen Zeiten ein Tummelplatz für Kulturpessimisten. Die Klagen über die angebliche Verderbtheit der Jugend sind so alt wie die Menschheit. Das zeigt sich schon bei Aristoteles: «Wenn ich die junge Generation anschaue, verzweifle ich an der Zukunft der Zivilisation.» Der Kirchenvater Augustin zog im 4. Jahrhundert nach Rom um, weil er sich von der Jugend in Karthago bedroht fühlte. Und bei Shakespeare lesen wir im «Wintermärchen»: «Ich wollte, es gäbe gar kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit.»

Kollektive Ängste
Auch heute ist die Jugenddelinquenz ein beliebtes Thema, um sich über den Niedergang der Zivilisation Sorgen zu machen. Weil viele auf solche Ängste ansprechen, werden die Medien nicht müde, ihnen mit Berichten zur Jugendgewalt laufend Nahrung zu liefern. Neuerdings nehmen sich auch Politiker des Problems an. So fordern zwei Zürcher SP-Parlamentarier Gefängnisstrafen für 10- bis 14-Jährige, die CVP verlangt 3000 zusätzliche Polizisten zur «Prävention von Gewalt an und von Jugendlichen» und die SVP will delinquente Jugendliche samt ihren Familien des Landes verweisen. An diesen Patentrezepten fällt auf: Sie sind nicht mit den Fachleuten abgesprochen und setzen einseitig auf repressive, nicht auf erzieherische, therapeutische oder präventive Ansätze. Mediale und politische Kampagnen versprechen Erfolg, weil in der Schweiz wie anderswo die Kriminalitätsfurcht und die reale Kriminalitätsentwicklung weit auseinanderdriften. Während die effektiven Zahlen relativ konstant sind – in letzter Zeit sogar leicht rückläufig –, steigt die Kriminalitätsfurcht an. Damit verbunden ist eine falsche Einschätzung der Verbrechenshäufigkeit. In der Öffentlichkeit wird die Zahl schwerer Verbrechen um ein Vielfaches überschätzt. Die übersteigerte Wahrnehmung dürfte Ausdruck einer verbreiteten Verunsicherung sein, die mit dem schnellen kulturellen Wandel, mit allgemeinen Bedrohungen wie Globalisierung, Finanzkrise und Klimaentwicklung sowie mit persönlichen Ängsten um Arbeitsplatz, Zukunft und Alterssicherung zusammenhängen dürfte. Stellvertretend für diese diffusen und wenig fassbaren Gefahren finden kollektive Ängste in Straftaten eine konkrete Nahrung. Jugendgewalt wird so zum Projektionsgegenstand für Zukunftsängste. Das Strafrecht erscheint hier als Rettungsanker: Es soll den drohenden Verlust an Identität und Geborgenheit verhindern. Damit droht es zu einem symbolischen Strafrecht zu verkommen, das nicht auf reale Gefahren reagiert, sondern zur Beruhigung Macht demonstriert.

