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Universität Basel

Starke Gefühle

Roland Reichenbach, Rahel Heeg, Eveline von Arx

Die Gefühls- oder Herzensbildung ist ein heute wenig akzentuierter Aspekt , wenn von «Bildung» die Rede ist. Auch und vielleicht besonders das Jugendalter ist mitunter von starken Gefühlen geprägt. Der Umgang mit ihnen will erlernt sein.

Es mag als schick gelten, in Anlehnung an den Roman von Gustave Flaubert von der éducation sentimentale (1869 erschienen, dt.: «Die Erziehung des Herzens») zu reden, wenn die Sozialisation der Emotionen diskutiert wird. Doch wer sich ernsthaft der «Erziehung der Gefühle» widmet, begibt sich nicht nur im pädagogischen Diskurs auf brüchiges Eis. Wenn in Gefühlen primär spontane und authentische Regungen des Gemüts, der Seele, der Psyche oder des Organismus gesehen werden, so mag man sich kaum an der Idee einer Erziehung der Gefühle erfreuen. Man wird vielleicht höchstens die Notwendigkeit zugestehen, dass Kinder und Jugendliche auch die Fähigkeit aufbauen sollten, bestimmte affektive Impulse in ihrem Ausdruck hemmen zu können. Wer die gesellschaftliche Bedeutung der Sozialisation des Gefühlsausdrucks einräumt («Zivilität»), kann aber immer noch argumentieren, dass es eine Erziehung der Gefühle im engeren Sinn gar nicht geben könne oder aber nicht geben solle. In der aktuellen Diskussion um die Gefühle wird allerdings weithin anerkannt, dass diese intentional, zumindest in einem gewissen Sinn rational und von Bewertungsprozessen geprägt sind. Damit ist eine neue Sicht auf die Bedeutung einer éducation sentimentale möglich: Gefühle können als Grundlage unserer Orientierungen, Einstellungen und vor allem unserer Bewertungen verstanden werden. Sie stellen unseren Bezug zur Welt in ein bestimmtes Licht, geben ihm eine Färbung und manchmal dauerhaft auch eine Stimmung. Wie «bunt» diese Färbung ist, lässt sich nur im Einzelfall sagen; sicher ist jedenfalls, dass sie vor allem im Jugendalter sehr «lebhaft» sein kann. Vor fast vier Jahrzehnten hat der US-Philosoph Harry Frankfurt mit seinem Konzept der «second order desires» (1971) – der Fähigkeit, die Wünschbarkeit der eigenen Wünsche zu hinterfragen – ein interessantes Konzept geliefert, mit dem die Entwicklungs- bzw. Bildungsaufgabe im Jugendalter hinsichtlich des Gefühlsaspekts neu formuliert werden kann. Es geht dabei auch um «das Vermögen, Wünsche auszubilden, die sich auf (...) eigene Wünsche beziehen»; diese «Wünsche höherer Ordnung werden im direkten Sinne nicht dem Handeln zugeordnet, sondern den Motiven. Die Menschen kümmern sich in der Regel um ihre Motive; sie wollen, dass ihre Handlungen von bestimmten Motiven getragen werden und nicht von anderen. »

