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Universität Basel

09. Juni 2015

Basler Papyrussammlung wird neu erforscht

Basler Papyrussammlung
Die Papyrologin Sabine Huebner erforscht die Basler Papyrussammlung, die vor über 100 Jahren in Vergessenheit geraten war. (Bild: Universität Basel, Christian Flierl)

Vor mehr als 100 Jahren erwarb die Universitätsbibliothek Basel eine Sammlung alter Papyri aus Ägypten. In der Folge blieben die 2000 Jahre alten Schriftstücke von der Forschung weitgehend unbeachtet. Sabine Huebner, Professorin für Alte Geschichte, widmet sich nun in intensiv ihrer Erforschung. Im Interview erzählt Sie, wie es dazu kam.


Sabine Huebner, wie sind Sie auf die Schriftstücke gestossen?

Die Universität Basel hatte lange keinen Papyrologen, es beschäftigte sich also niemand mit der Sammlung und mit der Zeit hat man sie vergessen. Ein Papyrologe aus dem Ausland hat mich gefragt, ob es die Basler Papyrussammlung noch gibt. Ich habe mich also erst mal auf die Suche gemacht und Dr. Ueli Dill von der Handschriftensammlung hat mich zu der Sammlung geführt, die in zwei Schubladen in der Handschriftensammlung der Universitätsbibliothek lagerte.

Um was für Schriftstücke handelt es sich?

Es sind rund 65 Texte in den vier Sprachen Griechisch, Lateinisch, Koptisch und Hieratisch. Die meisten Schriftstücke sind Alltagsdokumente, also Verträge, Briefe, Quittungen oder Petitionen. Wir haben hier u.a. einen Transportvertrag über beschlagnahmte Kamele, einen Kaufvertrag für einen Esel, den Verkauf von Heu, einen Unterhaltsvertrag, ein Darlehen, Steuerquittungen, Rechnungen und private Briefe. Die Stücke sind vor allem in sozial-, kultur- und religionsgeschichtlicher Hinsicht interessant. Sie verraten viel über den Alltag der «einfachen» Leute von damals.

Ein Stück ist allerdings besonders interessant, es handelt sich dabei um den ältesten bekannten christlichen Privatbrief. Datiert wird er nach paläographischen Kriterien auf die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts. Des Weiteren umfasst die Sammlung die ersten abendländischen Gelehrten bekannt gewordenen Papyri. Letztere stammen vermutlich, den Ravenna-Papyri verwandt, aus Italien und wurden bereits im Jahre 1591 der Basler Universität geschenkt – 300 Jahre bevor die Kunde von Papyrusfunden in Ägypten nach Europa drang und die ersten Papyrussammlungen entstanden.

Was haben Sie nun mit der Sammlung vor?

Der SNF hat meinen Projektantrag zur Edition der Sammlung bewilligt und zusammen mit zwei Postdocs Dr. Graham Claytor und Dr. Isabelle Marthot, dem Team der Universitätsbibliothek und dem Digital Humanities Lab der Universität Basel werden wir die Papyri nun digitalisieren, transkribieren, kommentieren und übersetzen. Das Projekt startet diesen September und wird über zwei Jahre laufen. Unser Ziel ist es, die Sammlung durch Editierung und Digitalisierung  weltweit über sogenannte online-Papyrusportale (siehe Box) zugänglich zu machen. Die deutschsprachigen Hochschulen haben ihre Papyri bereits alle so aufgearbeitet – die Universität Basel fehlte bis anhin leider noch. Diese Lücke möchten wir nun schliessen.

Ausserdem wollen wir auch neue Analyseinstrumente an ausgewählten Stücken testen. Zum Beispiel werden wir zusammen mit der Columbia University in New York nanotechnologische Untersuchungen an den Papyri vornehmen. Das Verfahren zur Altersbestimmung antiker Tinte wurde an der Columbia University in New York entwickelt und soll jetzt auch in Basel zum Einsatz kommen: mithilfe eines Mikroraman-Spektrometers wird der Kohlenstoff in der antiken Tinte analysiert. Zudem möchten wir in Workshops die Papyri den Studierenden näherbringen. Solche Schriftzeugnisse sind immer besonders faszinierend und eignen sich gut als Einstieg in die Welt der Antike.

In welchem Kontext hat die Universitätsbibliothek 1900 die Papyri gekauft?

Der Freiwillige Museumsverein der Stadt Basel erwarb sie im Jahre 1900 für die Universitätsbibliothek und machte damit Basel zur einzigen deutschsprachigen Universität der Schweiz, die heute im Besitz einer Sammlung griechischer Papyri ist. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts boomte die Papyrologie gerade – es war eine Art Trend, sich solche Sammlungen anzuschaffen. Die ersten grossen Papyrus-Funde hatte man in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gemacht. Verloren geglaubte Werke antiker Autoren kamen dabei wieder ans Tageslicht. Man hoffte auch, mehr über die Entwicklung des frühen Christentums zu erfahren und unbekannte Evangelien zu finden. Die Universität Basel war eine der ersten deutschsprachigen Universitäten, die eine Papyrussammlung erworben hat.

Worin liegt für Sie die Faszination der Papyrologie?

Für mich ist vor allem interessant, dass man etwas über das Alltagsleben gewöhnlicher Menschen, über die Sorgen und Nöte von Frauen, Kindern, Armen und den Alten erfährt, die vor über 2000 Jahren gelebt haben. In den Werken der klassischen Autoren – grundsätzlich Männer der antiken Oberschicht – werden diese Aspekte der antiken Gesellschaften nicht thematisiert. Ausserdem gibt es noch unglaublich viele unedierte Papyri auf der Welt, gerade mal 5 Prozent sind überhaupt erst veröffentlicht und der Forschung zugänglich gemacht worden. Die übrigen lagern an verschiedenen Orten der Welt seit mehr als 100 Jahren originalverpackt in Kisten und warten auf ihre Bearbeitung.  Die Papyrologie ist eine noch sehr junge Disziplin mit viel Potenzial, die auf Nachwuchs hofft.

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