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Universität Basel

29. August 2012

Säuglinge schonend auf Stress testen

Bei Neugeborenen steigt – ähnlich wie bei Erwachsenen – nach dem Aufwachen die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Speichel deutlich an. Das berichtet ein Forscherteam der Universität Basel und der Ruhr-Universität Bochum in der Zeitschrift «Psychoneuroendocrinology». Diese Erkenntnis könnte in Zukunft genutzt werden, um bei Neugeborenen Krankheiten hormonproduzierender Organe zu diagnostizieren.

Bei Erwachsenen untersuchen Wissenschaftler Stresshormone üblicherweise, indem sie die Probanden im Experiment einer stressigen Situation aussetzen. Da ein vergleichbares Vorgehen aus ethischen Gründen bei Neugeborenen nicht denkbar ist, ist es schwieriger herauszufinden, wie gut ihr Stresssystem entwickelt ist. Das deutsch-schweizerische Forscherteam um Prof. Gunther Meinlschmidt umging dieses Problem, indem es das Aufwachen als eine natürliche «Stresssituation» für das Neugeborene betrachtete. Bei Erwachsenen steigt die Konzentration des Hormons Cortisol nach dem Aufwachen an, vermutlich um den Körper auf die Anforderungen des Tages vorzubereiten. In welchem Alter dieser Cortisolanstieg nachweisbar ist, war bislang unbekannt.

Auch Babies zeigen Cortisolanstieg beim Aufwachen

Die Studie untersuchte 64 Neugeborene im Alter von drei Wochen bis sechs Monaten. Die Eltern liessen ihre Kinder zu Hause an zwei Tagen an einem kleinen Wattestäbchen lutschen – jeweils nach dem Aufwachen und eine halbe Stunde später. Im so gewonnenen Speichel bestimmten die Forscher die Konzentration von Cortisol. In 63% der Fälle stieg die Cortisolmenge nach dem Aufwachen deutlich an. Dabei spielte weder die Aufwachzeit, noch die Tatsache eine Rolle, ob das Baby nach dem Erwachen gestillt wurde oder nicht.

Länge der Schwangerschaft sagt Cortisolanstieg vorher

Stattdessen hing die Länge der Schwangerschaft mit dem Cortisolanstieg zusammen. Je früher die Kinder zur Welt gekommen waren, desto geringer war der Cortisolanstieg nach dem Aufwachen. «Möglicherweise ist das Stresshormonsystem bei Babys nach kürzerer Schwangerschaft weniger ausgereift», vermutet Privatdozentin Dr. Marion Tegethoff von der Fakultät für Psychologie der Universität Basel, und warnt zugleich vor möglichen negativen Konsequenzen: Da Cortisol das Immunsystem hemmen kann, könnte es durch einen fehlenden Cortisolanstieg zu überschiessenden Immunreaktionen wie bei Allergien kommen.

Neuartiger Test für Säuglinge

Stress erhöht das Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen. Gunther Meinlschmidt, Professor an der Ruhr-Universität Bochum und Lehrbeauftragter an der Universität Basel: «Damit bietet sich eine neue, nicht-invasive und unkomplizierte Möglichkeit, die Aktivität des Stresssystems bereits im Säuglingsalter zu erfassen». Erkenntnisse der Studie könnten in Zukunft helfen, bei Neugeborenen Krankheiten hormonproduzierender Organe wie der Nebenniere festzustellen.

Originalbeitrag

M. Tegethoff, N. Knierzinger, A.H. Meyer, G. Meinlschmidt


Cortisol awakening response in infants during the first six postnatal months and its relation to birth outcome

Psychoneuroendocrinology | doi: 10.1016/j.psyneuen.2012.08.002

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