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Universität Basel

Bildung: Wer hat, dem wird gegeben

Thomas Meyer

Über soziale Ungleichheit in der Volksschule wird wieder diskutiert. Doch auch nach der obligatorischen Schulzeit zählt für den Bildungserfolg längst nicht nur die Leistung, wie die Jugendlängsschnittstudie TREE zeigt.

Die Schweizer Resultate der internationalen Leistungsmessungsstudie Pisa (Programme for International Student Assessment) haben hierzulande die Diskussion um Chancengleichheit und -gerechtigkeit neu belebt. Pisa hat gezeigt, dass die Schweiz neben Deutschland zu den «Spitzenreitern» gehört, was den Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg angeht. In kaum einem andern Testland gelingt es der Volksschule schlechter, unterschiedliche individuelle Lernvoraussetzungen auszugleichen und möglichst viele Schülerinnen und Schüler zu möglichst guten Leistungsergebnissen zu führen. Auf Pisa aufbauend, vermag nun die Studie TREE (Transitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben) zu zeigen, dass das Bildungssystem der Schweiz auch im nachobligatorischen Bereich vom Ziel der Chancengerechtigkeit weit entfernt ist. Dabei, so einer der zentralen Befunde, wirken die Benachteiligungsmechanismen kumulativ, das heisst, sie verstärken sich in der Summe mit jeder weiteren Schwelle, welche die Lernenden innerhalb des Bildungssystems überwinden müssen. Stigmatisierung Lieber ein guter Realschüler als ein schlechter Sekundarschüler? Wer sich nach diesem Motto richtet, fährt nicht gut, wie ein Resultat von TREE verdeutlicht. Unabhängig von der erbrachten Leistung (gemessen an der Pisa-Lesekompetenz) haben Real- oder Oberschülerinnen und -schüler durchwegs drastisch verminderte Chancen, nach der Schule eine anspruchsvolle(re) postobligatorische Ausbildung absolvieren zu können. Die Ergebnisse legen einen deutlichen Stigmatisierungseffekt für Jugendliche nahe, die auf der Oberstufe eine Real- oder Oberschule besucht haben. Dies ist umso befremdlicher, als Pisa offengelegt hat, wie ungenau die Einteilung in unterschiedliche Oberstufenzüge die Leistungen der Schülerinnen und Schüler abbildet: Die besten Realschülerinnen vermögen also leistungsmässig mit den schlechtesten Progymnasiasten durchaus mitzuhalten, wenn man die standardisierten Leistungstests von Pisa zum Massstab nimmt. Weiter wird klar, dass für Real- und Oberschülerinnen und -schüler das Risiko deutlich grösser ist, ganz ohne nachobligatorischen Ausbildungsabschluss zu bleiben (Grafik rechts): Sechs Jahre nach Schulaustritt haben sie doppelt so häufig als Schülerinnen und Schüler aus Sekundar- und Progymnasialzügen das Bildungssystem verlassen, ohne einen Lehrabschluss oder ein vergleichbares Diplom erworben zu haben (15% gegen 7%). Ein stark erhöhtes Risiko, ausbildungslos zu bleiben, haben auch Jugendliche, deren Väter auf dem Balkan, in der Türkei oder in Portugal geboren sind: Sie stehen dreimal so häufig ohne nachobligatorischen Abschluss da als die «Einheimischen» (20% gegen 7%). Jugendliche mit einem solchen Migrationshintergrund bekommen Mehrfachbenachteiligungen und die Auswirkungen des «Nadelöhrs» Lehrstellensuche besonders schmerzlich zu spüren. Offengelegt wird auch, wie stark die soziale Stellung der Eltern den Bildungserfolg mitbestimmt: Junge Menschen aus dem sozial schwächstgestellten Bevölkerungsdrittel bleiben fast viermal häufiger ausbildungslos als solche aus dem sozial bestgestellten Drittel (15% gegen 4%). Frauen holen auf Aus gleichstellungspolitischer Sicht erfreulich ist der Befund, dass sich junge Frauen hinsichtlich Ausbildungslosigkeitsrisiko statistisch nicht (mehr) bedeutend von ihren männlichen Mitschülern unterscheiden. Punkto Chance, eine Tertiärausbildung absolvieren zu können, haben sie gegenüber den jungen Männern gar die Nase vorn. Die Leistung, gemessen an der Pisa-Lesekompetenz, ist durchaus nicht unerheblich für den Bildungserfolg. Je höher das Kompetenzniveau, desto niedriger ist das Risiko der Ausbildungslosigkeit – und desto grösser die Chance, eine Ausbildung auf Tertiärstufe absolvieren zu können. Was junge Menschen in der Schweiz schulisch leisten, ist aber, wie die Befunde deutlich machen, mit Blick auf ihren Bildungserfolg stark mitbeeinflusst von «Herkunfts»-Merkmalen wie der sozialen Stellung oder dem Migrationshintergrund. Sichtbar wird schliesslich auch, wie stark die Ausbildungssituation im ersten Jahr nach Erfüllung der Schulpflicht den Bildungserfolg mitbeeinflusst. Mit grossem Abstand das erheblichste Ausbildungslosigkeitsrisiko haben jene, die nach Schulaustritt keinerlei Anschlusslösung haben, also etwa kein 10. Schuljahr oder Ähnliches absolvieren: Sie stehen in über der Hälfte der Fälle später ohne nachobligatorischen Ausbildungsabschluss da. Dies verdeutlicht, wie wichtig es ist, die jungen Menschen während dieses kritischen Übergangs nicht ihrem Schicksal zu überlassen. Solche und andere Befunde von TREE fliessen auch in die bildungspolitische Diskussion ein: etwa in die Debatte um das «Case Management» in der Berufsbildung, das unter anderem der Einsicht entspringt, dass manche Jugendlichen in dieser entscheidenden Übergangsphase individuelle Unterstützung und Begleitung brauchen.

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