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Universität Basel

Sexuelle Selektion

Valentin Amrhein

In jedem Naturfilm zu sehen: Männchen balgen sich um Weibchen, wählerische Damen begutachten die männlichen Darbietungen. Männchenkonkurrenz und Weibchenwahl sind die Hauptkomponenten der sexuellen Selektion, entdeckt von Darwin und beschrieben in seinem zweiten Hauptwerk.

Erfolg durch bunte Körperfärbung: Prachtstaffelschwanz während der Mauser ins Balzkleid.
Erfolg durch bunte Körperfärbung: Prachtstaffelschwanz während der Mauser ins Balzkleid. © Geoffrey Dabb

Zur Brutzeit trägt der australische Prachtstaffelschwanz das Kopfgefieder ganz in schillerndem Blau, ebenso koloriert ist der stets gestelzte Schwanz. Männchen, die in der Brutsaison frühzeitig in dieses Balzkleid mausern, haben besonders viel Erfolg bei den Weibchen. Die Damenwahl vollzieht sich bei diesem Vogel in der Stunde vor Tagesanbruch: Während revierbesitzende Männchen in der Morgendämmerung um die Wette singen, fliegen die Weibchen von Revier zu Revier und suchen sich das schönste Männchen aus.

Lauter Luxusgeschöpfe
Warum die bunten Farben, wozu der laute Gesang? Beides scheint purer Luxus zu sein und gefährlich dazu. Wer besonders auffällig ist, wird oft besonders schnell gefressen. Wenn Männchen mit solchen unsinnig schönen Merkmalen weniger lange leben, haben sie auch weniger Zeit, sich fortzupflanzen; die Merkmale sollten darum auf lange Sicht aus den Populationen verschwinden. Darwin bemerkte aber, dass die Welt voll ist von Luxusgeschöpfen. Männliche Elche tragen Geweihe mit bis zu zwei Metern Durchmesser, die vermutlich im Alltagsleben eher hinderlich sind. Bunte Blumen sind zwar schön anzusehen, werden aber auch besonders gerne gepflückt. Nach Darwins Konzept der natürlichen Selektion sollten sich andere, weniger gefährliche Merkmale durchsetzen, deren Merkmalsträger länger leben und mehr Zeit haben, Nachkommen zu produzieren. Auch Darwins Zeitgenossen fiel es schwer, sich vorzustellen, dass die Evolution reine Schönheit hervorbringen kann. Darwin postulierte darum einen Mechanismus, nach dem sich besonders auffällige und schöne Merkmale auf Kosten der Langlebigkeit durchsetzen können, wenn sie direkt den Paarungserfolg ihrer Träger steigern. Er nannte diese Komponente der natürlichen Selektion die sexuelle Selektion und schrieb darüber sein zweites Hauptwerk «Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl» (1871). Darin komplettierte er seine Evolutionslehre, die er zwölf Jahre zuvor mit «Über die Entstehung der Arten» begründet hatte. Eine der vielen Beispielarten, an denen Darwin die sexuelle Selektion demonstrierte, ist die Nachtigall. Ihr Gesang wird auch an der Forschungsstation Petite Camargue Alsacienne zehn Kilometer nördlich von Basel untersucht, die der Universität Basel angegliedert ist. Im Gegensatz zu Prachtstaffelschwänzen, die frühmorgens um Weibchen werben, singen männliche Nachtigallen in der Morgendämmerung, um konkurrierende Männchen aus ihrem Revier fernzuhalten. Zur Anlockung der Weibchen dient der berühmte Nachtgesang, der fast ausschliesslich von unverpaarten Männchen dargeboten wird. Bei der Nachtigall sind also Weibchenanziehung und Männchenabschreckung, die beiden Hauptfunktionen sexuell selektierter Merkmale, zeitlich voneinander getrennt. Sexuelle Selektion ist der Grund, warum Frauen Brüste haben, auch wenn sie gerade nicht stillen, warum Männer durchschnittlich grösser sind als Frauen, warum Pfauen Augenflecken auf dem Rad haben, Nachtigallen nachts singen und Dichter darüber Theaterstücke schreiben. All diese Merkmale dienen letztlich dazu, dem andern Geschlecht zu gefallen oder rivalisierende Geschlechtsgenossen zu beeindrucken. Blumen sind oft bunt und duftend, weil sie darum konkurrieren, wer die meisten Bienen anlockt und damit den grössten Paarungserfolg hat. Der Lohn der Mühe kann riesig sein. Bei polygamen Arten wie dem Rothirsch sind die individuellen Unterschiede im Fortpflanzungserfolg der Männchen sehr gross. Einzelne besonders kräftige Männchen verteidigen den Harem und damit das Monopol auf die Fortpflanzung. Wenn sich vor allem die Männchen mit den grössten Geweihen fortpflanzen können, ist die Evolution grosser Hirschgeweihe relativ einfach zu verstehen. Ein Problem hatten Evolutionsbiologen lange mit der Interpretation auffälliger Merkmale bei monogamen Arten. Wenn jedes Männchen genau ein Weibchen bekommt, warum sollten dann die Männchen um die Weibchen streiten? Wenn jedes Weibchen ihre Kinder mit genau einem Männchen grosszieht, warum sollten dann die Weibchen Zeit und Energie auf die Auswahl des Gatten verschwenden? Die Antwort ist, dass nicht jeder potenzielle Partner gleich begehrenswert für das andere Geschlecht ist. Wer zum Beispiel ein gutes Immunsystem hat und es vermutlich an die gemeinsamen Nachkommen weitergeben wird, hat «gute Gene» und ist daher besonders beliebt. Weibchen wählen oft Männchen, deren Immunsystem vom eigenen möglichst verschieden ist. Damit können sie erreichen, dass die Nachkommen eine bunte Mischung unterschiedlicher Immunsystemkomponenten haben und deswegen gegen besonders viele Krankheiten gefeit sind.