Von der Gewalt …
Am Beispiel der Jugendgewalt lässt sich zeigen, dass ein äusserlich identisches Verhalten von sehr unterschiedlichen Gefühlen und Motiven getragen werden und verschiedene Orientierungsfunktionen haben kann. Jugendliche, die in ihren Familien dauernd Missachtung erleben, entwickeln «gewaltaffine Interpretationsregimes». Sie erwarten von allen Menschen jene Feindseligkeit, die sie zu Hause erfahren, und unterstellen ihrer Umgebung die Absicht, sie zu erniedrigen. Sie fühlen sich schon bei unbedeutenden Konflikten massiv bedroht und reagieren entsprechend heftig. Die Erfahrung, von den eigenen aggressiven Emotionen überwältigt zu werden und die Selbstkontrolle zu verlieren, bestätigt und vertieft wiederum ihr negatives Selbstkonzept. Gewalt erscheint als eine «impulsiv ausgeführte bzw. affektgeladene Abwehr-Aggression». Andere Jugendliche suchen durch Gewaltsausübung das Gefühl von Stärke und Selbstwirksamkeit. Gewalt bietet die Möglichkeit, die unangepasste, eigenständige, selbstbezogene Seite auszuleben. Die Jugendlichen benutzen soziale Konflikte als Mittel zur Selbstwahrnehmung und -darstellung der Starken und Unabhängigen. Sie erleben sich als wirkmächtig, durchsetzungsfähig und selbstverantwortlich: Wenn sie zuschlagen, fühlen sie sich stark. So schlagen die einen Jugendlichen, um sich stark und gerecht zu fühlen – und nehmen dafür durchaus Schuldgefühle in Kauf. Die andern leiden unter der Erfahrung, dass sie ihre aggressiven Regungen nicht kontrollieren können. Eine éducation sentimentale hat diese unterschiedlichen Beweggründe einzubeziehen. Der erste Schritt in einer pädagogischen oder therapeutischen Begleitung muss deshalb das Verstehen sein: Welche Handlungsanreize umfasst Gewalt? Beruht sie auf einem Gefühl der Bedrohung? Oder liegt der Beweggrund vielmehr in der Suche nach einem Gefühl von Macht und Durchsetzungsfähigkeit?

… bis zur Liebe
Für die meisten gehört es im Jugendalter zur Entwicklung, (erste) Liebesgefühle zu erleben. Daraus muss nicht unbedingt eine Beziehung entstehen – manchmal auch deshalb, weil das Objekt der Sehnsucht gar nie davon erfährt. Wie und wann auch immer Jugendliche die Erfahrung einer romantischen Beziehung oder Begegnung machen, von besonderer Bedeutung ist dabei stets das Kriterium der Attraktion («Verliebtheit»). Gerade bei jüngeren Jugendlichen (vor allem Mädchen) kann sich dies in der Verehrung eines Pop- oder Filmstars ausdrücken. Manche Erwachsene werten dies als nicht wirklich ernst zu nehmend ab. Die jugendliche Schwärmerei kann aber eine Art Übung in der Fantasie und Vorbereitung für spätere «reale» Beziehungen bedeuten. Manchmal verwirklicht sich der Wunsch nach Nähe und Intimität tatsächlich, und es entsteht eine kurze Bekanntschaft oder eine länger dauernde, verbindliche Partnerschaft. Der Beziehungswunsch muss nicht immer das einzige Motiv sein, einen Freund oder eine Freundin zu haben. Manchmal kann auch die Angst, nicht wie die anderen, nicht «normal» zu sein, die entscheidende Rolle spielen, weil man als eine(r) der Wenigen aus der Peergroup noch über keine Liebeserfahrungen verfügt. Von starken Emotionen werden Jugendliche mitunter auch dann heimgesucht, wenn ihre Gefühle nicht erwidert oder sie vom geliebten Partner verlassen werden. Solche Rückschläge können tief gehen und zur Folge haben, dass Jugendliche im Prozess ihrer Identitätsentwicklung sich selbst und ihre Wirkung in äusserst kritischer, ja zerstörerischer Weise hinterfragen: Sie fühlen sich minderwertig, nicht liebenswert oder haben den subjektiven Sinn ihrer Existenz so sehr ihrer (nun gescheiterten) Liebe zugeschrieben, dass ihnen das Finden eines neuen Halts besonders schwer fallen kann.

Beim Lernen begleiten
An den Beispielen Gewalt und Liebe zeigt sich, dass die pädagogische Aufgabe nicht sein kann, Jugendliche zu lehren, wie sie die Intensität ihres Gefühlsausdrucks drosseln können. Vielmehr sollte die Aufgabe der Erwachsenen sein, Jugendliche in ihrem Prozess des Lernens, wie sie mit intensiven Gefühlen wie Macht, Bedrohung, Dazugehörenwollen und Intimität umgehen können und sollen, zu begleiten und so einen persönlichen Bildungsprozess anzuregen.

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