Gegensätzliche Positionen
Ist die Jugendgewalt wirklich im Steigen? Während sich die meisten andern durch Jugendliche begangenen Delikte eher rückläufig entwickeln, haben Gewaltdelikte in den Polizeistatistiken deutlich zugenommen. Ob die in der Statistik feststellbaren Zunahmen bedeuten, dass Jugendliche tatsächlich häufiger Gewalt anwenden, ist allerdings umstritten. Der neuste Report des EJPD stellt übereinstimmend mit früheren Bundesberichten fest: «Eine Zunahme der Jugendgewalt lässt sich deshalb … nicht im strengen Sinn nachweisen.» Die beiden Schweizer Kriminologen, die dazu am meisten geforscht haben, vertreten extrem gegensätzliche Positionen: Während Prof. Manuel Eisner (Universität Cambridge) eine echte Zunahme negiert, vertritt Prof. Martin Killias (Universität Zürich) die gegenteilige Auffassung. Dass die Frage nicht entschieden werden kann, ist darauf zurückzuführen, dass die statistischen Instrumente mangelhaft sind. Deshalb ist nicht auszuschliessen – und das ist das Argument der Fachleute, die eine echte Zunahme bestreiten –, dass die statistische Zunahme auf eine erhöhte Sensibilisierung der Gesellschaft gegenüber Gewalt zurückzuführen sein könnte: Die Schwelle, von wo an eine Auseinandersetzung als Gewalt definiert wird, sei tiefer als noch vor einigen Jahren, es werde häufiger angezeigt und die Kontrollinstanzen seien sensibler geworden und früher bereit einzuschreiten. Persönlich bin ich der Auffassung, dass der Sensibilisierungseffekt, der sicher eine Rolle spielt, nicht genügt, um die ganze Zunahme der registrierten Gewaltdelikte erklären zu können. Meines Erachtens deuten die Dunkelfelduntersuchungen, die Statistiken der Notfallstationen, die Beobachtungen von Pädagogen und Strafrechtspraktikern wie auch die Wahrnehmungen unserer Studierenden darauf hin, dass ein Teil der Jugendlichen im Alltag schneller Gewalt androht und intensivere Gewaltformen anwendet. Die erhöhte Gewaltbereitschaft schlägt allerdings nicht durch bei den ganz schweren Delikten, bei denen sich kein Anstieg feststellen lässt. Zudem gibt es Anzeichen dafür, dass die Zunahme in der neusten Zeit nicht mehr ungebrochen weitergeht: In Basel verzeichnete die Statistik seit fünf Jahren keine Zunahme mehr, weder bei Jugendlichen noch bei Erwachsenen.

Vernetzte Prävention
Dennoch dürfen wir angesichts des nach wie vor hohen Pegels nicht die Hände in den Schoss legen, sondern sollten präventive Anstrengungen verstärken. Nötig sind sowohl polizeiliche als auch soziale Präventionsansätze. Dass die beiden Vorgehensweisen immer wieder gegeneinander ausgespielt werden, halte ich für falsch. Wir brauchen polizeiliche Ansätze, etwa Jugendbeauftragte in der Polizei, technische Hilfsmittel, Wegweisungsnormen und Polizeipräsenz an Brennpunkten der Jugendszene, ebenso wie soziale und psychologische Ansätze wie Familien- und Kinderprogramme zur Förderung der sozialen Kompetenzen, integrierte schulische Prävention, freizeitpädagogische Massnahmen, Antiaggressivitätstrainings, kommunale Vorgehensweisen und Integrationsprojekte für Migranten. Eine entscheidende Bedeutung hat die Vernetzung der Präventionsanstrengungen, weil kombinierte und gut koordinierte Ansätze am meisten Erfolg versprechen. In dieser Hinsicht ist es problematisch, dass die Prävention in Basel-Stadt auf mehrere kantonale Dienste aufgeteilt ist. Eine Verbesserung könnten Vernetzungsstrategien nach dem Modell des runden Tisches bringen, wie wir sie seinerzeit als erster Kanton und mit gutem Erfolg im Bereich der häuslichen Gewalt eingeführt haben.

Strafrecht als Ultima Ratio
Unsere Jugend ist nicht schlechter als früher. Sie ist nicht vom Gewaltvirus befallen. Der schnelle Wandel der Gesellschaft hat aber dazu beigetragen, dass Leitplanken und Kontrollen, die ehemals durch die Familien wahrgenommen wurden, durch gesellschaftliche Regelungsmechanismen ersetzt werden müssen. Vor allem die Schule muss zunehmend Erziehungs- und Präventionsaufgaben erfüllen. Bei einem kleinen Teil der Jugend, bei dem Elternhaus und Schule überfordert sind, kommt zuletzt das Jugendstrafrecht als Ultima Ratio der gesellschaftlichen Kontrolle zum Zug. Trotz der vermehrten Beanspruchung dürfen sich die Verantwortlichen aber eine optimistische Einstellung bewahren. Denn sie können sich auf die durch viele Untersuchungen belegte Erfahrung abstützen, dass die Korrektur jugendlichen Fehlverhaltens in den weitaus meisten Fällen gelingt. Zum Verzweifeln besteht so wenig Anlass wie zur Zeit von Aristoteles.

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