Monogamie und Untreue
Was aber, wenn man in einem schönen Revier eine Familie gegründet hat, der Partner aber nicht mit den passenden Genen ausgestattet ist? Man modifiziert die ursprüngliche Partnerwahl, möglichst ohne die Ehe zu gefährden. Nachdem die relativ einfachen Methoden der genetischen Vaterschaftsanalyse entwickelt wurden, fand man schnell heraus, dass es mit der Monogamie bei den meisten so genannten monogamen Arten nicht weit her ist. Manches Männchen zieht das eine oder andere Junge auf, das bei einem Seitensprung des Weibchens gezeugt wurde. In vielen Vogelnestern sitzt ein solches «Kuckucksjunges», und man schätzt, dass bei etwa 7% der in der Schweiz lebenden Menschen der Vater, der auf der Geburtsurkunde steht, nicht der biologische Vater ist. Die sexuelle Selektion liefert den Stoff für Beziehungsdramen sowohl in freier Wildbahn als auch in der häuslichen Einbauküche. Auf dem Gipfel der sexuellen Untreue residiert der Prachtstaffelschwanz. Hier werden nur gut 20% der Jungvögel vom Partner der Mutter gezeugt. Die armen Männchen scheinen also denkbar schlecht wegzukommen. Sie hätten im Prinzip die Chance, die Fremdgänge ihres Weibchens durch aufmerksame Bewachung zu verhindern. Nun bleibt ihnen dafür aber keine Zeit, sind sie doch meistens damit beschäftigt, bei Nachbardamen um Seitensprünge zu werben. Wer sich besonders geschickt anstellt, kann die durch die Untreue des eigenen Weibchens entstandenen Kosten bei weitem aufwiegen. In einer australischen Studienpopulation waren von 3300 genetisch untersuchten Jungvögeln ganze 807 auf die sexuellen Aktivitäten eines einzigen männlichen Vorfahren zurückzuführen. Während die Töchter und Enkeltöchter dieses glücklichen Staffelschwanzes von den verschiedenen Müttern den guten Geschmack bei der Partnerwahl erbten, bekamen die Söhne und Enkelsöhne die entsprechend schöne Körperfärbung mit auf den Lebensweg. Der Staffelschwanz des Staffelschwanzes ist damit sexuell selektiert: In besagter Population war aufgrund der Erfolge des bunten Männchens die durchschnittliche Schwanzfarbe in den nächsten Generationen vermutlich noch ein bisschen blauer.

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